Mit dem bekanntesten Zitat aus „Hamlet“ eröffnet Kevin Power sein Buch, dem um das Geschwür, das in Ruhe und Wohlstand von innen aufbricht, ohne von außen den „Grund des Todes“ zu zeigen. Einen Toten, einen Erschlagenen, gibt es in „Die letzte Nacht des Sommers“. Einen weiteren, den daniederliegenden Keltischen Tiger Irland konnte Power 2008, zum Erscheinen des Originals, noch nicht vorausahnen. Er sah andere Geschwüre, die sich im rasanten Tempo der ökonomischen Entwicklung ab Ende der Neunziger bildeten und in ihrem Wachstum mithielten. Seinen Figuren, junge Erwachsene der werdenden Elite, hält er zugute, „dass sie in einem Land reich waren, das nicht wusste, wie man mit Reichtum umzugehen hat.“ In Irland hätten Privilegien immer noch den Beigeschmack des Unnatürlichen und Unverdienten. Würden die Privilegien von ihren Trägern als Selbstverständlichkeit gesehen, führe das zu Problemen.
Doch quälen sich die vier Privatschüler, deren Leben sich Power genauer anschaut, mit solchen Gedanken erst gar nicht ab. Denn die Abgrenzung zu gemeineren Schichten ist für sie einfach da. Das haben sie von Anfang an von ihren Schuldirektoren und den Eltern eingebläut gekriegt. Sie strampeln eher damit, mit der von ihnen verlangten Perfektion schritthalten zu können. Magersucht und Ritzen sind gang und gäbe, das stumpfe sportliche Sich-Verausgaben bei den Jungs. Abstinenz von Zigaretten oder harten Drogen ist durchaus angesagt, aber am Wochenende geht's komprimiert zum Komasaufen. Am frühen Abend wird vorgeglüht und mit Pegel kommt man im Club an, die wohl dort, in Dublin spielt es, schon um drei Uhr dicht machen; wohl dem, der dann noch ein paar Flachmänner auf Tasche hat. Der zwanzigjährige 'Conor' überlebt einen solchen Abend nicht. Kurz nach drei wird von einer Gruppe auf ihn eingeprügelt und als er zu Boden geht, erhält er laut Obduktion drei Tritte in den Kopf, zwei Stunden später ist er tot. Es waren geübte Rundschwung-Tritte aus dem Rugby, wird später ausgesagt werden.
Die Kleidung muss passen. 'Laura', Freundin eines der des Todschlags Angeklagten, kauft die Hoodies von American Eagle für 250 Euro und Ugg Boots für 200 finden ihre Freundinnen günstig. Über ihre rosa Trainingshose läuft das Logo quer über den Hintern. „Ihr Arsch ist wie für Trainingshosen geschaffen“, sagt einer bewundernd. Man spricht amerikanisierten Akzent. Alle verbrachten nach der Schule mehrere Monate Belohnung in den USA. Ja, auch eine Form von Prolligkeit, doch Haupt-Angeklagter 'Richard' lässt sich auch über Weine aus oder französische Politik. Er gehört einer Akademikerelite an, die für ihre Aggressivität im Rugby gelobt wird - Power lässt ihn im Spiel auf einen Gegenspieler einprügeln, woraufhin er nur eine milde Sanktion an seiner Schule erfährt -, und die weiß, dass Dinge intern in diesen Kreisen geregelt werden, falls man mal Scheiße baut. Semper et Ubique Fidelis - Immer und überall treu - ist das Motto der fiktiven Rugby-Privatschule, die in ihren Prospekten wirbt, dass es statistisch nicht vorkomme, dass ein Absolvent kein Studium danach antrete. Die Unis winken mit Rugby-Stipendien.
Schuldirektor 'Kilroy' legt Kevin Power nach dem Ausraster im Rugby von Richard eine entlarvende Ansprache in den Mund: „Es geht hier um Ethos, Richard. Es geht darum, ein Mann zu sein. Es geht darum, sich nicht auf das Niveau unserer gemeineren Vettern herabzulassen. Wir erheben uns darüber, Richard. Das macht uns zu wertvollen Menschen.“ Körperliche, darwinistische Auslese durch Kampfsport und intellektuelle Formung der künftigen Eliten - kann das überein gehen? Übermenschen, dazu erzogen, sich im späteren Ellbogenkampf kein schlechtes Gewissen machen zu müssen. Sie sind die Guten.
Der Ich-Erzähler in „Die letzte Nacht des Sommers“ rollt die Ereignisse, die an einen wahren Vorfall angelehnt sind, rückwärts auf. Die Tat steht am Anfang. Kevin Power macht das geschickt und hält die Spannung, indem er seinem desillusionierten, ermattet wirkenden Erzähler eine Wissensgier mitgibt, mit der er zwanghaft zu erhellen versucht, was sich ereignete. Power 's Kunstgriff ist, dass sich alle Protagonisten seit Schulzeiten kennen. So entstehen feinziselierte Portraits des Haupt-Angeklagten, des Ermordeten und vor allem Lauras, die sich von allen Beteiligten am schlechtesten in ihrem ihr vorgegebenen Status zurechtfindet, allerdings auch keine Ausbruchsversuche unternimmt.
Noch acht Jahre nach dem zum Ausgangspunkt genommenen realen Mord, rügt der irische The Independent vermeintlich im Namen der über das Buch schockierten Hinterbliebenen des Opfers die Dreistigkeit Kevin Power 's. Und legt ungewollt genau den Finger in das Geschwür, das Power kurieren will. Das Kungeln der Amigos, das Weitermachen, als wäre nichts geschehen, Totschweigen - „Wir machen das unter uns aus“. Doch der größere Teil der irischen Presse nahm „Bad Day in Blackrock“, so im Original, sehr positiv auf. Das ist gerecht.
Besprochene Ausgabe: Kiepenheuer & Witsch | 2010 | 304 Seiten | Broschur* | € 8,95
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
1. Horst Eckert: Schwarzer Schwan (2011)
2. Urban Waite: Schreckensbleich (2011) - Orig.: The Terror of Living (2011), engl.
3. Yassin Musharbash: Radikal (2011)
4. André Meier: Letzte Losung (2011)
5. Sara Paretsky: Hardball (2011) - Orig.: Hardball (2009), engl.
Robert Ludlum, Eric van Lustbader:
Das Bourne Duell
Heyne, Festeinband
Linwood Barclay:
Weil ich euch liebte
Knaur, Broschur
Thomas W. Young:
Freeze - Gefangen im Eis
Piper, Broschur
Elisabetta Bucciarelli:
Ich vergebe dir
btb, Broschur
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