Dieser Tage holt man sie wieder hervor, die große Moral-Keule gegen den Finanzsektor, dessen Akteure sich vermeintlich am Elend Griechenlands weiden. Dabei sollte klar sein: Die EU-Politik hatte aus eigenem Antrieb kein Interesse daran, ihren Mitgliedsstaat über Gebühr zu kontrollieren und anzuprangern. Analysten und Researcher hingegen tun dies. Es ist ihr Job und es ist ein sinnvoller. Geben in Folge die Trader einem Unternehmen oder Staat eine vor den Bug, weiß auch der letzte Anleihegläubiger, dass es keinen Sinn mehr macht, weiter und weiter zu beleihen. Ginge Griechenland pleite, so wäre der einzige Grund seine betrügerisch anmutende Staatsverschuldung. So war es auch bei der Investmentbank Lehman Brothers: Die unter Realitätsverlust und Größenwahn leidende Führungsspitze von einer Handvoll Personen hatte Schulden von 660 Milliarden Dollar angehäuft.
Lawrence G. McDonald legt die einstige weltweite Mitarbeiterzahl grob auf 25.000 fest. Er selbst war einer der 24.992, die seiner Meinung nach das Geld verdienten, „das dann von acht Personen durchgebracht wurde.“ McDonald und sein Team waren stolze Trader, Analysten und Investmentbanker, die von den Elite-Unis kamen oder sich - wie McDonald - mit Ehrgeiz und Talent an die Wall Street emporgearbeitet hatten. Sie verdienten gut, sie arbeiteten 60 bis 80 Stunden, sie standen um vier Uhr auf, um vor der Arbeit ins Fitnesscenter zu gehen, ihre Ehen gingen in die Brüche - mit einem Wort: Sie liebten mit Herzblut das was sie taten. Dementsprechend emotional ist McDonald 's Bericht vom Niedergang seines einstigen Arbeitgebers. Die Analyse liest sich zu jeder Zeile wie ein Krimi, und das ist eine Kunst, wenn man dem interessierten Laien CDOs, CDSs oder Leveraged Buyouts erklären will. Viel zum Gelingen dürfte daher Ghostwriter Patrick Robinson beigetragen haben, ein bekannter Name im Thriller- und Sachbuch-Bereich. Lawrence G. McDonald will dabei zwei Dinge, wie er im Vorwort schreibt: dem Laien in Nahaufnahme zeigen, wie die Märkte funktionieren und die Kollegen an der Wall Street so gut wie möglich darüber aufklären, warum das Urgestein Lehman Brothers ein so schnelles Ende fand. Dazu wird er ausholen bis in die Ära Clinton, viele seiner Kollegen werden uns plastisch vor Augen geführt wie gute Roman-Figuren, und letztlich trägt er so genau wie möglich Daten zusammen, die nach der Insolvenz ans Licht kamen. Die „Figur“ McDonald selbst, Vizepräsident im Bereich Wandelanleihen und Notleidende Kredite, wirkt dabei kaum als Vorlage für den bösen „Zocker“. Der Autor weiß, wo er steht, er zählt sich - für den Leser glaubhaft - zu den Guten und scheut sich nicht, die Gefahren zu benennen, die manche Finanzprodukte bergen, die seine Kollegen in anderen Stockwerken des Lehman-Hochhauses strickten und handelten. Doch am beängstigsten ist seine Analyse der fehlenden Kontrolle über die beiden Weirdos Richard „Dick“ Fuld (CEO), Joe Gregory (COO) sowie ihren unumschränkt waltenden Gewerbe-Immobilien-“Prinz“ Mark Walsh.
Es geht los in Bayern, genauer Franken, die Bayern wissen um diesen bedeutsamen Unterschied. Von dort ziehen drei Brüder mit Namen Lehman 1840 nach Alabama. 1850 gründen sie das Handels- und Kolonialwarenhaus Lehman Brothers. Enden tut die Geschichte in Orten wie Stockton, Kalifornien, circa ab 2006, als sich dort immer mehr Familien in Nacht-und-Nebel-Aktionen mit ihrem mobilen Hab und Gut aus dem Staub machen, wie in den Filmszenen aus der Steinbeck-Verfilmung über die Große Depression. Sie waren Hausbesitzer im beliebten Sun Belt der Vereinigten Staaten geworden. Gelockt hatte man sie mit Hypotheken, die in den ersten Jahren fast keine Zinstilgung erforderten, um danach umso erbarmungsloser zuzuschlagen. Bei vielen überstiegen plötzlich die Raten ihr komplettes Einkommen. Passenderweise sind diese Hypotheken als ARMs (engl. Waffen) abgekürzt - Adjusted Rate Mortgages. Bonitätsprüfungen gab es nicht, im Gegenteil, man konnte sich das Einkommen im Antragsformular ausdenken. In anderen Fällen überwies der Hypothekenvertreter vorübergehend Geld auf das Konto des potentiellen Kunden, um Bonität vorzutäuschen. In einer Art Spionage-Aktion fliegen McDonald und ein Kollege 2006 an die Westküste, um dem Treiben um die Immobilienblase auf den Grund zu gehen. Entsetzt - aber für den Leser lustig - beschreiben sie die Scharen sonnengebräunter „Hohlköpfe“, mit Steroiden vollgepumpte Bodybuilder, mit Bürstenhaarschnitt und Goldringen im Ohr, also Vertreter der übelsten Sorte, die die NINJA-Hypotheken an den Mann bringen (No Income, No Job, No Assets - Kein Einkommen, Kein Job, Kein Vermögen). Verbrieft als strukturierte Anleihen, Collateralized Debt Obligations, landen sie in Portfolios von Fonds und Banken von Tokio bis Frankfurt.
