Einem Paukenschlag gleich, eröffnet MacLeod seinen Roman mit dem fiktiven 31. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten:
‘The government of the United States of America is not in any sense founded on the Christian religion, nor on any other.’
Thirty-First Amendment to the Constitution of the United States
Wie sieht die Gegenwart aus in der mächtigsten Nation der Welt und wie sieht der Schotte MacLeod Edinburgh - seinen Roman-Schauplatz - und die Weltlage in der Zukunft?
US-Amerika ist das Land der Widersprüche aus Sicht von uns Europäern. Während deutsche Religionsgemeinschaften sich mit ihrer Rechtsform „Körperschaft des öffentlichen Rechts“ Pflichten, aber vor allem Rechte einhandeln, verbietet der „1. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten“ (erster der zehn Zusatzartikel der „Bill of Rights“) die Bevorzugung oder Benachteiligung einzelner Religionen durch Bundesgesetz. Eine Staatsreligion darf nicht gegründet werden. Die USA sind ein Flickenteppich an Religionszugehörigkeiten und Unter-Zugehörigkeiten und Unter-Unter-Zugehörigkeiten. Aber auch „One Nation under God“, wie es im Fahneneid heißt.
Die Bildung von Seilschaften in Unternehmertum und Politik ist eng an Religionszugehörigkeit gebunden. Opportune Religions-Wechsel sind an der Tagesordnung. In exaktem Widerspruch zur Trennung von Kirche und Staat unterläuft die Realität die Intentionen der Verfassungsväter.
Die „Nation unter Gott“ gründet auf ihren jüdisch-christlichen Wurzeln sowie ihrer utilitaristischen Ideologie ein Sendungsbewußtsein, das sich weigert, eine Richtung vorzugeben. Es dient in Wirtschaft und Politik nicht selten als Vehikel zur Rechtfertigung jeglichen Handels und beruft sich im Zweifelsfall gar auf den Ursprungsmythos - die Staatsgründung mit göttlichen Zielen -, der impliziert, dass das amerikanische Volk von Gott zu einem besonderen Zweck berufen worden ist.
Befragt zum ersten persönlichen Zusammentreffen des amtierenden amerikanischen Präsidenten mit dem letzten britischen Premierminister Tony Blair, gibt die damalige Aussenpolitische Beraterin Condoleezza Rice an, die Chemie hätte sofort gepasst, die beiden hätten ja dieselbe Glaubensrichtung, nicht ohne vorher zu betonen, wie gläubig sie doch selber sei und das alles nur zu gut verstehen könne. Man muss sich dies als deutsches Pendant vorstellen: Frank Walter Steinmeier schwärmt, gefragt zu einer aussenpolitischen Entscheidung, zuerst von der gemeinsamen Glaubensbasis unter den Verhandlungspartnern.
Interessensgruppen unter Entscheidern bilden sich so oder so, religiös begründet oder nicht. Das Gefährliche an Interessensgruppen, die sich das religiöse Mäntelchen umhängen, dürfte sein, dass sie auf einer Woge von Unterstützerschaft reiten, die sich aus Gläubigen rekrutiert, die ihren Glauben zwar nur als privaten Selbstzweck sehen, aber anfällig sind, der Lobby zu folgen, die denselben Glauben als Vehikel für weiterführende Zwecke benutzt.
In Ken MacLeod's Roman beginnen die 'Faith Wars' mit dem 11. September 2001 und enden in den Zwanzigern dieses Jahrhunderts. Nachdem der Terrorismus militant islamischer Seite besiegt ist, fordert die in diesem Zuge immer stärker gewordene christliche Rechte ihr Stück vom Kuchen. Die wirtschaftlich am Boden liegenden Staaten und Überstaatliche Organisationen sind weiterer religiös untermauerter Agitationen überdrüssig und verbannen Kirche und Religion ins rein Private unter Verbot jeglicher Form von Organisation oder Institutionalisierung. Es herrscht die 'Zweite Aufklärung'. Zu Beginn der Handlung des Romans, etwa in den Dreißigern, herrscht Verbitterung zwischen den wenigen verbliebenen Gläubigen unterschiedlichster Richtungen und den Staatsorganen - die Reinigungen und das Verschleppen von Priestern von der Kanzel weg durch die 'God Squads' sind noch allzu lebhaft in Erinnerung. Trotz der Abschaffung von offiziellen Strukturen scheinen sich wieder genau die Mechanismen Bahn zu brechen, gegen die man einst damit antrat.
Detective Inspector Adam Ferguson im kleinen Schottland, einst überzeugter Anhänger und Handlanger der 'Zweiten Aufklärung', gerät schnell in einen Kampf gegen totgeglaubten religiös motivierten Terrorismus, als ein harmloser Gemeinde-Priester per Briefbombe getötet wird und bald darauf ein Bischof. MacLeod packt dies in die Form eines klassischen Kriminalromans, der die nötigen SF-Elemente hinzubekommt, da er ja in der Zukunft spielt. Am besten ausgedrückt mit dem englischen Genre-Begriff Near-Future-Thriller. Die Gimmicks der Polizeiarbeit wie auch der Privatpersonen wie Informations-Linsen (im Auge), visuelle und akustische Informationsaufzeichnung und -teilung durch eben diese und ein kleines Gerät namens 'iThink' sind sympathisch und plausibel. Die eher traurige Geschichte humanoider Roboter bildet einen Nebenstrang, der aber in Glaubensfragen weit in das Hauptthema hineinreicht...
Auch die tragische Rolle des 'Nützlichen Idioten', des eigensinnigen, aber niemandem Böses wollenden Laien-Predigers kommt vor.
Da mag eine Inkonsistenz in MacLeod's Geschichte vorliegen, scheint doch Künstliche Intelligenz innerhalb der wenigen Jahrzehnte etwas zu schnell fortgeschritten zu sein. Desweiteren kann man mit von ihm beschriebenen Geschichtsverlauf hadern. Das macht nichts. Er schärft unseren Blick auf die Gefahren von heute und unterhält uns gut. Denn die SF-Literatur ist kein Orakel.
Der desillusionierte Laien-Prediger fragt gegen Ende des Romans, worin denn der Sinn eines Glaubens läge, in dem man beliebig festlegen könne, was man glaube. Sein Freund antwortet: „Eben in der Wahl; und was die Wahl, die Du getroffen hast, Dir über Dich erzählt.“
Übersetzung Zitat: sf magazin *
Ein weiterer 'Near-Future-Thriller' wäre etwa Charles Stross' "Halting State" (Rez. auf sf magazin *).
Besprochene Ausgabe: Orbit (engl.) | 2008
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1. John M. Cusick: Girl Parts - Auf Liebe programmiert (2011) - Orig.: Girl Parts (2010), engl.
2. Charles Stross: Rule 34 (2011), engl.
3. Elliott Hall: Den ersten Stein (2011) - Orig.: The First Stone (2009), engl.
4. Assaf Gavron: Hydromania (2009) - Orig.: Hydromania (2008), engl.
5. Walter Jon Williams: Off (2009) - Orig.: This is Not a Game (2009), engl.
Markus Stromiedel:
Die Kuppel
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John Ringo:
Planetenkrieg – Feindliche Übernahme
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Ian Whates:
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John M. Cusick:
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