Karin Slaughter - Entsetzen: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Entsetzen

(2010) - Orig.: Fractured (2008), engl.
Detective 'Faith's' Glaube in Legastheniker
Legastheniker haben Vorzüge, wenn's nicht gerade ums Lesen geht. Special Agent 'Trent' erfasst umso schneller einen Tatort und Karin Slaughter schafft es, mit ihrer akribischen Schilderung der Polizeiarbeit den Leser gleichzeitig zu fordern und zu vergnügen.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 05.09.2010

Er versucht es in geschickt eingespielter Routine zu verheimlichen, dieser Special Agent Trent vom Georgia Bureau of Investigations, einer Art FBI, das nur für Georgia zuständig ist: Er ist Legastheniker. Da sind seine Tricks, wie etwa der, von dem man nur ein leises Klicken hört, wenn er sein kleines digitales Diktiergerät innerhalb seiner Jacket-Tasche ein- und ausschaltet. Den üblichen speckigen Spiralblock benutzt er nicht. Für seine Rapports benutzt er Spracherkennungssoftware. Bei sonstigen Archivierungen in Ordnern oder Hängeregistern spielen Farben eine höhere Rolle als Schrift. Einer seiner banalen Vorteile: Bei seinen bisherigen Einsätzen als Interner Ermittler arbeitete er immer alleine. Das ist in Karin Slaughter 's "Entsetzen", dem zweiten Buch, in dem Trent auftaucht, anders. Er muss mit einer Detective des Atlanta Police Departments zusammenarbeiten.

Frauen können cool töten, auch stärkere Männer, wenn sie nur wollen. Oder wenn sie gerade denken, jemand hätte ihre Tochter umgebracht. Denn nur dann lässt sich jegliche Zivilisiertheit abschalten, um Instinkten Bahn zu geben. 'Abigail' tut das Klassische, das was jeder tun kann, der sich nicht mit Kampftechniken wehren kann: In die Eier, dann Daumen in die Augenhöhlen, bis man spürt, dass was nachgibt, dann Kehle, "Sie spürte, wie die Knorpel in seiner Kehle sich bewegten, die Ringe, die die Speiseröhre umgaben wie weiches Plastik."

Leider war der junge Mann, den Abigail tötet, der Tochter nur zur Hilfe geeilt, wie sich später herausstellen wird. Zudem hatte er zuvor einen Kampf mit dem wirklichen Mörder und seine Lunge wäre in Kürze kollabiert. Abigail "tötete ihn, bevor er starb", wird später der Leichenbeschauer lapidar sagen. Trotzdem keine schöne Situation für alle Beteiligten: Die zerfetzte, blutüberströmte Leiche ist auch nicht die Tochter, sondern deren beste Freundin. Die Tochter Abigail's ist entführt worden. Die Familie ist reich... Für Detective 'Faith Mitchell' und Special Agent Trent folgen drei Tage Hochdruck-Arbeit, die hauptsächlich im Highschool-Milieu und bei Erst-Semestern der Technischen Uni Atlanta spielen. Einfühlsam schildert Karin Slaughter ihre Teenager-Figuren sowie eine obskure Lehrer-Schar.

Ein großartiges Buch, was an vier Faktoren liegen mag. Die spezifischen Akteure von "Entsetzen", also alle jene jenseits der schon seit dem vorherigen Band bekannten Cops, sind wahrhaftig, die Polizeiarbeit scheint, sofern man dies als Laie beurteilen kann, ernsthaft beschrieben - vielleicht kann man es ermessen an Slaughter 's häufigen Einlassungen, mit denen sie Geschildertes ins gerechte Maß setzen will, etwa, wenn sie über das TV-CSI-Labor lästert, das einen Täter mit seinen Gerätschaften in einer Stunde überführt - und, freilich am wichtigsten, da es noch weitere Bücher tragen soll: Die Cops Trent und Mitchell sind herausragend gezeichnet und auch die weniger präsenten, wie deren Chefin 'Amanda' oder der Tatort-Techie 'Charlie', bei dessen Beschreibung seines Äußeren Slaughter allerdings cool faul ist: er sehe aus wie der Polizist der Village People - nur die Älteren werden sich erinnern. Der vierte Faktor ist ein Meta-Faktor: Es ist die Ausgewogenheit zwischen den drei erstgenannten. Über diesen Faktor werden sich jedoch viele Leser streiten. Karin Slaughter und ihre Figuren sind extrem konzentriert und aufnahmebereit. Wenn Agent Trent loslegt, und in einem kaum halbseitigen Absatz seiner, vorerst noch untergebenen Kollegin geballt vier komplexe nächste Arbeitsschritte befiehlt, bleibt selbst der erfahrenen Kollegin erstmal der Mund offen, aus Bemühen, das aufzunehmen und zu verarbeiten. Der Leser hat den Vorteil, das so oft und so langsam lesen zu können wie er will. Eine hohe Informationsdichte herrscht über weite Teile des Romans. Geradezu erholsam wird es, wenn sich Detective Faith Mitchell zuhause einfach mal nur ein Glas Wein einschenkt - denkt man -, doch ihr Handy klingelt schon und auf geht's zum nächsten wichtigen Informanten-Treffen. Beide Hauptfiguren, Trent und Mitchell, sind Mitte dreißig und so kann Slaughter geschickt und flüssig eigene Erinnerungen der beiden einflechten, wenn sie sich Teenager-Verhaltensmustern gegenüber sehen oder den mehr oder weniger verdrucksten Lehrern lauschen müssen. Schau mer mal, wie sie Biografisches einweben wird, wenn sich Trent/Mitchell in nächsten Büchern mit Rentner-Morden befassen müssen! Über die zwei sei nur soviel verraten: Sie sind Gestalten mit unschönen Vergangenheiten, die sie jedoch hart und rational gemacht haben. Trotzdem hat man das Gefühl, beide sind im Inneren fast bis zum Zerreissen gespannt; sie funktionieren irgendwie im Leben und in ihren Jobs, doch erwartet man ständig ängstlich, dass sie ihre Borderline überschreiten. Das scheint menschlich, und davon sollte Literatur handeln.

Besprochene Ausgabe: Blanvalet | 2010 | 512 Seiten | Festeinband* | € 19,95
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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