23.10.2017   Rezension, Buchbesprechung, Buchkritik   Literatur, Buch, Kritik         Kenneth Calhoun - Black Moon: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Kenneth Calhoun - Black Moon: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

* buchtipps buchkritik buchneuerscheinungen

Anzeige

-

Black Moon (2014), engl. (zu dt. noch nicht erschienen)
Alles, was wir für gegeben hielten
Die Schlaflosigkeit, mit einhergehendem Irrsinn, spaltet Familien und Liebende in Kenneth Calhoun 's "Black Moon".  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 02.08.2014
Kenneth Calhoun - Black Moon
Zoom Kenneth Calhoun - Black Moon

Es geschieht ganz langsam: Eine Epedemie lässt uns nicht mehr schlafen. Jetzt - im Hochsommer - sind wir schon aufgekratzt, wenn wir mal eine Nacht lang nicht tief geschlafen haben, weil der Block-Nachbar auch seine Fenster offen hatte und seinen Film mit Surround-Anlage geguckt hat. Man stelle sich vor, das gehe nächtelang so, vier, fünf hintereinander. Es wurde ausprobiert, der völlige Schlafentzug, exzessiv an Katzen - diese an sich schon ambivalenten Kreaturen werden nur noch unberechenbarer - und freilich am Menschen, und sei's zur Geständniserpressung, wie erst heute der US-amerikanische Präsident mal wieder zugeben musste. Ob Geständige da immer wußten, was sie sagen, sei dahingestellt. In Kenneth Calhoun 's "Black Moon" ist es der Verlust von Erinnerung und dem Unterscheidungsvermögen von Wahn und Realität, der die Infizierten umtreibt.

'Biggs' versucht zuerst liebevoll, seine betroffene Freundin mit aus den mittlerweile verwüsteten Apotheken besorgten wahllosen Placebos in den Schlaf zu bringen. Allein mit der Hoffnung, vielmehr Lüge, ein Heilmittel sei gefunden. Es funktioniert nicht. Er fesselt sie nachts an einen Stuhl, um nicht von ihr massakriert zu werden. Die Schlaflosen reagieren aggressiv auf die immer weniger werdenden noch Schlafenden ...

Die befallenen Eltern von 'Lila' treffen Vorkehrungen zu ihrer Flucht, nachdem auch das Anketten ans heimische Piano nichts mehr nützt. Biggs als auch Lila werden Vagabunden unter einem "Black Moon", ziehen von einer Zusammenrottung der Schlafenden zu nächsten, finden Zuflucht im Schlafasyl von 'Mother Mary'. Maria erzählt Geschichten, und gibt den Geschädigten Erlebnisse und Träume zurück, die sie selbst nicht mehr haben können ... Ein Hoffnungsfunke, der fürderhin stärker auflodern wird, im Erzählstrang um 'Felicia', die sich zusammen mit anderen Wissenschaftlern im Schlaflabor unter krassen Umständen forscht. Ihr Ex ist 'Chase', der mittlerweile mit einer Pickup-Ladung voller Medikamente durch die Lande hausieren geht, und herzzerreißend ahnt, dass Felicia ihre Beziehung zugunsten ihres Jobs über die Klinge gehen ließ.

In den drei, vier Erzählsträngen von "Black Moon" passiert programmatisch nur zögerlich etwas. Und es ist die umprätentiöse Sprache Kenneth Calhoun 's, die korrelliert mit einem äußerst angenehmen Einlullen des Lesers. Der Angelsachse - denn genau vom "lullaby", dem Schlaflied, stammt das deutsche Einlullen - forciert eine exakte Gratwanderung. Seine Katastrophe vollzieht sich zögerlich und die von Schlaflosigkeit Betroffenen taumeln lange in einem Zustand, in dem sie phasenweise noch die volle Kontrolle über sich haben.

Im Kern arbeitet Kenneth Calhoun Liebesgeschichten heraus, seien sie zwischen geschlechtlich Liebenden oder innerhalb von Familien oder zwischen Freunden. Ein Gutteil von "Black Moon" sind die Erinnerungen der noch klar Denkenden an die Abdriftenden. Im Nachhinein erst wälzt man die Probleme, die man miteinander hatte und die doch so einfach zu lösen gewesen wären. Wäre man nicht vom Alltäglichen abgelenkt gewesen. Jetzt, in der Ausnahmesituation, zählt nur noch das Gegenüber, denn alles andere ist zusammengebrochen und unwichtig geworden. "Black Moon" ist eine große, sanfte Allegorie auf das, was im Leben wichtig ist.

>>> Mehr Bücher im Genre Negative Utopie / Dystopie ...

Besprochene Ausgabe: Hogarth  |  2014  |  288 Seiten  |  Festeinband*  | 

Anzeige

Twittern *  @sfmagazin folgen * 
 * 
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
Kurze Buchvorstellungen / Autor-Bio:
 
sf magazin * Favoriten im Genre Negative Utopie / Dystopie:

Anzeige

blog comments powered by Disqus
 
 
+ sf magazin
Nexus
The Moon Is a Harsh Mistress
The Last Girl
Das Hexenmädchen
Brief Encounters with the Enemy: Fiction
Il Tuttomio
Pacazo
Non-aventures: planches à la première personne
Suddenly Something Happened