Ein Wiedererkennungsmerkmal für Joy Fielding 's Krimi-Bestseller sind ihre zwiespältigen Frauencharaktere, die nach Stärke und Glück aussehen mögen, jedoch oft von Kindheit an im Strudel von Gewalt und Unheil kreisen. In diesen Frauen herrscht eine gefährliche innere Spannung, die danach schreit, sich im Verlauf der Romane entladen zu müssen.
In ihrem neuestem Thriller "Das Verhängnis" hat Joy Fielding nun vordergründig mit 'Jeff' einen männlichen Helden angelegt. Der gutausehende Personal-Trainer mit blondem Haar und fein geschnittenen Gesichtszügen ist es gewohnt, bei den Frauen gut anzukommen. Doch sein Schicksal holt ihn letztlich ein, das für ihn stets zu wenig Mutterliebe vorgesehen hatte. Von ihm geht die kinetische Spannung des Romans aus, das Zuwenig an Liebe kompensiert er mit seiner Spielernatur. Anders als sein langjähriger Freund, der aufbrausende 'Tom', gewinnt er - selbst auch unberechenbar jähzornig und laut - eigentlich immer.
Mit Tom hat die Autorin eine weitere dynamische, jedoch durchgehend unsympathische Figur geschaffen. Seine unberechenbare Aggression erzeugt intensive Spannung. Ihn nimmt der Leser sofort als Initiator potentieller Morde ins Visier. Er ist nicht nur bedrohlich, er ist auch gefährlich und ein Versager. Schon auf den ersten Seiten des Romans wird klar, dieser Mann hat nur wenige Skrupel. Er brennt darauf den Gefühlen der Machtlosigkeit mit Waffengewalt Herr zu werden, wie damals in Afghanistan, als er ein Mädchen zum Sex gezwungen hat und darauf unehrenhaft aus der Armee entlassen wurde. Er und Jeff finden sich nun täglich an der Bar im "Wild Zone" ein, Miamis neues elegant-verruchtes Lokal am Ocean Drive. Hier arbeitet 'Kristin', Jeffs Freundin, wunderschön und taff, eine verheißungsvolle Blondine. Geschmeidig wie eine Leopardin bewegt sie sich hinter der Bar, hat für jeden Gast den richtigen Blick und weiß ihre weiblichen Reize in Szene zu setzen. Unbeirrbar hat sie auf nahezu jede Anmache einen lockeren Spruch, der nie verrät, was sie berührt und was nicht. Sie ist klug. Doch irgendwie scheinen sie selbst Jeffs Jähzorn, sein machohaftes Gehabe sowie seine Affären nicht zu stören. Gewohnt dem männlichen Geschlecht zu gefallen und gefallen zu müssen, ist sie eine routinierte Bettgefährtin. Sie mimt Leidenschaft, wo sie unbeteiligt ist. Mit ihr meint Jeff eine gute Partie gemacht zu haben. Um sie beneiden ihn seine Freunde und alles läuft so oberflächlich und glatt, wie beide zunächst auch nach außen hin wirken.
Bis Jeffs jüngerer Halbbruder 'Will', intellektuell, schüchtern und alles andere als ein Frauenheld, plötzlich vor der Tür steht. Er hat die Elternliebe erfahren, die Jeff sein Leben lang vermissen musste. Mit dem Erscheinen Wills verwickelt die Autorin die Aufmerksamkeit des Lesers in den Sog einer Familien- und Beziehungstragödie. Ein klassischer Bruderkonflikt brodelt, als Jeff gemeinsam mit dem konkurrierenden Freund Tom seinen kleinen Bruder am Tresen des "Wild- Zone " mit ordinären Kommentaren und kindischen Wetten kompromittiert und herausfordert. Und wenn schließlich die fünfte Hauptfigur, die grazile, geheimnisvoll anmutende, junge Arztgattin 'Suzy Bigelow', bei Kristin einen Granatapfelmartini bestellt, lässt die Autorin die verführerische Symbolkraft des Granatapfels auf die Männer am Tresen so gezielt wirken, dass diese sich auf einen, zumindest auf Tom und Jeff harmlos wirkenden Wettkampf verständigen: Derjenige, der diese Frau noch in der selben Nacht ins Bett kriegt, soll den männlichen Potenzvergleich gewinnen. Es beginnt ein tödliches Spiel, das einem verborgenen Selbstzerstörungstrieb der ein oder anderen Figur Joy Fieldings folgt. In welch Verhängnis sie sich mit dieser Wette verstrickt haben, ahnen die drei Männer nicht. Zu wenig wissen sie von dieser verheirateten Frau. Ein Blutbad bahnt sich an und erscheint dem Leser bald unausweichlich. Mit Andeutungen auf die tatsächliche Auflösung geht die Autorin jedoch dezent vor.
In zahlreichen inneren Monologen und durch pointierte wörtliche Rede entwickelt sie die Charakterzeichnungen der Figuren, schildert deren weit zurückliegende seelische Wunden und macht damit das getriebene Verhalten der fünf Protagonisten erklärbar. Mit Hilfe dieser Schilderungen gelingt es ihr auch immer wieder, detektivische Gedanken des Lesers zu zerstreuen, ohne dass dessen Interesse an der Handlung verloren geht. Allerdings wirken die bedrängenden Erlebnisse ihrer Figuren sowie Teile der Charakterdarstellungen stellenweise etwas schematisch und konstruiert. Ein Gesamteindruck des Romans, den dann leider auch das abschließende Kapitel nach dem eigentlichen Tragödienende noch verstärkt.
Nichtsdestotrotz ist "Das Verhängnis" eine rasche sowie überwiegend fesselnde Lektüre. Auch Fielding 's flüssiger Sprachstil trägt dazu bei, dass der Leser über die vierhundert Seiten hinweg im Lesesog gefangen bleibt und bereitwillig mit auf die Katastrophe zusteuert.
Besprochene Ausgabe: Goldmann | 2010 | 416 Seiten | Festeinband* | € 19,99
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