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 24.05.2012         Ludwig Harig, Daniela Bunge - Der Gott aus der Maschine: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
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- Der Gott aus der Maschine

(2008) (Bilderbuch für alle Alter)
„Folgenschweres Desaster, Heidenspektakel, Glaubensrettung“
Da mutet sich der Vater des Autors Ludwig Harig einiges zu, in dieser turbulenten Weihnachtsgeschichte, anarchisch bebildert von Daniela Bunge.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin * 12.12.2008

„Es ist bitter, wenn eine Kuh weint.“
Das ist mal ein erster Satz eines Buches, der haut sofort richtig rein. Da ist eine Steigerung drin, die schon kaum zu ertragen ist. Bleibt der erste Teil des Satzes noch nüchterne Feststellung, zieht er dann den Auslöser hinterher: es weint also jemand. Nicht genug - nicht jemand, es ist auch noch eine Kuh! Das ist eine Exzession, unvorstellbar, monströs. Etwas Heftiges muss dem Anlass geben und Harig bestätigt uns dies im nächsten Satz:

„Eine Kuh weint nicht aufs Geratewohl.“

Aber hier sind wir schon beim Ende der Geschichte, in der der reife Ludwig Harig 1986 sich an seine Kindheit in den 30ern erinnert und eine ungebührliche Anekdote über seinen Vater erzählt:

„Nicht, dass Vater je ein gläubiger Mensch gewesen wäre, im Gegenteil. Vater war ein Heide. Er glaubte weder an Gott noch an den Teufel, weder an den Osterhasen noch an das Christkind, und so darf er, obwohl er in die Gnade Gottes eingetaucht war, unverblümt ein Heide genannt werden.“

Ausgerechnet dieser Mann schickt sich an - obgleich trickreich und äußerst mechanisch - das Wunder Weihnacht auf jeden Fall funktionieren zu lassen. Klein-Ludwig und sein Bruder haben's nämlich nicht mehr so mit der Gläubigkeit an die Mythen der Kindheit: Osterhase, Klapperstorch, Nikolaus und Christkind beginnen „ihre übernatürlichen Kräfte einzubüßen“. Mutters Bemerkung vom plätzchenbackenden Christkind im Abendrot entlockt den beiden nur noch ein müdes Lächeln. Eine heikle Phase im Zusammenleben von zwei Generationen!

Also versucht Vater brachial, das Ruder nochmal rumzureißen...

Die Bilderwelt von Daniela Bunge ist detailversessen, im positiven Sinne, surreal doch anfassbar und warm.
Da träumt die Katze von mechanischen Mäusen, so wie Philip K. Dick 's Androiden von elektrischen Schafen. In die Heimeligkeit des Haushalts um Weihnachten rum sehnt man sich sofort hinein auf den ersten Seiten; die Mode der 30er ist ganz toll und liebevoll eingefangen;
da lacht sogar noch der Fuchs, obwohl er schon tot die Mantelschultern bekränzt.

Daniela Bunge nutzt das volle Panorama über zwei Seiten des aufgeschlagenen Buches, das in leichtem Querformat daherkommt. So entsteht oft eine expressionistische Anmutung der Räume des Hauses; so sind die Perspektiven nicht allzu ernst zu nehmen, wenn der Blick des Betrachters, einer trickreichen Kamerafahrt gleich, sich von links nach rechts gleich durch mehrere Zimmer begibt.
Dabei bleibt immer schön viel Leerraum, ein Raum für freie Inspirationen des Lesers sozusagen; der Text fügt sich in kleinen Blöcken ein, der Satzspiegel manchmal an ein zeichnerisches Element angeschmiegt.

„Um sechs Uhr abends hatte Vater seine empfindliche Apparatur installiert und geprüft. Sie hing an einem seidenen Faden.“

Die Sachen spitzen sich zu. Die Hälfte der Menschen auf Erden, oder so, kennt dieses Heiligabendgefühl. Im Laufe kommen noch aus dem ganzen Haus zusammengelaufen: Tante Trautchen, Onkel Nicolas, Gertrud, Opa, Oma und Tante Erna.

Bunges Christkind mit Zahnrädern und Schläuchen im Bauch erinnert an die Automatenzeichnungen aus der Aufklärung und ist doch gleichzeitig Steam Punk. Der Rezensent ist da kein Spezialist - aber ihre Zeichnungen sehen so aus als habe sie in feiner Harmonie Bleistifte, Buntstifte, Kreiden und Wasserfarben gleichzeitig benutzt; mal nur skizzenhaft, aber immer atmosphärisch kommt es daher.

Auf der Doppelseite der Bescherung gibt es einiges zu gucken, auf jedem Quadratzentimeter. Bald jedoch nimmt das Desaster seinen Lauf...

Aber man weiss ja, wie es in der Dialektik - hier Glaube gegen Mechanik - so ist... Nach dem Zusammenbruch entsteht ein neuer Spaß!

Besprochene Ausgabe: Hoffmann und Campe | 2008


 

 

 

 
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