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 24.05.2012         Marente de Moor - Amsterdam und zurück: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Marente de Moor - Amsterdam und zurück: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Amsterdam und zurück

(2010) - Orig.: De overtreder (2007), holländisch
Apfelbäume auf dem Mars
In ihrem Debüt erzählt die Niederländerin von russischen Immigranten, die sich legal und illegal durchs Leben schlagen, Wodka trinken und melancholisch werden, abseits des Amsterdamer Alltags und jenseits eines Heimatgefühls.  Von Clarissa Lempp - sf magazin 04.11.2010

Im Lied der Kosmonauten, das Onkel Wlad dem kleinen Witali sang, hieß es "Als wir unsere Erde verließen, haben wir versprochen, dass Apfelbäume wachsen werden auf dem Mars." So wenig wie dieses Versprechen der Raumfahrtpioniere, haben sich auch die Versprechungen der emigrierten russischen Protagonisten und ihrer neuen Heimat im Westen eingelöst. Die 1990er haben gerade angefangen, die Sowjetunion ist aufgelöst, im Moskau-Express sitzt nun auch Witali Kirillow, ein paar Kleider und Reiseproviant im Köfferchen, alles einzeln in gut ausgewaschene Plastiktüten verpackt, laut Witali eine Manie russischer Mütter. Auch er sucht das Glück oder zumindest eine Zone des Vergessens in Amsterdam. Hier wartet der Künstler-Cousin Ilja auf ihn, denn wer neu beginnt in der Fremde, tut gut, einen Verwandten oder zumindest erfahrenen Landsmann bei sich zu haben. Es gilt sich ein neues Leben aufzubauen. Den Unterhalt dafür verdienen sich die Cousins mit dem Verkauf von "selbstgemalten" Bildern an Touristen. Geld ist da, um Wodka und Brot zu kaufen, ein Dach über dem Kopf in Iljas Zuhause auch. Die Heimat in Gedicht-Versen und Erinnerungen schwebt zwischen den klammen Wänden des besetzten Hauses, in dem Witali unterkommt. Das Haus, das einst im Gründergedanken der westeuropäischen Besetzer eine kommunistische Lebensbasis werden sollte, ist von den russischen Immigranten eingenommen und in Lebensraum - im simpelsten Sinne des Wortes - umgewandelt. Die russische Gemeinschaft, in die sich Witali bald einlebt, verhilft nicht gerade zu einer "gelungenen Integration".

Marente de Moor lässt eine lebendige russische "Exil-Gemeinschaft" in ihrem Debüt entstehen. Die wahnwitzigen Charaktere und das tiefe Wissen der Autorin um die russische Geschichte und Kultur entwerfen ein feines Geflecht der alten Heimat und dem Unverständnis gegenüber der Fremde. Vor allem in der ersten Hälfte des Buches schlägt man gerne nach im fein angelegten Glossar, freut sich über wohl unnütz Gelerntes aus dem russischen Sprachschatz. Es gibt russische Rockstars kennenzulernen. Kultfilme und Alltägliches. Die Figuren wirken authentisch und ihre Wodka-Räusche sind höchst amüsant. Dass de Moor durch ihren langjährigen Aufenthalt als Studentin und Korrespondentin in St. Petersburg hier aus den Vollen der eigenen Erfahrungskiste schöpfen konnte, ist unüberlesbar. Die Geschichte, die Witali aus seiner Armeezeit bis in den Westen verfolgt, nämlich das Nicht-Einschreiten, als sein Soldatenkollege einfach die Grenze nach Finnland übertritt, mystifiziert sich in Witalis Denken und greift hervorragend als Metapher der Immigration selbst, des Grenzen-Übertretens – so auch der niederländische Originaltitel. Überhaupt schafft Marente de Moor sprachlich Momente und Situationen, erschafft Figuren, die an magische Momente à la Cinema Fellini erinnern.

Und doch kommt jetzt das Aber, ein Aber, das sich immer mehr in der zweiten Hälfte des Buches einschleicht. Die Figuren scheinen in ihrem Ost-West-Klischee verhaftet, spätestens mit dem Auftauchen der Niederländerin, die fortan Witalis Liebesleben beglückt, hat sich de Moor im Schubladen-Öffnen verfangen. Wenn dann noch der türkische Dönerladenbesitzer, als einziger unter vielen Nicht-Niederländern, seine sprachlichen Integrationsdefizite zur Schau stellen muss, und die afrikanischen Einwanderer sich rassistisch über arabische Kollegen der Sprachklasse äußern, muss man sich doch fragen, warum die Autorin den Klischees nicht müde wird. Je manischer Witali in seiner Suche nach dem Verbleib des grenzüberschreitenden Soldaten wird, je unglücklicher die Umstände in seiner russischen Community um sich greifen, desto mehr schleicht sich das Gefühl ein, dass nicht nur der russische Einwanderer, sondern auch die Autorin selbst nicht genau weiß, wie umzugehen mit der Integration einer Kultur, ohne eine andere abzuwerten. Aber vielleicht ist dies gar keine Schwäche des Buches, sondern spiegelt einfach die Realität der europäischen Integrationsdebatten.

Besprochene Ausgabe: Suhrkamp | 2010 | 284 Seiten | Festeinband* | € 22,90


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
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