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- Ins Freie

(2010) - Orig.: The Unnamed (2010), engl.
Der Heilige Gral
Joshua Ferris ' Held strauchelt auf der Suche nach dem Unbenennbaren. Radikal sprengt Ferris in seiner Menschenstudie die Genre-Grenzen und oszilliert zwischen Drama, surrealem Spannungsroman und gar klassischer Phantastik.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 09.11.2010
Joshua Ferris - Ins Freie
Zoom Joshua Ferris - Ins Freie

Gemein gesagt, könnte Ihnen der Rezensent nur den Tipp geben, dass Sie einzig mit dem Drehen und Wenden des Original-Buchtitels, nämlich "The Unnamed", die Physis von Joshua Ferris ' "Ins Freie" ertasten können, und sich jegliche Schreiberei sparen. "Unbenannt" findet sich dazu im Wörterbuch, aber auch "ungenannt". Doch das Oszillieren des Begriffes geht weiter, hat doch Ferris noch einen Artikel vorangestellt, der im Englischen Einzahl oder Mehrzahl bestimmen kann. All die ungenannten Gründe, vor der Welt davonzulaufen, könnte die erste Interpretation sein. Denn das tut 'Tim', eine Romanfigur, die man nicht vergessen wird: Er rennt, er kriegt Wanderattacken, oftmals mitten in einer wichtigen Arbeit. Joshua Ferris erfindet für ihn ein Krankheitsbild, das so lebhaft - oder krankhaft -, mit einem Wort, authentisch erscheint, als sei es schon in tausend Lehrbüchern behandelt worden. Aus der Sicht Tim's kommt an manchen Stellen des Buches eine zweite "unbenannte" Persönlichkeit seines Selbst hinzu, er nennt die schlicht "dieser Andere". Und das Großartigste an Joshua Ferris ' "Ins Freie" ist das ungenannte Genre. Klar ist es die sogenannte Gehobene Literatur, ein Roman, aber nicht punktum. Treibt doch Ferris seine Geschichte immer wieder in Sphären des grotesken Spannungsromans, in dem Sein und Schein auseinanderdriften und kratzt gar an der klassischen Phantastik, um uns, nachdem er ein paar Seiten sein Buch in diese Richtung getrieben hat, doch wieder mit wohligem Kribbeln unsicher werden lässt, was für eine Erzählform wir da überhaupt lesen.

Ein weiterer, umwerfender New-York-Roman ist es zudem. Die Literaten dieser Stadt lieferten im Buchjahr 2010 die meisten hochwertigen Titel auf die deutschen Büchertische. Zwar wohnen Tim, Ehefrau 'Jane' und Tochter 'Becka' im Ländlichen, das Ehepaar arbeitet jedoch in der Stadt. Mit mehreren Jahren Abstand treten Tim's Wanderattacken auf, ein Kunstgriff, so kann Joshua Ferris Tim's Niedergang im Zeitraffer zelebrieren. Ehefrau Jane steht anfangs ohne zu hinterfragen aufopferungsvoll zu ihrem Mann. Der schmeißt beispielsweise, von Beruf Anwalt, mitten in der Verteidigung des wichtigsten Mandanten der ganzen Kanzlei alles hin und nimmt Reißaus. Nach einigen Tagen der Ungewißheit verständigt er dann Jane, die ihn unterkühlt und mit zerfetzten Klamotten in einem weit entfernten Stadtteil aufgabeln kann. Zu diesen Zeiten verschiebt sich Tim's Denken und Handeln in eine Art Parallelwelt. Jane und Tochter Becka probieren es immer wieder phasenweise mit "Hausarrest" Tim's. Doch die Phasen werden länger und die Sorgen zerfressen Jane und die Kollegen lassen Tim mehr und mehr fallen ...

Jane verliert sich bald ebenso in Tagträume, etwa, sich in einen ihrer Immobilien-Kunden zu verlieben und fortan wieder ein sorgenfreies Leben zu führen. Doch projiziert sie auch all das banale Verlangen, nach den Dingen, die man gerade nicht hat, auf Tim's Krankheit. Mal wieder mehr ausgehen, Theater, Parties, neue Leute kennenlernen.
Tim's Mandant steht unter Verdacht, seine Ehefrau zerstückelt zu haben. Während einer Wanderattacke stellt sich der vermeintlich wahre Mörder Tim in den Weg und zeigt ihm ein blutiges Messer in Plastikfolie. Das sind Momente in "Ins Freie", mit denen Joshua Ferris radikal an Genre-Schranken vorbeidriftet. Dieser Mann mit dem Messer, wird sich wie ein Wabern der Luft durch den ganzen Roman ziehen. Immer wieder stellt sich glückliches Unbehagen ein, darob man noch auf dem Grat der Realität wankt oder schon in Vorstellungswelten gelandet ist.
Sogar die Krankheitsbilder innerhalb der Familie werden sich drehen; es steht nicht mehr fest, wer hier "mehr" krank ist, Jane oder Tim, und wer wen krank macht. Selbst für die Nebenfiguren wird es keine Erlösung geben, so etwa Kettenraucher 'Detective Roy', der in einem denkwürdigen Auftritt gegen Ende des Buches nochmal mit Nasensonde und Sauerstoff-Wägelchen angedackelt kommt, Jahrzehnte später.

Joshua Ferris ist ein existentieller Roman gelungen. Er wertet nicht und verdammt keine einzige seiner Figuren. Wer will, kann natürlich Kritik an Karrieregeilheit hineinlesen, doch selbst das verurteilt Ferris nicht in Bausch und Bogen, weiß er doch, dass Beruf von Berufung kommt und es nur zu natürlich ist, wenn sich jemand darin verbeißt. Seine Betrachtung lautet vielmehr: Kann es sein, dass selbst guter Beruf und funktionierende Familie nicht ausreichen auf der Suche nach Sinn? Und wenn es so ist - und es kann zweifellos so sein -, was passiert dann? Wer in diese Situation kommt, ist hoffnungslos verloren, denn der muss das Unbenannte suchen - fast so schwierig wie die Suche nach dem Gral.

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Besprochene Ausgabe: Luchterhand  |  2010  |  352 Seiten  |  Festeinband*  |  € 19,95

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