Mark Rowlands, 46, in jüngeren Jahren Amateur-Boxer und Rugby-Spieler, ist 1,75 Meter groß und 91 Kilo schwer - und ein schwieriger Mensch, oder war es zumindest. Der Wolf Brenin hatte eine Schulterhöhe von 90 cm, wog 68 Kilo und war einfach ein Wolf. Diese beiden harten Kerle pflegten elf Jahre lang eine zutiefst emotional wirkende Verbindung. Brenin ist tot. Rowlands ist jetzt verheiratet und hat einen kleinen Sohn.
Das ist ein - wahrer - Plot, dem Rowlands ein herausragendes Buch gewidmet hat. Eine locker-flockige (Teil-)Autobiografie mit philosophischen Einschüben, die sich weit unterscheiden vom unsäglichen Glücksversprechen-Bestsellerbrei. Ein Wolf jagt Kaninchen - kein Glück.
Dass das Buch begeistert, einen mitfühlen lässt, zulässt, in den philosophischen Passagen durchaus mal anderer Meinung sein zu können, einem nichts aufzwingt, - und das alles auch, wenn man kein Hunde-/Wolfnarr ist - liegt daran, dass Rowlands neben seinen Universitätstätigkeiten ein guter Schriftsteller ist. Er kann mitreißen, er kann den Leser zwingen über sich selbst nachzudenken, er schont sich selbst, den Autor, nicht, er kann polemisch sein und urteilt auf sympathische Weise subjektiv; sympathisch, da er jederzeit durchblicken lässt, sich auch mit jeglicher anderen Meinung konfrontieren zu lassen und sich deren Existenz auch bewusst zu sein.
Da schreibt einer über die Abrichtung des Welpen Brenin, seine jungen wilden Jahre, die kleinen Katastrophen, wie zerlegte Wohnungen, die Kämpfe, die Brenin nur mit körperlich ebenbürtigen anderen Hunden austrägt, die Eleganz seiner Fortbewegung - Rowlands joggt mit ihm und ist jedesmal fasziniert vom gleitenden Laufen des Wolfes, bei dem Rücken und Schultern konstant auf gleicher Höhe bleiben -, und über den alten Wolf, ab dem achten Jahr etwa. Ein Buch über Begeisterung, Gefühle, Loyalität und Trauer für, zu und um ein Tier. Doch - was für eine Mischung! - die Geschichte dieser Freundschaft ist auch Vehikel für die Beschreibung des Menschen Rowlands in diesen elf Jahren. Der Zusatz „innerhalb elf Jahren“ dürfte Rowlands wichtig sein. Denn schon geht es los, mit dem, was das Tier Wolf ausmacht, und was davon inspirierend ist für das Tier Mensch. Slogans wie „Sich selbst treu bleiben“ ist Rowlands abhold, was nicht ausschließt, dass er nebenbei mal eben die Existenzialisten mit ihrem „Sich ständig neu erfinden“ ebenfalls verreißt. Der Wolf lebt einzelne Momente, ohne sie vielleicht insgesamt in ihrem Zeitpfeil zu durchweben. Der Mensch scheint andersrum. Rowlands warnt, einer Art „Gesamtglück“ oder dem Lebenssinn hinterherzujagen. Der Wert des Lebens bestehe allein „durch gewisse Dinge, die in ihm geschehen“. Natürlich akzeptiert er den Drang des Menschen nach positiven Momenten, die „Glück“ auslösen. Doch letztlich würde Rowlands die Substanz oder den Kern jedes Menschen nach dem Abziehen der Glücksmomente bemessen, nämlich anhand aller restlichen, vermeintlich weniger erquicklichen oder gar negativen Erfahrungen.
Rowlands durchlebt sieben „Partyjahre“ in Alabama, da er als Uni-Dozent noch so jung ist, dass er seine Freizeit lieber mit Studenten verbringt, als mit Kollegen. In diese Zeit fallen Anekdoten, wie die Feindschaft Brenins zu Pitbull 'Rugger', der Name verrät's schon, er gehört einem Rugby-Mitspieler. Rowlands muss jetzt und auch später zusätzlich im Fitnessstudio trainieren, um gegenüber Brenin den Alphastatus aufrechterhalten zu können, indem er ihn - falls nötig - links und rechts am Halsband packt und zu seinem Gesicht hochzieht, in Nachahmung des Zurechtweisens durch am Nacken packen bei Wolfseltern und Welpen. Wie erwähnt mit 68 Kilo.
