Der ist kein Mensch, wer nicht an einigen Stellen der Lektüre von "Der alltägliche Kampf" heulen muss. Der dicke DIN-A4-Gesamtband der vier, teils preisgekrönten Werke, die nach dem 2004 erschienenen ersten Band die Beititel "2 - Gewissheiten", "3 - Belanglosigkeiten" und "4 - Kostbarkeiten" tragen, liegt jetzt vor und dürfte ein Klassiker der Graphic Novel der Nuller-Jahre werden. Für die Nuller-Jahre spezifisch ist die Beleuchtung traditioneller Wertesysteme in der globalisierten Gesellschaft und völlig zeitlos hingegen ist das, womit sich Held Marco rumschlagen muss: Mache ich den richtigen Job, bin ich reif für meine eigene Familie, habe ich meine Eltern jemals richtig verstanden, habe ich etwas übersehen, was mir dieses Verständnis bringen würde?
Oft - selbstredend bei einem Zeitraum von vier Jahren - bedient sich Manu Larcenet des Zeitraffers, dabei immer elegant, mit sinnfälligen Panelen, die einen Abschnitt beenden und das Kommende erahnen lassen. Schnell tritt Tierärztin 'Emilie' auf den Plan, eine ehrliche Haut, handfest und geerdet. Marco und Emilie werden ein Paar. Emilies baldiger Kinderwunsch überrollt den Fotografen, der nach erfolgreichen Reportagen in Krisengebieten der Welt selbst in eine Schaffens- und Sinnkrise fällt. Sein idyllisch gelegenes Haus auf dem Land ist sein Rückzugsgebiet, bietet aber wenig Komfort, und Emilie fühlt sich immer nur als Besuch.
Neben den berührend gezeichneten Figuren, die mit irre wenig Strichen Emotionen ausdrücken, sind es vor allem auch die aufwändiger gemalten Landschaften, in die man sofort eintauchen möchte. Das Hügelgebiet um Marcos Haus, ein eher extensiv bewirtschafteter Landstrich Frankreichs, kommt in sattem Grün im Sommer daher, in warmem Braun und Beige im Herbst und selbst in Schattierungen von Weiß im Winter. Der Strang um Marcos Eltern und die Schließung der Werft, in der der Vater einst arbeitete, spielt hingegen in der Bretagne. "Mensch, ist das hässlich", sagt Ex-Werftarbeiter 'Pablo', als er von der anderen Seite der Bucht auf den einstigen Arbeitsplatz guckt. Marco, immer noch gut befreundet mit den Kollegen des Vaters als der ewige "mein Junge", versucht, unter anderem anhand einer Foto-Reportage, herauszufinden, was die Arbeiter bindet an ihre Wirkungsstätte, die nun abgerissen werden soll, warum sie sie - einer tradierten, älteren Generation angehörend - glorifizieren. Das hohe Ansehen der Dock- und Werftleute in früheren Jahrzehnten und die anerkennenden Blicke der Mädchen auf dem Nachhauseweg von der Arbeit sind lange passé; Marco konstatiert schießlich, dass auch eine "Leidensgemeinschaft" eine hohe Bindung erzeugen kann.
Eine Generation, die keine Männer in einen Krieg schicken musste, neigt zur Selbstgerechtigkeit. Ungerechterweise gegenüber denjenigen, die den Arsch hingehalten haben und vermeintlich Schuld auf sich geladen haben, anstatt denen gegenüber, die den Krieg gestartet haben. Für Frankreich heißt das große Trauma Algerien. Marco wird genau so eine Person kennenlernen. Sie wird ihm erläutern, wie die staatliche Propaganda es schaffte, die Franzosen und insbesondere die Soldaten von der Notwendigkeit des totalen Kampfes zu überzeugen. Nach dem Krieg ist diese Person schnell geschasst, als einer der effektivsten Offiziere, was Informationsbeschaffung durch Folter in Algerien angeht. Für Marco stellen sich Fragen nach dem Tun seines eigenen Vaters in diesem Krieg, und die nach Vergebung für den fremden Ex-Offizier, der bereut und mittlerweile ein anderer ist. Der hat sein Päckchen zu tragen, wie man erst im vierten Band sehen wird, und sein Satz "... wer behauptet, dass Krieg auch ohne Folter und Massenmord möglich ist, der irrt sich gewaltig", klingt nicht nach Selbstrechtfertigung, sondern ist solide empirische Erkenntnis, die nie ein Politiker in den Mund nehmen würde.
Im Kreise der Familien-Freunde von der Werft muss sich Marco mit 'Bastonet' auseinandersetzen, der plötzlich Le Pen wählen will. Auch dieses knallharte Politthema bricht Manu Larcenet auf eine herzergreifende, persönliche Ebene herunter.
Marcos Mutter erscheint nur zu Anfang als ein etwas tumbes Hausmütterchen. Gerade sie macht sich über scheiternde Identitätsfindung moderner Generationen lustig und spricht Indikatoren wie Abstammung/Herkunft jegliche Tauglichkeit ab. Als Marco sinniert, wie sehr selbst er doch, hier mit der Werft seine Wurzeln sieht, kanzelt sie ihn ab, das sei romantisches Gerede, "damit verklären die Leute, dass sie der industriellen Migration gefolgt sind wie die Möwen dem Fischkutter" - denn der Vater stammt aus Lothringen ...
Die ganz alltäglichen Situationen als Paar und später in der Kleinfamilie - die Einbandzeichnung verrät es ja schon: Da springt ein kleines Mädchen am Strand rum -, "Der alltägliche Kampf", sind oft in wenigen Panelen gezeichnet und berühren ebenso oft das Menschliche tiefer als hunderte Seiten geschriebener Roman. Und obwohl es einen nach der Lektüre erstmal ein paar Tage erschlagen kann, weil das Werk mit seiner Ehrlichkeit mit dem Leben vieler Leser unweigerlich korrelieren dürfte, ist es lebensbejahend und hoffnungsvoll.
Besprochene Ausgabe: Reprodukt | 2011 | 248 Seiten | Broschur* | € 29,00
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