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Louise Welsh - Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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- Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar

(2014) - Orig.: The Girl on the Stairs (2012), engl.
Wer hat Dreck am gespaltenen Stecken?
Erzählerisch ist er fordernd, der Neue von Louise Welsh. Es lohnt sich, nach der durchaus auslaugenden Lektüre, nachts schlaflos im Bett über Kindesmissbrauch, patriarchale lesbische Ehen, dreizehnjährige Mädchen und Verdacht zu sinnieren.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 13.03.2014
Louise Welsh - Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar
Zoom Louise Welsh - Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar

Allen Buchpreisträgern überlegen ist doch immer wieder das Märchen. Also ein vielstimmiger Anonymus, der Weisheit in knappste Worte gefasst über Jahrtausende weitergibt. Auch Louise Welsh nutzt die Tatsache in ihrem "Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar". Darin ist eine der schönsten Stellen das Selkie-Märchen. Ja, Welsh ist Schottin, daher hat sie es wahrscheinlich mit drei Jahren zum ersten Mal gehört. Die Selkies sind Robben, die Menschengestalt annehmen, "die von Fischern gefangen wurden, die sich in sie verliebt hatten und sie zu ihren Frauen machten. Sie schienen eine Weile zufrieden, kümmerten sich ums Haus und bekamen Babys, aber schließlich war der Ruf des Meeres immer zu stark, sie holten wieder ihr Seehundfell hervor, legten es an und tauchten zurück in seine Tiefen."

Der Nachbar vom frisch nach Berlin gezogenen Ehepaar 'Petra' und 'Jane' hatte einst eine Prostituierte geheiratet. Nach zwei Jahren Ehe war die Ehefrau einfach weg und die wildesten Gerüchte rankten. Was blieb, war Tochter 'Anna', jetzt, in der Erzählzeit, 13 Jahre alt, und ihr nun alleinerziehender Vater.

Im November nach Berlin ziehn, also umziehen, muss wohl sein, wie eine Flasche Downer nehmen. Braucht man die Kaution gar nicht erst überweisen, kann sich gleich umbringen. Dramatisch gewählt, das Setting, von Autorin Louise Welsh. Das lesbische Ehepaar Petra, Deutsche, und Jane, Britin, haben beschlossen, ihren Lebensmittelpunkt nach Berlin, Deutschland, zu setzen. Allein hiermit ist schon ein Moment gelegt, in der nicht spannungsfreien Beziehung der beiden, wie der Leser schnell merkt. Warum Deutschland? Petra schafft die Kohle ran, als Bankerin, mit Geschäftsbeziehungen im deutschsprachigen Raum. Jane ist schwanger und war in London Buchhändlerin, sic!, Autorin Louise Welsh war das auch. Verdammt erinnert ihre Ehe an die patriarchalische.

In Berlin-Mitte sitzt nun also die hochschwangere Jane am Tage allein zu Haus, mit Blick auf ein zerfallendes Hinterhaus. Unwahrscheinlich in diesem Bezirk, aber darum geht es nicht. Sie beginnt, sich für Anna zu interessieren, vor allem für ihre blauen Flecken im Gesicht. Die Begegnungen mit ihr - im Treppenhaus oder, etwas gekünstelt wirkend von Welsh, auf dem Friedhof, der nach vorne hinaus gegenüber der Wohnung liegt - zeigen eine wirklich barsche, gestört wirkende Jugendliche, weit über das Maß hinaus, das ihr Alter durchschnittlich mit sich bringt.

Wer Louise Welsh kennt, weiß, dass sie es mit der Geistlichkeit nicht hat. Dass der Pfaffe im Roman Dreck am Stecken hat, ist so klar wie Kloßbrühe, und, 2012 entstanden, baut Welsh auf die Entsprechung Kath. Kirche = Pädophilie. Das wäre an sich nichts Neues. Aber die Psychologie um den vermeintlichen Vater von Anna und die Dynamik in der Ehe der beiden Haupt-Protagonistinnen ist schon überragend ...

Da hat man immer wieder das Gefühl, die beiden lieben sich nicht wirklich.
- "Ich liebe dich. Du bist so leidenschaftlich und so naiv."
Jane machte sich los. "Sei nicht so herablassend zu mir."

Kulminieren tut das Ganze, als Petra eine Woche geschäftlich nach Wien muss. Der benachbarte Vater von Mädchen Anna schickt der schwangeren Jane die Polizei auf den Hals. Die Wohnungstür ist vollgesprüht mit "Lesben raus!" Und da sind die 'Beckers', ein uraltes Ehepaar, das seit Anbeginn der Zeiten dort wohnt. Vorausschauend auch, angesichts eines vielleicht Dritten Weltkriegs wegen der Krim, die repetierte Warnung von Frau Becker, "Hüte dich vor den Russen!" Ja, hier bringt Welsh Berlin-Typisches mit rein, aber nicht ganz ohne Not: In manchen Sätzen bringt die demente Frau Becker Klarheit in das, was in der Pseudo-Familie nebenan, die sich langsam auf eine hausgesamte Affäre auszudehnen scheint, passiert ist. Und da könnten einige Leichen im Hinterhaus liegen.

Wow. Louise Welsh ' "Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar" ist ein sperriger Roman geworden, und er will es sein! Manchmal drehen sich die Dialoge im Kreis und quälen dich, und es soll so sein! Erzählerisch ist er ein Wagnis, ein gelungenes. Da kommt keiner gut weg. Und es gibt kein eindeutiges Ende. Der Leser wird mit der Nase draufgehalten, dass ein Kindermissbraucher total nett ist, sich alle geplante Mühe geben wird, ubernormal zu wirken, oder, dass eben "Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar" sein kann ...

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Besprochene Ausgabe: Kunstmann  |  2014  |  288 Seiten  |  Festeinband*  |  € 19,95

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