Muss ein Buch von Hörfunk- und TV-Ratgeber Jürgen Domian Fragen beantworten? Nein. Unterhält sein zweiter Roman und hinterlässt ein gutes Gefühl - vielleicht auch sublime Erkenntnis? Auf jeden Fall. Wie auch in seinem Erstling "Der Tag, an dem die Sonne verschwand", bedient sich Domian zunächst eines außergewöhnlichen, eher der Phantastik entliehenen, Ereignisses. In "Der Tag, an dem die Sonne verschwand" ist der Held auf seine Empfindungen zurückgeschmissen, weil er der letzte Mensch auf Erden geworden ist. "Der Gedankenleser" dagegen - der Held heißt 'Arne Stahl' - bekommt eine Empfindungs-Overdose aus anderen Gründen; denn nach einem Blitzschlag "hört" er bei weniger als einem Meter Abstand die Gedanken seiner Mitmenschen.
Arne Stahl zählt sein Leben auf, getreu den mittlerweile geflügelten Worten aus der Werbung - Mein Haus, mein Boot, mein Pferd... Der Zeitungs-Redakteur für die Ressorts Politik und Zeitgeschehen wähnt sich zufrieden mit seinem Leben, sowohl mit dem materiellen Reichtum, den er zusammen mit Ehefrau 'Anna' angehäuft hat, als auch mit dem Erfahrungsschatz, den sich das Paar mittleren Alters durch unzählige Reisen und durch gemeinsame Verschönerungs- und Ausbauarbeiten auf ihrem Grundstück erworben hat. Kinderlos zwar, diente ein Hund ein Jahrzehnt lang als Glücksvervollständiger.
Mit der Fähigkeit, Gedanken zu lesen, wird freilich alles anders. Welten klaffen zwischen Selbstbild und Fremdbild, beim Verhältnis zwischen Anne und Arne, zwischen den Arbeitskollegen und Arne und auch beim wiedermobilisierten ältesten Freund. Das ist die größte Stärke des Buches: Ungeschönt, radikal, zuweilen brechreizerregend, stellt Domian in Kursivschrift die Gedanken der Gegenüber Arnes der geglätteten, um Konformität bemühten, mit den konventionellen Sinnen erlebbaren Realwelt gegenüber. Schon nach den - unfreiwilligen - gedanklichen Offenbarungen von Ehefrau Anna, denkt man, derber kann's nicht kommen. Doch es wird. Es wird rauskommen, warum Arbeitskollegen bestimmte eingeübte Stereotypen pflegen und auch, warum sich ältester Freund 'Moritz' seit Jahren nicht gemeldet hat...
Dabei wirkt "Der Gedankenleser" angenehm aufgeräumt und unangestrengt. Die Sprache ist klar und treibend, ohne in geschmäcklerisch abgehackten Stream-Of-Consciousness-Stil zu verfallen. Der Stil ist chronologisch, die Figuren treten nacheinander auf den Plan, um der einen Figur Arne Stahl nach und nach Klarheit zu verschaffen. Freilich mit dem Phantastik-Trick, der aber auch als Warnung steht, sich so eines faulen Tricks gar nicht bedienen zu müssen, schaut man nur selber genau hin, um Lüge, Täuschung, Schweigen und Heuchelei im eigenen Alltag zu enttarnen. Leichter mag es sein, dagegen abzustumpfen. Nur dann sollte man aufpassen, nicht irgendwann und viel zu spät vom Blitz getroffen zu werden um aufzuwachen.
Der erste, steile Spannungsbogen ergibt sich durch die Eheproblematik, die Jürgen Domian in höchster Intensität nach 50 Seiten abgehandelt hat. Schock. Was soll da jetzt kommen, die restlichen fünf Sechstel des Buches? Der Leser hat Angst, dass sich Domian in einer Kollage aus Gedanken willkürlicher Begegnungen Arnes verlieren könnte. Doch gefehlt. Einer Treppe gleich setzt er immer wieder noch eins drauf. Denn Arne wird radikal sein Leben umkrempeln. Da kommen auch äußerst vergnügliche Passagen, wie Arnes Cruising-Phase oder sein Einstieg ins Nightlife, etwa im Queer-Club La Cage aux Folles. Doch zur Mitte des Buches erträgt Arne das Gedankenhören nicht mehr. Arne und der Leser machen sich für den Rest auf eine sehr gelassene Reise...
Besprochene Ausgabe: Heyne | 2010 | 304 Seiten | Festeinband* | € 19,95
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
2. Jonas-Philipp Dallmann: Notschek (2011)
3. Gavin James Bower: Dazed & Aroused (2009)
4. Ron Leshem: Der geheime Basar (2011) - Orig.: Megilat zchujot hajareach (2009), hebräisch
Shumeet Baluja:
Silicon Jungle
suhrkamp nova, Broschur
Moti Kfir, Ram Oren:
Sylvia Rafael. Mossad Agentin
Arche, Festeinband
Martin Amis:
1999
Rowohlt, Festeinband
Sorj Chalandon:
Die Legende unserer Väter
dtv premium, Broschur
Douglas Coupland:
Eleanor Rigby
Hoffmann und Campe, Festeinband
sf magazin lebt von Werbung. Sie haben keine Berechtigung, diese Site mit eingeschaltetem Ad-Blocker (Werbeblocker) zu surfen!
>>> Mehr Info ...