Louise Welsh - Das Alphabet der Knochen: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Das Alphabet der Knochen

(2010) - Orig.: Naming the Bones (2010), engl.
Werthers Leiden an der Glasgower Bohème
Wie erforscht man das Leben eines semi-bekannten, als Twen mysteriös verstorbenen Lyrikers? Man begibt sich bei Überlebenden auf Spurensuche in die drogeninduzierten Siebziger in eine eklektische Künstlerszene, noch dazu im rauhen Schottland.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 26.06.2010

Da schien es nur einen zu geben, der sich innerhalb seines Bohème-Freundeskreises außer mit Sinnsuche in Hippietum, Alkohol, anderen Drogen und Okkultismus noch in etwas weiterem hervortat: 'Archie Lunan' hinterließ der schottischen Nation einen einzigen Gedichtband. Das war's. Der vielversprechende Dichter geht vor einer Insel an der Westküste mit einem Segelboot 25-jährig unter. Jetzt-Zeit: Der Literaturwissenschaftler 'Murray Watson' sitzt auf einem Karton mit einigen kläglichen Hinterlassenschaften des Dichters. Watson ist von Jugend an fasziniert von Lunan. Einen Teil dieser Faszination übt die von der Romantik erfundene und seither rumgeisternde Selbstmord-Sehnsucht aus. Watson hat wenig in seinem Leben im Griff und ebenso schien es Lunan zu gehen. Will er deshalb mehr über den vermeintlich Seelenverwandten herausfinden und ihm durch eine neue wissenschaftliche Publikation den ihm gebührenden Stellenwert zuordnen?

Watson's Recherchen rollen gemächlich an; man erfährt erstmal viel von Watson's Privatleben, von seinen Amouren, in denen er sich immer hübsch von Frauen fernhält, mit denen es etwas Dauerhaftes werden könnte - Leiden liegt ihm anscheinend besser -, man taucht ein ins Glasgower Alltagsleben und das der Kollegen an der Uni, wo wohl jeder mit jedem poppt, ob in festen Händen oder nicht. Typisch Louise Welsh, über den Drang nach sexuellen Taten hat sie in ihren Romanen noch nie das gesellschaftliche Deckmäntelchen gehüllt. Doch ist dies nicht alles eitler Erzähl-Tand, tobten sich doch einige der Heutigen schon im Schriftstellerzirkel um Lunan in den Siebzigern mit aus. Und das Maß bei ihnen, wieviel sie über diese Zeit berichten wollen, ist höchst unterschiedlich...

Die Herausbildung des Mosaiks mit Lunan's Antlitz - keine Angst, auch am Ende des Buches ein keineswegs vollständiges -, die Louise Welsh mit Hilfe akribischer Gespräche mit den Weggefährten zusammensetzt, ist herausragender Kern und Leistung von "Das Alphabet der Knochen". Freilich, sie kann diese Hochspannung und Dichte der Dialoge nicht auf die ganzen 429 Seiten ausdehnen, das würde überfordern, einer Überdosis gleich. Zudem hätten wir dann kein Gesicht von Murray Watson, der lebenden und agierenden der beiden Hauptfiguren. Allerdings wandern einige wenige Nebenstränge und -figuren auf dem schmalen Grat zwischen Füllstoff und der Erhellung von Watson's Charakter. Doch einer Exponentialkurve gleich, nimmt das Buch nach etwa einem Drittel rasant Fahrt auf.

Es geht ja um einen Tod vor 30 Jahren und das macht die induktive Rückschau zu einer ungewöhnlichen Detektivarbeit von jemandem, der kein Detektiv ist, sondern in seinem ungeordneten Leben Antworten und Erlösung bei einem Toten sucht. Der jetzige Archivar der Literatur-Fakultät soff zusammen mit Lunan, ergeht sich in düsteren Andeutungen und hat selber erst vor Kurzem dem Alkohol abgeschworen, weil er's sowieso nicht mehr lange macht. Ein weiterer Saufkumpane starb, zufällig?, kürzlich. Ein uralter Professor bestätigt Watson Lunan's Brillanz. Auch der Chef der Fakultät, und damit Watson's Chef, kannte Lunan... Und dann gibt es noch Lunan's Liebe des Lebens, falls man bei einem mit 25 Verstorbenen davon sprechen kann: 'Christie'.

Die lebt auf der Insel Lismore und schreibt Science-Fiction- und Fantasy-Trash. Ein Hochpunkt der Spannung in "Das Alphabet der Knochen" resultiert aus der Frage, ob Watson diese für ihn und den Leser mittlerweile legendäre Gestalt aufsuchen wird. Denn, über ihren Agenten kommunizierend, gibt sich diese Dame äußerst abweisend. Dennoch begibt sich Watson auf eine Schussfahrt in die Hölle aus entgleistem Hippietum, Aussteigertum, Machismo und Plagiatismus.

Besprochene Ausgabe: Kunstmann | 2010 | 432 Seiten | Festeinband* | € 22,00
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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