Es ist dick. Und doch sind die eng bedruckten 600 Seiten ein Kammerspiel zwischen nur vier Figuren; das Schwarze Kreuz, mit seinen vier Enden, wie 'Sam', der Buch-Autor im Buch, sie nennt. Dabei bezieht er sich selbst nur zögerlich mit ein ins Quartet. Seine Rolle ist unklar, doch dem Menetekel des "Black Cross", der Kneipe, wo alle immer wieder zusammenkommen, wird er sich schließlich nicht entziehen können.
Die sprachliche Eleganz, immer beibehalten auch bei der Skizzierung niederster Verbrecher- und Proleten-Halbwelten, steht in eigentümlichem Gegensatz zum Erzählansatz von "1999", im Original "London Fields". Der ist gewagt. Aber trickreich. Das geht schon damit los, dass Martin Amis seinen Erzähler Sam in New York leben lässt und ihn aber an den Ort, an dem er aufgewachsen ist und der den Schauplatz bilden wird, zurückkehren lässt: London. So kann er vorgeben, jemanden mit Außensicht, die sozialen und moralischen Veränderungen in der Stadt sezieren zu lassen. Die Buch-Kritik sah seinerzeit in diesem Momentum inhaltlich auch das Hauptanliegen des Werkes, doch greift das viel zu kurz. Zwar liegt der Park "London Fields" im spätestens seit 2011 auch dem Nicht-Londoner geläufigen Borough Hackney - Stichwort Riots -, doch Amis ist weit davon entfernt, wie der junge Kollege Lee Rourke mit seinem mit dem 2010er Not The Booker Prize-prämierten "Der Kanal" [sf magazin besprach >>>], sublim und in prophetischer Kraft das gesellschaftliche Auseinanderbrechen anzukündigen. Nein, Amis geht in den molekularen Bereich der Familie und der zwischenmenschlichen Beziehung und schaut dort, ob Mensch sich in puncto Triebe jemals biologisch vom Tiersein befreien kann. Und scheint das moralisch gar nicht werten zu wollen, bis auf einen Punkt. Es klingt unglaublich, beim vermeintlichen Skandalautor Martin Amis, abonniert auf Sex, Drogen, Abgründiges, sind zwei Säuglinge zentral in "1999". Einer bei einer reichen Familie, einer im Horrorhaushalt des Klein-Ganoven. Wenn "1999" eines sagt, dann, Lebt wie ihr wollt!, aber tragt es nicht auf dem Rücken der nächsten Generation aus.
Besser als das Tier, kann der Mensch manipulieren. Das nutzt auch Martin Amis aus respektive sein Sam, ein Autor mit Schreibblockade. Da er die Fiktion nicht selbst erstellen kann, beobachtet er Femme Fatale 'Nicola', den werdenden Darts-Profi und "Halbgewaltverbrecher" 'Keith' und den naiven und saturierten Unternehmenserben 'Guy'. Vielmehr, er trifft sich mit ihnen, vornehmlich, um in ihre Welt einzutauchen, doch im Falle der Nicola auch, um eine Geschichte voranzutreiben, innerhalb der drei von vier Enden des Schwarzen Kreuzes. Doch nicht einmal der Grund-Plot stammt von Sam selber: Er basiert auf Nicola's Tagebüchern. Nicola, ein traumverhangener Charakter, Herkunft unbestimmbar, irgendwie aus dem Model- und Starlet-Biz, hadert mit dem Älterwerden und prophezeit ihre Ermordung an ihrem 35sten Geburtstag.
Sie ist die "murderee", herrlich übersetzt vom grandiosen Eike Schönfeld als "die Mordgeweihte". Wer jetzt ihren Mörder sucht, sie selbst oder Autor Sam, verschwimmt zusehends, in einem selbstgeschaffenen Universum, in dem sich Nicola und Sam als Dipole umkreisen. Vordergründig versuchen sie, zwei Kandidaten zu gewinnen: Keith und Guy, denen Nicola völlig konträre Lebensläufe auftischt. Doch sowohl Sam als auch Nicola passen ihr eigenes Drehbuch auf deren Reaktionen an, und so wird "1999" zu einer Verschachtelung von Wirklichkeiten und nur eine Person wird den Überblick behalten ...
