18.11.2018   Rezension, Buchbesprechung, Buchkritik   Literatur, Buch, Kritik         Markus Feldenkirchen - Was zusammengehört: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
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- Was zusammengehört

(2010)
Endstation Irland
In seinem Debütroman „Was zusammengehört“ erzählt Spiegel-Autor Markus Feldenkirchen voll irischer Melancholie von einschneidenden Weltumbrüchen im Großen wie im Kleinen.  Von Nora Boeckl - sf magazin 11.08.2010
Markus Feldenkirchen - Was zusammengehört
Zoom Markus Feldenkirchen - Was zusammengehört

Es ist eine jener ebenso gefälligen wie zeitlosen Geschichten. Eine, die von den Stürmen der Adoleszenz in Verbindung mit einer anrührenden wie tragischen Liebesgeschichte erzählt, das Ganze auf dem idyllischen Irland ansiedelt und vor die Schablone des großen Weltgeschehens setzt. Wenn sich die Liebenden dann auch noch schwören, sich trotz der Unmöglichkeit ihrer Verbindung in zehn Jahren zu genau derselben Zeit an genau demselben Ort - einem abgelegenen See im noch abgelegeneren irischen Örtchen Killarney - wieder zu treffen, ist der Punkt erreicht, an dem eine kräftige Prise Rosamunde-Pilcher-Romantik durch die Seiten weht. Ganz so schubladenhaft einfach sind die Dinge in diesem Fall jedoch auch wieder nicht gelagert.

'Benjamin', Mitte dreißig, erfolgreicher Banker, Besitzer von Freundin, Geliebter und teurer Wohnung, in der sich aufgrund mangelnder Zeit und noch immer nicht gefundenen Platzes im Lebens immer noch die Umzugkartons stapeln, bekommt eines Tages einen Brief. Allein ein Blick auf den Absender genügt, um ihn postwendend ins Jahr 1989 zurück zu versetzen und die im Grunde nie überwundene Tragödie nach und nach freizulegen. „Als ich das erste Mal einen Brief mit diesen Absender in den Händen gehalten habe, war Deutschland noch geteilt und die Globalisierung noch nicht erfunden, die Dinge waren übersichtlich.“
Jedenfalls bis Benjamin, 16 Jahre alt, ein sensibler, fußballbegeisterter rheinischer Junge auf der Klassenfahrt in Irland der schönen und geheimnisvollen 'Victoria' begegnet. Es ist die erste und zugleich auch die große Liebe seines Lebens. Doch wo bliebe die Tragödie, wenn die beiden einfach so zusammengehören könnten. Das Irland und seine Gesellschaft jener Zeit sind stark geprägt von katholischen Dogmen, obendrein ist Victorias Vater der Bürgermeister von Killarney und mag keine verliebten deutschen Jungen, eigentlich mag er überhaupt keine Vertreter männlichen Geschlechts in der Nähe seiner Töchter. Was den beiden bleibt, ist, sich Briefe zu schreiben, und das nicht zu knapp: „To my love!“- „In ewiger Liebe mit dir verbunden“

Den inneren Gefühlsstürmen stehen die äußeren Umbrüche jener Zeit gegenüber. Anders als im geteilten Irland fällt in Deutschland die Mauer und es wächst zusammen „was zusammengehört“. Wenn man gerade seinen ersten Kuss bekommen hat, zumal vom Mädchen seiner Träume, scheint Geschichte jedoch relativ und die grenzenlose Aufregung und Begeisterung der Elterngeneration schwer nachzuvollziehen. Auch, wenn es sich bei ihren Vertretern etwa um den grundanständigen wie sympathischen Altachtundsechziger und Lieblingslehrer 'Boell' handelt, an dem es ist, zu verkünden, welch spektakulären Dinge sich während der Klassenreise in der Heimat ereignen. Die Namensverwandschaft mit dem Kölner Schriftsteller ist dabei kein Zufall, auch Boell hat sich unsterblich in die grüne Insel verliebt, wie sich überhaupt Bölls „Irisches Tagebuch“ leitmotivisch durch das ganze Buch zieht. Doch eigen und erzähltechnisch gekonnt, arrangiert der Autor das Nebeneinander von großem Weltgeschehen und privater Weltkrise, agiert spielerisch mit großen Erzählbögen, Zeitsprüngen, Szenen- und Ortswechseln. Amüsant ist auch der trockene und durchaus bissige Humor, mit dem der zutiefst westdeutsche Protagonist das Zeitgeschehen kommentiert: „Ich hatte eine lupenreine Helmut-Kohl-Jugend, das ist nicht schön.“

Geschäftlich reist der erwachsene Benjamin in der Erzählgegenwart erneut nach Irland, doch es ist nicht mehr der alte Sehnsuchtsort. Das radikal strukturgewandelte Land hat nur noch wenig von seiner unverfälschten Ursprünglichkeit, die Finanzkrise wütet gerade hier, ob der künstlich forcierten, noch schwachen Strukturen. Wieder sind die äußeren Umstände ein Spiegel für die innere Aufruhr des Grande Finale der Liebesgeschichte. Etwas weniger Hauptabendprogrammsdramatik wie leidvolle Schicksalhaftigkeit hätten es auch getan, und Sätze à la „Ob es je wieder so sein wird?“ an Kapitelenden tragen nicht unbedingt dazu bei, die Kitschfalle zu entschärfen. Markus Feldenkirchen hat sich viel vorgenommen in diesen Roman, vielleicht zu viel: die Geschichte einer lebenslangen Liebe erzählen, die gefühlte wie tatsächliche Heimatlosigkeit des modernen Thirty-Somethings schildern und dabei aus dem Strudel der historischen Ereignisse zwei divergierende Zeit- und Gesellschaftsbilder zeichnen. Bei all der taumelnden Liebesseligkeit inmitten der vom Himmel geküssten Landschaft Irlands gerät diese Vielschichtigkeit jedoch leicht einmal aus dem Blickfeld.

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Besprochene Ausgabe: Kein und Aber  |  2010  |  352 Seiten  |  Festeinband*  |  € 19,90

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