23.11.2017   Rezension, Buchbesprechung, Buchkritik   Literatur, Buch, Kritik         Kerstin Preiwuß - Restwärme: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Kerstin Preiwuß - Restwärme: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

* buchtipps buchkritik buchneuerscheinungen

Anzeige

- Restwärme

(2014)
Harsche 50er, auch in der DDR
Den Typ Sprachloser Familientyrann erforscht Kerstin Preiwuß in ihrem "Restwärme". Man lebte zwar im antifaschistischen Staat, aber aus dem Krieg kam man trotzdem.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 15.07.2014
Kerstin Preiwuß - Restwärme
Zoom Kerstin Preiwuß - Restwärme

Opa 'Otto' ist tot. Tochter 'Marianne', Geologin, kommt zur Beerdigung, irgendwo im Ländlichen auf der Mecklenburgischen Seenplatte. Bruder 'Hans' und die Mutter leben nun noch im Haus von Mariannes Kindheit und Jugend. Hans pendelt zur Arbeit nach Hamburg, "Kühllager ausräumen" - hört sich eher temporär an. Das ist der ganze Rahmen in "Restwärme", den Kerstin Preiwuß dann ausfüllt mit der Familiengeschichte im kompletten Zwanzigsten Jahrhundert, hauptsächlich freilich mit den Skizzen um den gerade Verblichenen, mit viel melancholischer bis verbitterter Rückschau Mariannes, mit zuviel Fauna und Flora und zu oft aufgesuchter alter Badestelle.

Ein paar Szenen bleiben hängen, die diesen Opa Otto umreissen, der unausweichlich im Laufe des Kartenspielabends mit Freunden seine Schussverletzung vorzeigen wird und die dazugehörigen Umstände kund tut, der sich im Kinderalter von Hans und Marianne einen sadistischen Spaß daraus macht, ein genaues Timing hinzubekommen, den gequälten Hans von der Klimmzugstange fallen zu lassen, zeitgleich mit dem provozierten Sturz Mariannes vom Fahrrad, dessen Luftgewehrdiabolos auch in die eigenen Hühner gehen, wenn die Krähen zu schwierig werden, mit zunehmendem Suff. Und doch bleibt Opa Otto eher Typus, als dass er ein Typ würde im Buch, im Sinne von eigenständig, originell, mitreissend. Wie alle Figuren, ebenso Erzählerin Marianne, bleibt auch er wie hinter Gaze verpackt, eigentümlich leblos, obgleich wortreich beschrieben. Man hätte gerne mal einen Inneren Monolog von diesem Mensch gehört, wie er sich fühlt, wie er sich als Einzelner, wie er sich als Deutscher fühlt, doppelt gefickt durch die beiden Weltkriege, erst durch die Siegermächte, dann verarscht durch Adolf Hitler. Dazu hätte wesentlich mehr Mut gehört, und wahrscheinlich wird eher ein Ausländer als erster schonungslos in so ein Projekt ziehen, lange vor einem deutschen Literaten.

Mutter war eher drum bemüht, die Aussenwirkung auf die Nachbarn zu beschönigen, aber nicht fähig, die Schandtaten ihres Ehemanns zu unterbinden. So ergeben sich mit Marianne höchstens solche Dialoge:

Das sind meine Sammeltassen.
Sehr schön.
Du kannst sie mitnehmen.
Wie meinst du?
Ich schenk sie dir.
Ich will sie nicht.
Dann eben nicht.

Den fatalistischen Zwang, in dem ihre Schützlinge stecken, versucht Kerstin Preiwuß gleich über mehrere Generationen festzudengeln. Er wird sogar vor Marianne - in der Jetztzeit, in den Neunzigern? - nicht halt machen. Es ist erlaubt, in der Abstraktion der Literatur, dass Preiwuß den Nachkommen jegliche Wahlfreiheit abspricht. Auf den jüngsten Tagen der Deutschsprachigen Literatur wurde die Autorin wegen zuviel Metaphorik angegangen. Ausgerechnet hatte sie wohl ihre ellenlange Passage über Nerzzucht vorgelesen, was eine Mini-Vergasungsdebatte hervorrief. Sei's drum, kann man so sehen oder nicht. Hauptproblem ist eher, dass die Vergasung der Nerze schon längst in nachlassender Aufmerksamkeit im größeren Rahmen des Brehmschen Tierlebens untergegangen ist, das "Restwärme" ebenfalls ist. Fische, Kaninchen, Katzen, Ratten wird es noch geben neben den bisher an dieser Stelle noch nicht erwähnten Arten, dann fünf Seiten über den Hund eines Kollegen Ottos. Selbst dem Fuchs sind zwei Seiten gegeben. Immerhin weniger als beim am selben Literaturinstitut ausgebildeten Saša Stanišić, wo das Viech durch seinen kompletten jüngsten Roman schleicht. Wenn Bruder Hans einen Hecht mit der Forke erlegt, und später erklärt, der Hecht sei krank gewesen, das hätte man an den Schuppen gesehen, dann kann man das einfach cool finden, gleich wieder eine Andeutung auf Unwertes Leben sehen - oder es einfach als Füllstoff sehen, denn "Restwärme" sind nicht Hemingway's geniale "Nick Adams Stories".

>>> Mehr Bücher Allgemeine Literatur ...

Besprochene Ausgabe: Berlin Verlag  |  2014  |  240 Seiten  |  Festeinband*  |  € 18,99

Anzeige

Twittern *  @sfmagazin folgen * 
 * 
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
Kurze Buchvorstellungen / Autor-Bio:
 
sf magazin * Favoriten im Genre Allgemeine Literatur:

Anzeige

blog comments powered by Disqus
 
 
+ sf magazin
Nexus
The Moon Is a Harsh Mistress
The Last Girl
Das Hexenmädchen
Brief Encounters with the Enemy: Fiction
Il Tuttomio
Pacazo
Non-aventures: planches à la première personne
Suddenly Something Happened