Formen der Liebesgeschichte gibt es wie Sterne am Himmel. Tragische, chaotische, flüchtige, lebenslange, tief wassernde, zu Ende gehende. Was ist die dramaturgische Steigerung? Die Liebe in Ausnahmesituationen. Ein kompletter Weltkrieg ist drumherumgebaut in Buch und Film "Der englische Patient". Das Ergebnis: Jeder kennt es. Um den Spanischen Bürgerkrieg herum gibt es einen ganzen Literaturzweig. Die Briten etwa nennen ihn gar nicht so, sondern den Romantischen Krieg!
Man kann das Prinzip auf alle Literaturgattungen anwenden. Dem Anti-Kriegs-Klassiker "Der ewige Krieg" von Joe Haldeman kann man sicher nicht unterstellen, in erster Linie Love-Story zu sein. Doch auch er bedient sich des Tricks, im Gewande der Science Fiction, eine einzubauen: gleich eine tausendjährige, geschuldet der Zeitdilatation, der seine Liebenden ständig unterliegen.
Das Noir-Genre - gerade der Hardboiled-Krimi oder der klassische Detektivroman - bedient sich normalerweise des Gegenteils. Der Held oder die Heldin sind bedient von Liebesdingen. Ein dicker Panzer schirmt vor Versuchung ab. Zuviel emotionale Verletzung hat sich angestaut. Rational begründet der Detektiv seine Liebesangst mit der Notwendigkeit für berufliche Objektivität und der eigenen Lebensweise, die meist so chaotisch ist, dass sie keine Beziehung in ihr zulassen würde. So ist der Liebesersatz für jeden Hardboiled-Detective Drogenabhängigkeit oder zumindest unbedingter Wille zu Erfolg im Beruf.
Autorin Karen Rose trennt sich nicht gänzlich von diesen Elementen. Ihr Cop 'Noah' ist trockener Alkoholiker. 'Eve' ist nicht irgendeine, auf die er im Laufe von Ermittlungen trifft, sondern man kennt sich schon seit einem Jahr, da Eve in einer einschlägigen Polizisten-Kneipe hinterm Tresen steht. Schauplatz ist Minneapolis. Der Strang Eve-Noah trägt das Buch "Todesstoß" auf der Unterfütterung durch einen Serienmörder, der freilich irgendwann auch Eve aufs Korn nimmt und die komplette Mordkommission lackmeiern will.
"Todesstoß" ist etwas sehr Familiäres gegeben in zweifacher Hinsicht. Zum einen bedient Rose ihre Alt-Leser mit immer wiederkehrenden Figuren aus vorangegangenen Büchern. Zum anderen kennen sich in ihrem Setting von vorneherein alle Cops untereinander, bis in ihre Familien hinein, und betrachten die Kneipe, in der Eve arbeitet, als zweites Wohnzimmer. Man schätzt sich, kümmert sich, kritisiert sich gelegentlich, doch das alles in großer Harmonie. Als Gegenpol soll da der Serienmörder dienen, doch Karen Rose schreibt hier fahrig; seine Morde sollen ideenreich und grausam wirken, bleiben aber eher Auflistung, spannend wie ein Telefonbuch. Wie mit dem Lineal vermessen sind sie in nur jeweils etwa dreiseitiger Länge in den Strang um das angehende Liebespaar eingepasst.
Bleibt eine Dramatik, die durch die Komprimierung knüppeldicker Ausgangslagen forciert wird. Eve war bereits Opfer einer Gewalttat vor Jahren. Sie kämpft immer noch mit den körperlichen und seelischen Auswirkungen, unter anderem mit einer entstellenden Narbe im Gesicht. Cop Noah verlor bei einem Autounfall Ehefrau und Kind. Beide lassen sich seit Jahren auf keine Liebesbeziehung ein. Ganz geschickt geht Rose den Tanz der zwei umeinander rum an, mit den konzentrischen Kreisen, die immer enger werden. 'Sal', der Ex-Cop, der die Kneipe leitet, ist eine weitere tolle Figur, der, der anderen positiv in den Arsch tritt bei ihren Entscheidungsfindungen.
Zu den uber-spektakulären Lebensläufen der Protagonisten wirkt ein weiteres Element von "Todesstoß" wie ein übersteigerndes Pendant: Der Mörder sucht die Opfer in einer Virtuellen Realität, die an das reale (sic!) Second Life angelehnt ist. Hier kann man sich noch fantasievollere Lebensläufe geben. Leider ist auch VR ein abgenuckelter Klotz aus dem Standard-Krimibaukasten, und war es auch schon 2009, dem Erscheinungsjahr des Originals.
Und doch hat das Ganze seinen Reiz, denn Karen Rose zieht spitzbübisch ihren Suspense aus der Romance, in einem Buch, das vorgibt auch Krimi zu sein, also zumindest Zwitter: Dieses Paradoxon scheint sich extrem gut zu verkaufen.
Besprochene Ausgabe: Knaur | 2011 | 640 Seiten | Broschur* | € 14,99
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