
Er hätte als Lehrmaterial ebenso einige gute Science Fiction-Romane oder -Kurzgeschichten heranziehen können. Mark Rowlands sagt, da die Philosophie von der Idee und der Abstraktion lebe, seien Filme besser geeignet, da sie eben reduzierter seien als etwa ein Roman. Das dürfte nur die halbe Wahrheit sein. Sie sind einfach bekannter. Bestimmt gibt es sowieso ein beängstigendes Ungleichgewicht zwischen der Zahl in TV oder Kino gesehener Filme und der Zahl gelesener Bücher. Im Genre Science Fiction dürfte die Schieflage noch erheblicher sein. Fast jeder kennt „2001“, „Blade Runner“, „Total Recall“ oder irgendeine Version von „Frankenstein“. Die Vorlagen der Kurzgeschichten- oder Romanautoren dazu wird man vergeblich in den meisten Buchregalen suchen. Der SF haftet leider das Bahnhofskiosk-Schmuddel-Image an.
Wie auch immer, Fan von Filmen wie den besprochenen „Minority Report“, „Matrix“, „Blade Runner“ oder auch der besprochenen vermeintlich leichteren Kost wie „Terminator“, „Star Wars“ oder „Total Recall“ sollte man schon sein, um sich „Der Leinwandphilosoph“ zu kaufen. Noch bevor Rowlands die ersten Worte zu seinem geliebten 'Arnie', Terminator-Darsteller und „einer der größten österreichischen Philosophen“ verliert - schmunzelnd stellt er ihn in eine Reihe mit Karl Popper, Sigmund Freud und anderen „echten“ - , eröffnet er fulminant mit einem Auszug aus einer eigenen Arbeit, um zu zeigen, wie dringlich wir uns jetzt schon mit dem Körper-Geist-Dualismus in Bezug auf kommende Künstliche Intelligenzen auseinandersetzen müssen. Er behauptete 1999, der Mensch hätte sich längst zu einem „funktionalen Cyborg, einem Fyborg“ entwickelt. Kognitive Wahrnehmung sei nicht mehr von der uns omnipräsent umgebenden Informationstechnologie zu trennen. Wissen sei da, und wir würden es jederzeit einfach anzapfen. Wir würden vernetzten Computern ähneln. Man merkt schon, er wird mit den Dualisten, die dem Menschen eine Sonderstellung zusprechen indem sie ihm zum Fleischlichen noch den nichtphysischen Geist zusprechen, gründlich abrechnen. Denn die sehen in Schaltkreisen, obwohl die heutzutage schon neuronalen Netzen genau nachempfunden werden, nirgendwo Geist. Das würde Arnie nicht gefallen... Kognitive Prozesse sind übrigens unter anderem Spezialgebiet des Professors an der Uni Miami.
Frankenstein's Monster, die Kreatur, ja, das spricht Bände, dass das Ding Hauptfigur Mary Shelley's ist, und nicht einmal einen Namen hat! Man hat uns in die Welt „geworfen“, wie die Existenzialisten sagen, „Der Mensch ist das Lebewesen, dem sein Dasein ein Rätsel ist“ sagt etwa Martin Heidegger. Anhand dieser Figur macht Rowlands Außenperspektive und Innenperspektive fest. Im Konkreten, das Monster, das eigentlich gut sein will, das von anderen aufgrund seines Aussehens sofort anders eingestuft wird und in Rache getrieben wird. Spielball; von wegen freier Wille. Es spielt Flöte, da eine der Personen, aus deren Leichenteilen es zusammengesetzt ist, guter Flötist war. Das sind in seinem Fall die genetischen Informationen der Vorfahren. Im Allgemeinen: immer wenn innen und außen divergieren - und das tun sie beim Ausmaß der eigenen Bedeutsamkeit die sich jeder von uns zubilligt - tritt die Philosophie auf den Plan.
Mit der Außenperspektive ist man auch gleich bei einem weiteren Film, den Rowlands bespricht: „Matrix“. Der Zuschauer von Matrix weiß, dass wir uns nicht sicher sein können, dass uns wirklich eine Welt umgibt. Denn er schaut von außen auf die - wenn auch fiktive - Figur 'Neo'. Tatsächlich gibt es die Philosophie-These vom Gehirn im Tank. Sie sagt, wenn dieses Gehirn von Wissenschaftlern geschickt stimuliert wird, weiß es nicht, dass es ein Gehirn im Tank ist. Wer gerne zwölf Stunden vor einem 25-Zoller und Surround-Kopfhörern gute Games spielt, wird das leicht nachvollziehen können. Die Strömung „Modaler Realismus“ setzt gar noch eins oben drauf, und sagt, dass unendlich viele mögliche Welten auf die selbe Weise wie die reale Welt existieren können. Mit Leichtigkeit bringt uns Rowlands anhand dieses Films auch Begriffe wie Ontologie und Epistemologie bei. Für den Idealismus ist letztlich die Wirklichkeit überhaupt nicht physisch, sondern mental beschaffen.
Rowlands wäre nicht Rowlands, wenn er nicht ab und an mal etwas zu schwafelig werden würde und auch mal viel Persönliches reinbringt, wie etwa seinen unbedingten Einsatz für Tiere, ein Anliegen, das auch in anderen - auch strenger wissenschaftlichen - Werken durchscheint und das er in „Der Leinwandphilosoph“ ausgerechnet im Kapitel „Alien“ (Film) ausweidet.
Aber er bügelt sowas einige Seiten später immer wieder aus, wenn er uns wieder mit Lässigkeit Knallhartes nahebringt. Vielleicht ist das sein Trick: Er kokettiert mit seinen eigenen Schrullen und garniert sie mit seinem Wissen - oder andersrum. Auf jeden Fall ist er einer, der seine prekäre Stellung im riesigen Universum wahrscheinlich ziemlich gut sieht: Bloß nicht zu wichtig nehmen, aber wenn ich Talent zu etwas habe, kann ich's auch rauslassen!
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