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Madeline Ashby - vN: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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- vN

(2012) (zu Deutsch noch nicht erschienen)
Spielen mit sich selbst
Der Traum ist uralt, der vom Homunkulus. Es scheint der Wunsch nach Selbstbespiegelung. Die Kanadierin Madeline Ashby schaut sehr genau in die Fratze, die uns da entgegenglotzen würde.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 21.08.2012
Madeline Ashby - vN
Zoom Madeline Ashby - vN

Wenn die Partner in wilder Ehe, 'Charlotte' und 'Jack', im Zwist liegen, weil sich einer nicht genügend vom anderen geliebt fühlt, kann schon mal der Satz fallen, "Du denkst, ich bin nur ein Roboter." Charlotte ist eine Humanoide oder simpel "vN" genannt, in Madeline Ashby 's zukünftiger Welt. Das vN steht für den - realen - Wissenschaftler John von Neumann und Charlotte ist ein sich selbst replizierender Automat, etwas, worüber genau dieser Wissenschaftler schon theoretisierte.

Gleich vorweg: Von der ersten Zeile an, wird dieses Buch den Kopf des Lesers produktiv martern, indem es ihm Fragen um die eine Vorstellungswelt aufgibt. Warum sollte der zukünftige Mensch Künstliche Intelligenzen mit eigenem Bewusstsein nach genau seinem äußerlichen Ebenbild erschaffen? Da die KI somit vom Menschen "abstammt", offenbaren sich nur zwei Möglichkeiten des Zusammenlebens von menschlicher und humanoider Gemeinschaft: Von vorneherein wird unserem natürlichen Vorherrschaftswillen bei den Humanoiden durch sublime oder offensichtliche Versklavung Einhalt geboten, oder die Humanoiden sind wirklich komplett "frei"; dann werden sie das tun, was der Mensch seit Anbeginn der Zeit tut: erobern, Fremdartiges meucheln, expandieren, überrennen.

Dem Wissenschaftler und Gelegenheitsautor Isaac Asimov war genau dies bewusst, als er seine in SF-Liebhaberkreisen bekannten drei Robotergesetze aufstellte. Da geht es um Gehorsam, unter dem Primat, niemals einen Menschen zu verletzen. Also das Modell Versklavung, Punktum. Asimov sei entschuldigt, weil er davon ausgeht, die Maschine dürfe nie zu wirklich eigenem Bewusstsein gelangen. Doch in Madeline Ashby 's Welt ist er Wirklichkeit geworden: der perfekte Homunkulus.

Immer wieder sind es in Dystopien die bösen Einzelorganisationen, die hier bahnbrechende Erfindungen schaffen, eben solche, die hinterher für Unmut sorgen. So auch bei Ashby. Sei's drum, jetzt sind sie hier, die vN's. Und man hat ihnen eine Sicherung programmiert, den "failsafe". Der wirkt sich jedoch ziemlich umfassend aus: Die Humanoiden fühlen sich automatisch zu Menschen hingezogen. Ob der einzelne ein Guter oder ein Böser ist, ist für sie dabei ohne Belang. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, was das für Folgen hat. Gesetzlich scheinen die vN ungefähr gleichgestellt. So soll etwa eigens eine "pedo squad" die vN vor menschlicher Pädophilie schützen. Mehr schlecht als recht, wie auch in allen anderen Abhängigkeitsverhältnissen, die man sich erdenken kann.

Charlotte und Jack, die wilden Eheleute, scheinen dennoch ein harmonisches, gleichberechtigtes Paar zu sein und die Liebe zur replizierten Tochter 'Amy' eine echte. Im Alltag versuchen sie, die sublimen Klippen des Rassismus gegen die vN zu umschiffen, und sich nicht die Laune verderben zu lassen. Doch dann taucht Charlotte's Großmutter auf und die gebiert sich revolutionärer, als es bei einer vN erwartbar wäre ...

"vN" bedient sich vieler Action und Fluchtszenarios, wie es - leider? - auch von der Science-Fiction-Literatur erwartet wird. Doch der Einstieg in diese Lebewelt aus Menschen und Humanoiden ist Madeline Ashby wirklich sehr einfühlsam gelungen. Der Charakter der Amy, ja, die mittlerweile erwachsene Enkelin wird Heldin des Buches werden, ist stark gezeichnet, auch in der Entwicklung, die sie durchläuft. Ihr männlicher Kompagnon 'Javier' gibt den gelungenen Gegenpol und hievt Ashby's Anliegen auch über die rein feministische Perspektive.

Dass Charlotte's Körper sich irgendwann beim "Schlafen" bis zur kompletten Regungslosigkeit runterfährt, fand Jack nur anfangs befremdlich. Mittlerweile, so schätzt er, würde er wohl eine menschliche Frau neben sich im Bett "zu warm, zu laut, zu räkelig" finden. Damit tun sich schon auf Seite zwei von "vN" grenzwertige Ethikpositionen auf, die erst nur schleichend das unschuldige Nebeneinander von Menschen und Humanoiden demontieren. Der Verdacht nährt sich, die Künstliche Intelligenz mit eigenem Bewusstsein wurde eben doch so geschaffen, dass sie einfach zu handhaben und untertänig ist, bloß nicht zu viel eigenen Willen entwickeln kann, und schon gar nicht gegen den Menschen aufmüpfig werden kann.

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Besprochene Ausgabe: Angry Robot  |  2012  |  350 Seiten  |  Broschur*  |  € 10,20

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