Der 26-jährige 'Nicolá Russo' ist depressiv. Als Junglehrer findet er in seiner Heimatstadt Mailand keinen Job. Der Sommer steht vor der Tür und es hagelt Vorwürfe aus den Reihen seiner eigenen Familie. Besonders sein Vater hat kein Verständnis für Nicolás Liebe zu Büchern und seinen Unwillen auf eigenen Beinen zu stehen. Für den Vater ist Nicolá noch kein richtiger Mann. Dazu fehlen ihm ein fixes Einkommen und eine Familie – lauter Dinge die der Vater in Nicolás Alter längst sein Eigen nennen konnte.
Mehr Verständnis für seine Lebensumstände erntet Ich-Erzähler Nicolá von seinem Großvater - einem alten Kommunisten aus Apulien, einem Analphabeten, der sich - immer noch imposant von Statur - als Familienoberhaupt behaupten kann. Ihn sieht Nicolá als Verbündeten gegen den Vater und überhaupt gegen all die Unwidrigkeiten, die das Leben mit sich bringt.
Als Vater und Großvater ein letztes Mal gemeinsam Richtung Süden, nach Apulien, aufbrechen wollen, um dort die längst in die Jahre gekommene Wohnung des Großvaters zu verkaufen, beschließt Nicolá, die beiden zu begleiten. Zu Anfang noch, um den Vater zu ärgern, wie er sagt. Doch die Fahrt und der kurze Aufenthalt in Apulien entwickeln sich zu einem großen Scheidepunkt im Leben der Männer und auch in ihrer Beziehung zueinander.
„Damals am Meer“ zeichnet ein Bild der italienischen Familie, die längst ihren idyllischen Mythos verloren hat. Der Bruch der Generationen wird dabei auch am Bruch Italiens verdeutlicht. Vom reichen Norden, Mailand, brechen die drei Männer auf in den armen Süden, Apulien, den Mezzogiorno, wo noch ein ganz anderes, ein viel ursprünglicheres Italien existiert, das auch im eigentümlichen Dialekt seinen Niederschlag findet, den der Großvater und der Vater noch sprechen, der Sohn nur mehr verstehen kann, immerhin.
Das Verlorengehen einer gemeinsamen Sprache ist nicht der einzige Punkt, der den Generationenbruch versinnbildlicht. Auch das Thema Essen (darf in keinem italienischen Roman mit Erscheinungstermin rund um die Urlaubszeit fehlen) zeigt, wie groß die Unterschiede in den Generationen sind. Wie etwa am Beispiel der „canulìcch“, „lange gelbe Muscheln, die in der harten Schale zucken und so gegessen werden, roh, mit einem Spritzer Zitrone, bei dem sie sich winden wie Schlangen.“ Während der Großvater frühmorgens aufsteht, um diese archaische Köstlichkeit eigenhändig aus dem Meer zu fischen, bekommt der Ich-Erzähler Gänsehaut bei dem Gedanken, diese Muscheln zu verspeisen. Auch das ein Zeichen dafür, dass die einstige Heimat von Großvater und Vater dem Sohn nur eine laue Ferienerinnerung ist.
Was Balzanos Roman zu mehr als reiner Urlaubslektüre macht, ist, neben der Thematisierung der Generationenfrage, die Konzentration auf zwei große weitere: Wer bin ich und wo gehöre ich hin? Der Ich-Erzähler hadert vor allem mit der ersten Frage. Den Großvater hingegen lässt die Frage nach seiner Zugehörigkeit nicht los. Er glaubt, sich falsch entschieden zu haben, als er Apulien verlassen hat. „Kaum machst du einen Fehler, verlierst du. Leben ist schlimmer als Kartenspielen“, glaubt der Großvater verstanden zu haben. Einzig der Vater macht den Eindruck, als wäre er sich seiner eigenen Begrifflichkeit von Heimat und Identität sicher. Allerdings bröckelt auch seine Fassade der Sicherheit angesichts der Erinnerungen und den damit verbundenen Emotionen, die der Anblick des Geburtsortes bei ihm auslöst. Für einen tieferen Einblick in die Charaktere hätte der Roman einen größeren Umfang benötigt. Geschadet hätte das nicht, immerhin endet die Geschichte bereits nach 220 Seiten relativ abrupt.
Letztendlich ist die einstige Heimat für alle drei - Großvater, Vater und Sohn - verloren. Die ehemaligen Freunde des Großvaters sind tot, der Vater hat schon seit vielen Jahren mit dem Ort seiner Geburt abgeschlossen; lediglich der Ich-Erzähler beginnt zu verstehen, was der Verkauf der Wohnung auch für ihn noch bedeutet: „[D]ie Fantasie wird um einen lichten Raum ärmer.“ Doch scheint es so, als wäre das Abschließen mit dem früheren Zuhause der einzige Weg, um sich woanders ein echtes neues zu schaffen - auch wenn dieses Abschließen schmerzt.
Besprochene Ausgabe: Kunstmann | 2011 | 224 Seiten | Festeinband* | € 17,90
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