Das heißt nicht, dass Stromiedel im Allgemeinen etwas gegen eine schöne, bürgerliche Sicherheit hätte - dafür sind seine Polizei-Figuren rund um 'Kommissar Paul Selig' viel zu sympathisch gezeichnet. Da steckt viel Liebe drin. Doch Freiheit ist ihm ebenso lieb, und so lässt er deutlich durchscheinen auf welcher Seite er stand, im großen 2008er Kampf um die Neufassung des BKA-Gesetzes, das schließlich seit 01.01.2009 im Ergebnis als "Gesetz zur Abwehr von Gefahren des internationalen Terrorismus durch das Bundeskriminalamt" in Kraft ist. Doch das kommt nicht überambitioniert daher; Stromiedel sagt: Seht, es hätte schlimmer kommen können! Und seid weiterhin wachsam gegenüber ins Kraut schießenden Sicherheitsfanatismus.
In "Feuertaufe" befinden wir uns eben genau in einer Art Alternativen Realität, einer kleinen Verschiebung der Wirklichkeit, zeitlich nicht genau verortet. Täglich kommt es zu Demonstrationen gegen die neuen Sicherheitsgesetze. Es herrscht vorrevolutionäre Stimmung. Allerdings gab es in Stromiedels Deutschland nicht nur versuchte Terrorattacken, sondern tatsächlich drei. Das Überwachungssystem Berlins wirkt wie aus einem Kino-Thriller: Nur eine jugendliche Polit-Gruppe macht sich noch die Mühe, eine Karte der wenigen nicht per Kamera überwachten Fortbewegungs-Trassen durch die Hauptstadt zu aktualisieren und ins Netz zu stellen. Doch wenn man das nicht weiß, ist es den über hundert Mitarbeitern einer krakenhaften, unterirdischen Überwachungszentrale möglich, "Verdächtige durch Berlin zu verfolgen, ohne einen Fuß aus diesem Raum zu setzen."
Nach etwas sprödem Beginn, es scheint, als ob sich Stromiedel erst warmschreiben müsse, muss man sich allerdings erst an eines gewöhnen: Da treten plötzlich eine Bundeskanzlerin und ein Innenminister in tragenden Rollen auf; und das tun sie natürlich nicht wie man sie real aus dem Fernsehen kennt, sondern als Romanfiguren mit all ihren Abgründigkeiten, den Vier-Augen-Gesprächen und den Bandagen aus extra rauhem Sackleinen, damit's weh tut. Aus der angelsächsischen Buch- und Kinowelt kennen wir das zu genüge. Hierzulande stutzt man erst mal. Aber, Respekt!
Kommissar Selig wirkt vorerst wie ein Bartleby, einer der lieber zu sagen scheint 'I'd prefer not to', der lieber den Kopf einzieht vor Problemen, was er im Privaten sicherlich auch gerne tut, geschunden durch viel Familienunglück. Doch beruflich trügt der Schein. Er ist integer und einem Bullterrier gleich, beißt er sich an einem Fall fest und lässt nicht mehr los. Dann gibt es noch den schüchternen, schwerfälligen Kollegen Wagner und die von allen bewunderte Kollegin Fernandes. Doch selbst deren kollegiale Aufmerksamkeit, etwa mitgebrachter, hochgeschätzter, extern gekaufter Kaffee, lässt Selig an sich abprallen. Aber -, allen Figuren Markus Stromiedels sollte man eine gewisse Wandlungsfähigkeit und Entwicklung zutrauen...
Brillant beschrieben ist die aufbegehrende Sozialismus-Phase des siebzehnjährigen Sohnes Seligs mit ihrer Ablehnung alles Althergekommenen, also auch dem Tun des Vaters, der sich als Polizist nochmal hoch zwei ins System integriert. Einfühlsam schildert Stromiedel hier das Agieren Seligs mit Glacé-Handschuhen, denn Selig weiß, setzt er dem Sohn zu sehr zu, "verliert er ihn für immer." Die zwei werden sich ganz schön gegenseitig aus der Patsche helfen müssen, denn Selig will irgendjemand im Laufe der Ermittlungen zu einem Brandanschlag ans Leder, während Selig eigentlich gegen seinen eigenen Sohn ermitteln lassen müsste. Auch wirkliche Bösewichte in den Reihen der vermeintlich Guten werden plötzlich selber zu Gefolterten und Gejagten und bei allem, was im Zuge vermeintlicher Terrorabwehr aus dem Ruder läuft, ziehen nur wenige Strippenzieher eine sportliche Genugtuung aus dem täglichen politischen Karriere-Schachspiel mit den Kollegen als den schlagkräftigen Figuren und der anonymen Volksmasse als den Bauern. Diesen Grund-Charakterzug als banales, notwendiges Rüstzeug für den Politiker-Beruf wird auch Markus Stromiedel nicht in Frage stellen. Doch schaut er auf die Entscheidungsfreiheiten, die daneben noch übrigbleiben.
Besprochene Ausgabe: Knaur | 2010 | 496 Seiten | Broschur* | € 8,95
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
1. Horst Eckert: Schwarzer Schwan (2011)
2. Urban Waite: Schreckensbleich (2011) - Orig.: The Terror of Living (2011), engl.
3. Yassin Musharbash: Radikal (2011)
4. André Meier: Letzte Losung (2011)
5. Sara Paretsky: Hardball (2011) - Orig.: Hardball (2009), engl.
Robert Ludlum, Eric van Lustbader:
Das Bourne Duell
Heyne, Festeinband
Linwood Barclay:
Weil ich euch liebte
Knaur, Broschur
Thomas W. Young:
Freeze - Gefangen im Eis
Piper, Broschur
Elisabetta Bucciarelli:
Ich vergebe dir
btb, Broschur
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