Die drei großen Rating-Agenturen Moody's, Standard & Poor's und Fitch bewerteten diese CDOs mit der selben Stufe wie die sicheren Staatsanleihen. Der Grund war im Nachhinein klar: Sie vervielfachten ihre Umsätze in jenen Jahren mit Hilfe der Gebühren, die für jede Gefälligkeitsbewertung fällig war.
Eine Stärke des Buches liegt darin, dem oben geschilderten ominösen Treiben die seriösen und wichtigen Seiten des Finanz-Biz gegenüberzustellen. Etwa die Arbeit der scharfsichtigen Researcherinnen Christine Daley und Jane Castle oder der Trader-Legende Larry McCarthy. Sie bilden durch Beobachtung Zusammenhänge, die die Buchhalter mancher Firmen gerne verschleiern würden. Sie können Unstimmigkeiten in den Bilanzen „herauslesen“ und errechnen, um dann marode Firmen anzugreifen und im günstigsten Fall zur Neuaufstellung oder geordneter Liquidation zu zwingen, immer unter den besten Bedingungen für die eigenen Kunden, sprich Inhabern der Anleihen der betreffenden Betriebe. Über die drei prominenten Fälle Calpine, Delta Airlines und Beazer, in die das Team um Larry McCarthy verwickelt war, liest man atemlos. Oder, hochspannend: Kollege Peter Hammack gelingt der Zugriff auf eine Datenbank, die die Zahl der Hypothekennehmer auflistet, die mit ihren Zahlungen 30 und 60 Tage im Rückstand liegen ...
Eine Gruppe der ungehörten Warner gab es bei Lehman seit 2005. Andere Banken handelten: 2006 gibt der Chef von JPMorganChase Anweisung, sich von allen faulen CDOs zu trennen. Auch Finanzgigant Warren Buffett lässt sich nie auf sie ein. Lawrence G. McDonald unterstellt „König Richard“ Dick Fuld, die neueren Finanzmarkt-Instrumentarien nie verstanden zu haben. Aus unzähligen Augenzeugenberichten von Leuten, die mit dem entrückten Boss diskutierten, der ausnahmlos im 30sten Stockwerk saß und sich nicht unter die Mitarbeiter mischte, geht hervor, dass sich sein Blick teilnahms- und verständnislos verschleierte, wenn man begann, ihm die Risiken, in die sich Lehman mehr und mehr begab, detailliert auseinanderzusetzen. Hinzu kommen beispielloser Geltungsdrang, Neid auf die größeren Bankhäuser und Größenwahn. Das sinnlose Aufkaufen zu Höchstpreisen von Groß-Immobilien rund um die ganze Welt, nur um als Big Player dazustehen, bricht Lehman letztendlich das Genick. Die Aktiva in den Bilanzen der letzten Quartale der Bank waren hoffnungslos geschönt, dennoch gab es in der Phase der Rettungsversuche noch zwei solide Kaufangebote seitens einer koreanischen Bank, die Fuld beide ablehnte, sodass der Anteil dieser Einzelperson und dem Rest des Vorstands am Verschulden der Finanzkrise gewaltig genannt werden kann. Die „Jungs von Barclays“ (sie kaufen nach der Insolvenz Teile von Lehman) sollen während des Versuches, den Wert der Firma zu ermitteln, gesagt haben: „Lehmans Bewertungen ihrer Aktiva sind irrsinnig - was zum Teufel haben Fuld und dieser Gregory getan?“
Augenmerk legt McDonald jedoch auch auf die politischen Rahmenbedingungen, sozusagen die Meta-Voraussetzungen für die Krise. Da sind Stichworte die Aufhebung des Glass-Steagall-Gesetzes 1999, das bis dahin Fusionen von Geschäfts- und Investmentbanken verbot, die Niedrigzins-Politik des unangreifbaren Alan Greenspans nach dem 9/11 Anschlag und somit auch der Anteil der Terroristen um Osama bin Laden an der Finanzkrise, als später „Sieg“ - freilich benennt das McDonald nicht so, aber er schildert die Zusammenhänge.
Auch verliert der Leser nie den Überblick. Besteht die Gefahr, benutzen McDonald/Robinson elegante Wendungen wie „Der CDS war auf einmal der letzte Schrei. Ich darf Ihnen noch einmal kurz in Erinnerung rufen, wie er funktioniert.“ Et cetera kommt nochmal eine kleine Auffrischung. Und besagter Busfahrer aus der Überschrift dieses Artikels bürgert sich als Running-Gag an der Wall Street ein - immer erste Gefahrenindikatoren, solche Witze, laut McDonald.
Hier, in Europa, beschlossen gestern, am 18. Mai 2010, die EU-Finanzminister Basisregulierungen für Hedgefonds und Private-Equity-Firmen, die auf mehr Information und Transparenz abzielen. Doch werden in diesen Bereichen, wie auch im Bankensektor, kriminelle und wahnhafte Energie, wie im Falle der Lehman-Spitze, immer Wege zur Verschleierung finden. Dann wird's Zeit, dass eine Christine Daley wieder mal sagt:
Du musst shorten, Baby, shorten, und zwar in großem Stil.
Besprochene Ausgabe: Hoffmann und Campe | 2010 | 390 Seiten | Festeinband* | € 22,00
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
2. Jonas-Philipp Dallmann: Notschek (2011)
3. Gavin James Bower: Dazed & Aroused (2009)
4. Ron Leshem: Der geheime Basar (2011) - Orig.: Megilat zchujot hajareach (2009), hebräisch
Martin Amis:
Die schwangere Witwe
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Shumeet Baluja:
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Moti Kfir, Ram Oren:
Sylvia Rafael. Mossad Agentin
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Die Legende unserer Väter
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