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Marcel Theroux - Weit im Norden: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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- Weit im Norden

(2011) - Orig.: Far North (2009), engl.
Quäker in der Taiga
Endlich mal eine weibliche Heldin in einem Endzeitdrama. Erzählen kann Marcel Theroux, Sohn von Reiseschriftsteller Paul Theroux, freilich auch. Aber aus den Schemata des Genres bewegt er sich nicht großartig heraus.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 13.08.2011
Marcel Theroux - Weit im Norden
Zoom Marcel Theroux - Weit im Norden

Dystopien scheinen das Nächste Große Ding zu sein, nachdem zuletzt besonders im Jugendbuch-Fantasy-Bereich das Genre Steam Punk durchgenudelt wurde. Selbst Fantasy- und Romance-Autoren versetzen jetzt ihre Liebesabenteurer in düstere Zukunftswelten, in denen die Dinge nicht mehr so leicht sind und der Mensch, zumindest der westliche, aus heutiger Sicht kräftig abgewrackt hat. Liebe Autoren, schreibt doch einfach gute Science-Fiction-Bücher, an die ihr ohne Denken an ein bestimmtes Subgenre rangeht! Wenn sie gut sind, wird das viral die Runde machen. Für wie blöd haltet ihr Jugendliche eigentlich?

Journalist und Autor Marcel Theroux, Sohn von Reiseschriftsteller Paul Theroux, kann man Anpassung an Marketinggesetze sicher nicht vorwerfen. Schwerpunkt der Reportagen in seinem Brotjob ist häufig der Klimawandel. Und so setzt auch sein "Weit im Norden" voraus, dass der nichts Gutes für die Menschenzivilisation bedeuten wird. Wie der berühmte Vater Paul, ist Marcel Theroux ein angenehmer, ruhiger und sanfter Erzähler.

Neben den Merkmalen einer typischen Negativen Utopie - es ist was schiefgelaufen mit der Weiterentwicklung der menschlichen Zivilisation respektive deren völliger Verlust - setzt er das komplette erste Drittel seines Buches auf ein weiteres klassisches Motiv: Seine Protagonistin scheint sich erstmal völlig allein durchzuschlagen. Er nimmt noch etwas hinzu, etwas das mehr dem Western entlehnt ist als einem Mad Max: Es sind die Pferde mit denen man sich fortbewegt, Motorisierung gibt es nicht, und das Land aus "Weit im Norden" ist auch in seiner Ausdehnung weit und es ist wild. Aber eins passt zum Western nicht: Die einstigen US-Amerikaner im Buch verließen ihre Heimat, um sich im russischen Sibirien anzusiedeln ...

Den Exodus dieser Leute unterfüttert Theroux ein bisschen mit Kapitalismuskritik - seine Figuren hielten die Inhaltsleere in den US-amerikanischen Großstädten nicht mehr aus - und einem zwiespältigen Blick auf christlichen religiösen Fundamentalismus, dem zweiten Faktor für den Neuanfang. Beides ist wenig originell und im Genre arg abgelutscht. Sei's drum, die Kultur dieser Quäker, die in Russland fünf Städte gründeten und die wohl schon etwas wärmer gewordene Taiga bewirtschafteten, existiert sowieso nicht mehr, mit Einsetzen der Erzählzeit von "Weit im Norden". Denn die Bewohner wurden vertrieben, von Wirtschaftsflüchtlingen aus südlicheren Regionen.

Und so bleibt die einzige Stärke von Marcel Theroux ' Endzeit- oder hoffentlich nur Zwischenzeitvision seine Hauptfigur und Erzählerin. Dass die weiblich ist, ist nach geraumer Anzahl an Seiten schon mal die erste dicke Überraschung. Denn nach einem allerersten - genialen - Romansatz "Jeden Tag gurte ich mir meine Waffen um und gehe auf Patrouille durch diese schäbige Stadt", hat man doch zweifellos einen Mann vor Augen. Doch sie ist die letzte in der Stadt, und als Frau erkannt zu werden, ist nicht ratsam, angesichts durchziehender Banden oder Sklavenhändlern in einer furchtbar verrohten Welt. Selbst wenn die Erzählerin sich dann aufmacht, um weit im Osten nach verbliebener Zivilisation zu suchen und in allerlei Abenteuer gerät, bleibt Theroux ' Sprache angemessen elegisch, ruhig, fast schleppend. Sie transportiert die Einsamkeit, die Bedrohung, die Kälte und die Weite. Falls ihre vielen Überlebenstricks wirklich authentisch sind, hat Theroux trotzdem den Hinweis "Zur Nachahmung nicht empfohlen" vergessen; denn an Ort und Stelle ein Karibu zu räuchern, wird nicht jedem gelingen. Macht nichts, derzeit haben wir - noch - Supermärkte.

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Besprochene Ausgabe: Heyne  |  2011  |  450 Seiten  |  Broschur*  |  € 14,00

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