Der Besitz eines Hundes gleicht jeder anderen Beziehung: Man bekommt nur das zurück, was man zu investieren bereit ist - und was man an sich heranlassen will. Das gilt auch für einen Wolf. Doch da ein Wolf kein Hund ist - er hat Marotten, die einem Hund fehlen -, muss man sich viel mehr anstrengen, um ihm nahezukommen.
Brenin war zu dieser Zeit noch Kommunikationsfaktor. Vor allem die Mädchen waren begeistert von dem schönen Tier, dessen Glanz auch auf den Besitzer abstrahlte. Später ist Brenin Menetekel für Rowlands' selbstgewählte Isolation. Im Überdruss zieht er mit Brenin nach Irland, London und schließlich ins Languedoc.
Rowlands führte Beziehungen zu Frauen völlig leidenschaftslos und nur um der sexuellen Energieabfuhr willen. Ein Alkoholproblem kam hinzu. Die Offenheit des Autors fasziniert den Leser. Immerhin war und ist Rowlands mit seinen Fachbüchern anerkannt und gut verkaufender Autor seiner allgemeinverständlichen Sachbücher.
Eingeflochten sind Betrachtungen zur Rechtfertigung des Halten eines Wolfes, zur Epistemischen Pflicht, zur relativen Schwäche als Voraussetzung für das menschliche Böse, zum Gesellschaftsvertrag Hobbes' sowie einiges andere. Das folgt keiner Systematik und das ist gut so. Es folgt einzig und allein dem, was Rowlands mit seinem Wolf assoziiert.
Was es bedeutet, ein Mensch zu sein, lernte ich von einem Wolf. Er nahm an jedem Aspekt meines Lebens so umfassend teil, und unsere Existenzen verflochten sich so nahtlos miteinander, dass ich mich durch meine Beziehung zu Brenin berurteilte und sogar definierte.
Es gibt manch spannende, kribbelig gefährliche Episode und vor allem im letzten Drittel Herzzerreißendes. Das Rudel, in das sich Rowlands selber einbezieht, ist mittlerweile zu viert. Ein Hund und ein Wolfsmischling - von Brenin selber gezeugt - waren dazugekommen. Das letzte Lebensjahr Brenins - er hat Krebs - ist erfüllt von Leichtigkeit und Tragik zugleich. Die Vier tollen im langen Languedoc-Sommer im Dorf und am Strand herum. Rowlands zaubert eine Atmosphäre wie auf einem impressionistischen Gemälde oder wie in einem leichten Eric-Rohmer-Film. Doch: Menschen kommen nur als Statisten vor, etwa als Gastronomen, die dem Vierergespann jeden Abend einen riesen Tisch reservieren, an dem einer sitzt, die anderen drunterliegen, oder schließlich als Tierarzt 'Jean-Michel'. Man muss sich das vorstellen! Was sich in diesen Zeilen nach „Black Beauty“ anhört, ist null kitschig und brillant geschrieben. Man ist mit Rowlands durch Lebensabschnitte gewandert, in denen er aufsteht, wann er Lust hat und bis 2 Uhr morgens arbeitet und andere - in Südfrankreich - wo er mit der Sonne aufsteht. Man bewundert sein Savoir Vivre und fürchtet ihn in seiner Phase, in der er selber lebt wie ein Wolf und sieben Bücher schreibt.
Was würde Rowlands wohl auf die Frage antworten, warum wir so schreckliche Angst davor haben, unser Leben zu verlieren? Vielleicht: Weil wir sonst verpassen würden, was noch passiert.
Dort starb er auf der Ladefläche eines ähnlichen Autos wie des Jeeps, mit dem wir vor all den Jahren auf der Suche nach Rugby und Partys und Frauen und Bier durch die südöstlichen Vereinigten Staaten gerollt waren.
Besprochene Ausgabe: Rogner & Bernhard | 2009 | 284 Seiten | Festeinband* | € 19,90
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
2. Jonas-Philipp Dallmann: Notschek (2011)
3. Gavin James Bower: Dazed & Aroused (2009)
4. Ron Leshem: Der geheime Basar (2011) - Orig.: Megilat zchujot hajareach (2009), hebräisch
Martin Amis:
Die schwangere Witwe
Hanser, Festeinband
Shumeet Baluja:
Silicon Jungle
suhrkamp nova, Broschur
Moti Kfir, Ram Oren:
Sylvia Rafael. Mossad Agentin
Arche, Festeinband
Martin Amis:
1999
Rowohlt, Festeinband
Sorj Chalandon:
Die Legende unserer Väter
dtv premium, Broschur
Douglas Coupland:
Eleanor Rigby
Hoffmann und Campe, Festeinband
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