Dawn schreibt Listen. Ja, Listen, so wie Einkaufsliste. Warum? Sie sagt, so wird man sich über Fragen leichter klar. Doch die Antworten, die sie findet, sind meist recht dünn. Oft ist die herausgefundene Wahrheit einfach "keine Ahnung". Die Gründe, warum sie dieses eher kindliche Vorgehen wählen muss, sind mannigfaltig. Da ist einmal die allgemeine Verunsicherung einer jungen Frau, die sich selber pummelig und nicht hübsch findet und in der Schule als komisch gilt. Dann der Vater, der vor zwei Jahren einfach verschwand. Die grüne Sporttasche mit einer Pistole und 200.000 englische Pfund Bargeld, die er da ließ. Und eine Mutter, die seither wie ein Zombie vor der Glotze hängt und säuft und kifft.
Ob dieser Umstände funktioniert Dawn noch ziemlich gut, im Vierecksgeflecht zwischen ihren beiden Hunden 'Mary' und 'Jesus' und der Mutter. Das sind die drei Wesen, die sie liebt und umsorgt. Vom Computer läuft immer nur Musik der Band "The Jesus and Mary Chain" - kann man kennen, wenn's einem von den Eltern empfohlen wurde, aber eher nicht. Das macht nichts, die Band, die Dawn's Vater gerne hörte, symbolisiert auch nur einen letzten Strick, mit dem sich Dawn noch an ihren verschwundenen Vater anbindet. Doch reine Liebe, so viel ist schnell klar, kann es nicht sein, was sie für ihn noch empfindet, etwa, wenn man sich Songtext-Fetzen anschaut, die sie in ihre Kladde notiert: "and heaven I think, is too close to hell". Ein weiteres Familiengeheimnis lauert, neben der offensichtlichen Kriminalität von Dad.
In der schlichten Liste, warum Dawn Gott töten möchte, findet sich Kalauerhaftes wie "wenn Gott tot wäre, könnten die Geschäfte sonntags länger offen haben" als auch der Hauptgrund: "Wenn Gott tot wär, wär ihm mein Dad nie verfallen." Freilich liegen die Dinge so einfach nicht. Doch eine anti-religiös-institutionelle Schwingung liegt auf jeden Fall in "Killing God" - und nicht nur wegen zweier Pfarrer, die in der Geschichte vorkommen. Kevin Brooks macht seinen Lesern nichts vor und so weiß er auch, dass gegen Angst vor Schwäche, Angst vor Konflikten und Mangel an Selbstvertrauen in der Jugend kein Gebet zu Gott hilft. Wenn man dabei Hilfe von ihm erwartet, kann man ihn nur hassen. So wie Dawn. Exemplarisch beschreibt spät im Buch eine Mitschülerin - eine wohlgelittene, gutaussehende, a-team-mäßige - warum sie sich durchaus zuhause mit Dawn treffen kann und sie tatsächlich nett findet, auf dem Schulhof aber jede Zuneigungsbekundung nicht möglich ist, da das ihren A-Team-Status zerstören würde. Es gibt diese Regeln. Sie sind für alle Teenager seit Anbeginn der Menschheit gleich. Und sie werden sich nicht ändern. Da musst Du durch. Aber auch andere vor Dir haben das überlebt.
Die rotzige Kurzsprachigkeit - lieber zu wenig als zu viel reden - setzt Brooks meisterlich um und zollt Dawn's grundsätzlichem Misstrauen der Welt gegenüber Respekt. Dabei darf der Leser nie denken, es gehe hier gerade um nichts; oder, dass irgendwelche Details im vermeintlich manchmal wirren Gedankenstrang Dawn's unwichtig wären. Kevin Brooks lässt den Spannungsbogen erst sehr spät im Buch nach oben schnellen. Doch wäre es eben zu wenig, "Killing God" als Thriller zu bezeichnen. Die komprimierten Offenbarungen erst im letzten Fünftel des Buches verfestigen gekonnt das Gesamtwerk. Was bleibt, ist eine simpel anmutende Erkenntnis, die umso schwieriger zu meistern ist. Zu oft hilft Dir niemand. Und dann musst Du Deinen Arsch hockkriegen, und Dich den Fragen so gut wie möglich selbst stellen. Da führt kein Weg dran vorbei.
Besprochene Ausgabe: dtv extra | 2011 | 272 Seiten | Broschur* | € 8,95
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