Keith, der Halbgewaltverbrecher, anzunehmen, dass Amis ihn namentlich an den Macheath der Bettleroper, den späteren deutschen Mackie Messer anlehnte, wird die Figur sein, die am längsten in Erinnerung bleibt. Amis kennzeichnet ihn durch derben Realismus, der hinlänglich aus der Hardboiled Novel bekannt ist, als auch durch ein tiefes Eintauchen in seine Gedankenwelt, ihn fast sympathisch machend, aber eben nicht gänzlich von Boshaftigkeit freisprechend, wie es ein Brechtsches Theater tut, das menschliche Deformierung nur im gesellschaftlichen Missstand fixiert sieht. Wenn Keith, größtenteils Frauenheld aus freien Stücken von deren Seite, verheiratet, ein Kind, auf seine parallelen Sexabenteuer zurückblickt, die er gar nicht als Abenteuer betrachtet, sondern das, was einem in der "Freizeit" zusteht und bei seiner Sicht auf zahllose Vergewaltigungen, dem Leser plausibel machen kann, dabei nie ein Unrechtsempfinden verspürt zu haben, dann ist das beängstigend echt, ein selten gut plastisch geschildertes Tier im Menschen.
An Nicola wird sich Keith die Zähne ausbeißen. Ihr Nimbus lässt keine Gewalt zu ...
Keith war froh, dass er's nicht getan hatte. Keith war froh, dass er Nicola nicht vergewaltigt hatte. Eindeutig. Das Ganze machte ihn richtig stolz.
Außer Schlag bei den Frauen hat dieser Keith durchaus Einnehmendes auch für die Intellektuellen der Viererbande. Unternehmenserbe Guy will ja gerade ausbrechen aus Kleinfamilienenge und verirrt sich bewusst ins Black Cross. Nicola wiederum schmiedet mit ihm einen Plan, den naiven Guy finanziell auszunehmen. Letztendlich verkehrt das ungleiche Figurenquartet fast schon à la Screwball-Komödie wechselseitig und teils gleichzeitig in den Wohnungen der jeweils anderen. Herrlich ist dort auch die freilich noch kaum sprachbegabte Figur des Säuglings 'Marmaduke', der in derber Überzeichnung ödipal-gewalttätig Vater Guy verdrischt, sobald er in Reichweite kommt, aber auch das Haus zerlegt und wöchentlich eine neue Au-Pair verschleißt. Auch im Dreieck Keith, Ehefrau 'Kath', und Säugling 'Kim' vermutet Autor Sam Gewalt.
Die Genialität im "1999" liegt darin, dass jeder Leser ganz am Ende des Buches für sich selber entscheiden muss, ob die Verführerin Nicola eine Allegorie für das Lösen von Verdrängungen in den beiden Familien ist - denn in beiden müssen sich die Zustände radikal ändern - oder ob ihr Label Femme Fatale aufrechtzuerhalten ist. Die beiden Säuglinge wissen es ganz genau ...
Martin Amis 's "1999" ist ein gleißender Fiebertraum, der im nächsten Moment hardboiled daherkommen kann und gegen Ende immer erotischer wird. Seine Wort-Fabulierwut, wenn er etwa das Joch eines Sechsspänners auf die Plastikstanze überträgt, die früher das Sixpack Bierdosen zusammengehalten hat - "Sechserpackjoch" - und satzbauliche Glanzstücke wie dieses, als Guy zur Ehefrau sagt während er an die Geliebte denkt: "Wenn es ihm [Marmaduke] besser geht", sagte Guy, der dachte: Nicht zu weit; aber sie könnte mich ja am Bahnhof abholen, "ziehen wir aus London raus", garantieren Vergnügen bei kaum einer schwachen Seite von den 600.
[ACHTUNG! Zu Deutsch derzeit, Januar 2012, nur antiquarisch; zu Englisch neu erhältlich]
Februar 2012 erscheint das neueste zu Deutsch übersetzte Werk von Martin Amis:
Besprochene Ausgabe: Rowohlt | 1995 | 610 Seiten | Festeinband* | €
Twittern
1. Manfred Rumpl: Das weibliche Element - Sechs Stories (2012)
2. Bettina Balàka: Kassiopeia (2012)
3. Virginie Despentes: Apokalypse Baby (2012) - Orig.: Apokalypse Bébé (2010), französisch
Pierre Wazem, Tom Tirabosco:
Im Dunkeln
Avant-Verlag, Broschur
Toine Heijmans:
Irrfahrt
Arche, Festeinband
Virginie Despentes:
Apokalypse Baby
Berlin Verlag, Festeinband
Florian Scheibe:
Weiße Stunde
Luftschacht, Festeinband
sf magazin lebt von Werbung. Sie haben keine Berechtigung, diese Site mit eingeschaltetem Ad-Blocker (Werbeblocker) zu surfen!
>>> Mehr Info ...