Margaret Atwood - Das Jahr der Flut: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Das Jahr der Flut

(2009) - Orig.: The Year of the Flood (2009), engl.
Kurzrezension: Margaret Atwood - Das Jahr der Flut
 Von Franz Birkenhauer - sf magazin 17.10.2009

Nein, keine wirkliche Flut rafft in „Das Jahr der Flut“ den Großteil der Menschheit dahin, sondern eine trockene. Eine Seuche, die trockene Flut. Die Menschheit selbst, könnte man somit sagen, denn als etwas anderes als eine Seuche sieht Margaret Atwood ihre eigene Spezies wohl kaum noch. In ihrer Mischung aus Dystopie und Cyberpunk-Elementen sind die „Gärtner Gottes“ - vor und nach der Katastrophe aktiv - denn auch die einzigen, denen sie noch eine Rechtfertigung zuschreibt. Endzeit-Religionen und Sektensammelsurium kommen in jedem Cyberpunk-Buch vor als durchaus realistisches Element, schaut man sich existierende, abgewirtschaftete und im Fetischglauben versinkende Staaten wie den Kongo an. Doch Atwood hält überhaupt keine Distanz, wir müssen etwa alle fünfzehn Seiten miese Gedichte und Predigten von Gründer 'Adam Eins' oder Helferin 'Eva Sechs' über uns ergehen lassen, völlig ironiefrei.

Zu Adams Schäflein seiner Radikal-Ökologiekirche gehören auch zwei Ex-Prostituierte, zwei Hauptfiguren, durch deren Blickwinkel wir auch aus Zeiten kurz vor der Flut erfahren. Das kommt unoriginell daher, weil die unterdückte Frau eben immer bei Atwood eine Rolle zu tragen hat, ob's nun passt oder nicht. Da scheint nun also fast das gesamte weibliche Geschlecht vor der Katastrophe im Edel-Sex-Biz unterwegs gewesen zu sein und die männliche Bevölkerung waren Bandenbosse, Bandenmitglieder oder Mitglieder einer krakenhaften Sicherheitsfirma, die noch einen matten Wiederschein von Staatsmacht spiegelte. Wer soll das bezahlen in einer Welt in der es doch nur noch Slums gibt? Hat Atwood nicht mitbekommen, dass man Sex auch ohne ihn zu kaufen haben kann, selbst in schwierigen Zeiten - oder gerade dann?

Bleibt das Wettern gegen Tiere essen und Gentech. Nun freilaufende intelligente Schweine machen das Leben schwer; anscheinend rächen sie sich für die Machenschaften der einstigen Hamburger-Kette „GeheimBurger“, die wirklich alles verarbeitete, was irgendwie mit Fleisch zu tun hatte. Atwood spielt hier mit dem Ekelfaktor. SeksMart, CorpsSeCorps - all die schönen Wortschöpfungen, wie man sie vor allem aus der Cyberpunk-Literatur kennt und unzählige Gentech-Produktenamen oder -Tierneuschöpfungen bilden bei Atwood nur Aneinanderreihungen, die leblos bleiben, da helfen auch gelegentliche Originalitätstreffer wie die „kugelsichere Weste aus der Seide einer transgenen Spinnenziege [...] und einen schwarzen Luftfilter-Nasenhut“ nicht weiter.

Was jede Art von Prosa schwächt ist, wenn das Menschliche fehlt, das, was den Leser zum Mitfühlen animiert, einfach gesprochen gute Charaktere - die können charakterlich gut oder böse sein -, in die man sich hineinversetzen kann. Atwood 's Figuren sind leere Hülsen, die uns nur stroboskopartig mit ihren Sinnen oder Erinnerungen an ihrer Umwelt teilhaben lassen. Zu wenig.

Wer soll all die schönen Gentech-Erfindungen noch kaufen bei Atwood, in ihrer schon lange vor der Katastrophe völlig abgehalftert erscheinenden Welt? Der Kapitalismus beruht auf Angebot und Nachfrage und produziert nicht um des Produzierens willen auf Halde. Es fehlt jegliche Kongruenz in ihrem Entwurf einer politischen Utopie, die beschränkt ist auf die Plattheit „Die Konzerne werden Staat im Staat werden.“ Das ist nichts neues, sie sind immer schon Bestandteil der Politik, völlig untrennbar. Was bleibt, ist ein plattes Agitationsbuch gegen Tiere essen und Gentech.

Besprochene Ausgabe: Berlin Verlag | 2009 | 400 Seiten | Festeinband* | € 22,00
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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