Josh Weil - Herdentiere - Eine amerikanische Novelle: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Herdentiere - Eine amerikanische Novelle

(2010) (orig.: Teil der Novellensammlung Ridge Weather, 2009)
Die Pracht der Pioniere
In einer eleganten Novelle zeigt Newcomer Josh Weil, was noch übrig ist vom ländlichen Amerikanischen Traum.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 03.03.2010

Das Land um die Blue Ridge Mountains, das ist uraltes Siedlungsgebiet der Weißen, noch vor dem Hauptkamm der Appalachen gelegen, schaut man mit dem nach Westen gerichteten Blick der Pioniere. Im „Old House“ seiner Farm, eines 200 Jahre alten Gebäudes in dem die Wohnzimmerwand noch aus den ursprünglichen Rundbohlen besteht, setzt sich 'Cortland Caudill' seine Ruger an den Kopf und drückt ab. Doch wenn Josh Weil 's „Herdentiere“ losgeht, ist das schon passiert. Und wir erfahren indirekt durch den Einblick in das Leben von Sohn 'Osby', was es bedeutet, dort auf dem Land zu leben, und warum man daran verzweifeln möge. Aus dem Buch spricht Josh Weil 's Liebe für diesen Landstrich - er ist dort geboren - ohne Ausklammerung seiner Schattenseiten. Zudem ist es Anklage gegen den entwürdigenden Niedergang des Mittelstands, dort, in Virginia, USA, oder überall anders auf der Welt.

Osby, wortkarger End-Dreißiger, bleibt mit dem Erbe, dem physischen und dem seelischen, allein auf der Welt zurück. Das Selbstwertgefühl des Vaters schien sich danach bestimmt zu haben, welche Lebewesen zu ihm in Abhängigkeit stehen. Das waren nach dem Tod seiner Frau nur noch seine Kühe; Färsen wie Bullen gab er jahrzehntelang Namen, ohne eine einzige Wiederholung. Das waren wenige Momente des Glücks, die Osby im Nachhinein seinem Vater zugesteht, wenn sie sich etwa auf der Jagd von Hochsitz zu Hochsitz rufend, neue Namen für die Viecher ausdachten, und dabei natürlich das Wild verscheuchten. Irgendwie muss Vater Cortland die Hingabe an die Rinder dann nicht mehr zum Lebenswillen ausgereicht haben, schließt Osby. Die Enttäuschung, dass der Vater ihn selber wohl nicht einberechnete, schwingt mit.

Josh Weil 's „Herdentiere“ wird zu einem Appell an Osby, sich aus dieser Umklammerung Vater und Rinder zu lösen, eben aus der Herde auszubrechen. Denn toll ist sein Lebensumfeld nicht. Es gibt die freundliche, ebenso einsame 'Debbie', aus dem Quickmart neben der Chevron-Tanke, mit der er zumindest beim Einkaufen ein paar Sätze wechselt, Jugendfreund 'Carl', dem die Zusammentreffen mit Osby mittlerweile eher unangenehm sind und Osby's bereits senile ehemalige Babysitterin. Sein Mittagessen kommt aus Dosen und mehr aus funktionalen denn geselligen Gründen geht er abends Essen in eines der entlang der Route 247 verstreuten Lokale, die dann aber auch teilweise schon um acht Uhr dreißig die Gehwege hochklappen.
Es gibt Hoffnung: Deb überrumpelt Osby mit der Idee, sich einen Mieter zu suchen und ein - fast - sterbender Jung-Bulle bildet eine grandiose Metapher im Fortlauf...

Klar, „Herdentiere“ kommt erstmal düster daher. Die Caudills haben über 100 Tiere in fünf Herden und leben nicht davon, denn sie bieten parallel Erdarbeiten an mit eigenem Fuhrpark. Scheint die gleiche Struktur-Misere in der Landwirtschaft wie in der EU. Vom Stolz der einstigen Pioniere ist nicht viel übrig; auch die Farmer-Familie der alten Babysitterin hat einen Selbstmord zu beklagen. Zudem fragt Josh Weil: Okay, man kennt sich, auf dem Land, doch hat man sich deswegen mehr zu sagen? Entsteht die Wortlosigkeit aus Scham über den Niedergang?
Weil lässt in seinem spröden, effektiven Stil seine Figur Osby auf wenigen Seiten wachwerden, um sie dann kräftig durchzurütteln und ihr neuen Mut einzuflößen. „Schnitz dein Leben aus dem Holz, das du hast“ oder so ähnlich, sagt schon der alte Tolstoi!

Besprochene Ausgabe: Dumont | 2010 | 120 Seiten | Festeinband* | € 16,95
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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