ANZEIGE

 24.05.2012         Joseph Roth - Das Spinnennetz: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Joseph Roth - Das Spinnennetz: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

* buchtipps buchkritik buchneuerscheinungen

 
buch neue literatur romane bestseller krimis thriller science fiction buchempfehlungen buchbesprechungen buchtipps buchkritik

- Das Spinnennetz

(2009) [Hörbuch]
Agentenkrieg zwischen den Weltkriegen
Schauspieler und Sprecher Ulrich Matthes schlüpft in die zeitlose Figur des Opportunisten in zeitgeschichtlich dramatischer Situation in Joseph Roths Thriller aus dem Jahr 1923.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 25.06.2009

Joseph Roths „Das Spinnennetz“ stammt aus einer der Epochen mit den heftigsten politischen Auseinandersetzungen in der deutschen Geschichte. Man könnte diese Zeit zynisch sogar spektakulär nennen, zynisch, weil sie - kurz nach dem Ersten Weltkrieg - direkt in das nächste Massaker, die NS-Herrschaft, mündet. Geheimorganisationen, zahllose Staaten im Staat der Weimarer Republik, tragen Konflikte durch Mord aus und die offizielle Politik, ungeübt und dem kurz zuvor untergegangenen Kaiserreich übergestülpt, hat keine Chance, dem Treiben Einhalt zu gebieten. Die Bürger, ebenso ungeübt mit Demokratie, angestachelt durch die ökonomischen Probleme in Folge des Krieges, von den zugelassenen Kriegsgräueln entsetzt, oder verlorenen Bedeutsamkeiten nachtrauernd, lassen sich ebenso zu Gewalt verführen, von einem plötzlich vorhandenen politischen Spektrum, das es in solcher Bandbreite und Radikalität vorher nicht gab.

In dieser Zeit herrschen Entscheider, die noch aus einer Generation kommen, für die ein feiner, kleiner Krieg pro Männergeneration zu deren Abhärtung dazugehört. Nun brachte aber der Erste Weltkrieg technische Möglichkeiten, die etwa die „Blutpumpe“ Verdun mit 380.000 Toten auf der einen und 340.000 Toten auf der anderen Seite innerhalb weniger Wochen ermöglichte. Warum konnten angesichts dieses Irrsinns die extreme Rechte und die Militärs so schnell wieder erstarken? Ohne in politische Details zu gehen, liegen zwei Antworten auf der Hand. Zum einen konnten die meisten, die das Grauen miterlebten und überlebten, es nicht unmittelbar weiterkommunizieren. Am wenigsten den Angehörigen und Freunden - und der Begriff Kriegspsychologe war noch nicht geboren. Für die Generalität gab es kein Grauen, alles spielte sich nur am Kartentisch ab, keinem flogen Granatsplitter um die Ohren, während man 72 Stunden nicht schlief, knietief im Schlamm steckte, aber kein Trinkwasser hatte. Die „Kriegszitterer“ mit ihrer Nervenkrankheit, die spastische Zuckungen hervorruft, waren etwas Neues und wurden bemitleidet, aber was sie erlebt hatten, blieb völlig abstrakt. Selbst Intellektuelle waren begeistert in den Kampf gezogen und hört oder liest man Feldpost aus Verdun, so überwiegt Schimpf auf die Generalität, aber kaum wird der Krieg an sich in Frage gestellt. So ist der Gesichtsverlust der Militärs nicht groß genug und sie verstehen es, den Spieß umzudrehen und die Schlagworte „Schmach von Versailles“, benannt nach den dortigen sechs Monate andauernden alliierten Verhandlungen, und „Dolchstoß“ zu etablieren, gemünzt auf die demokratischen Parteien, die die Niederlage angeblich zu verantworten hätten.

Die nächste Antwort gibt Joseph Roth in „Das Spinnennetz“, das zeigt, wie schnell in den darauffolgenden Jahren die Kaltblütigkeit des alten Regimes beim Bürger in Vergessenheit gerät und sich im Verlust persönlicher und ökonomischer Bedeutung das Früher-war-alles-besser einschleicht. Laut Marcel Reich-Ranicki taucht Roth seine Charaktere „in das klare Licht, in dem alle Details deutlich werden.“ Leider wird dieser, zuerst 1923 in einer Arbeiterzeitung abgedruckte, Roman Menetekel für die folgenden Jahre. Die zeitlose Figur des willfährigen, ehemaligen Leutnants 'Lohse', der wieder jemand sein will, potenziert sich in der Realität bis in die nächste Katastrophe.
Das Buch als Agententhriller zu titulieren ist etwas schäbig, angesichts der Dimension seiner zeitgeschichtlichen Aspekte. Doch es soll ja gelesen - oder in diesem Fall des Hörbuchs gehört - werden, und da empfiehlt es sich durchaus, auch mit diesem Begriff die Werbetrommel zu rühren. Falls dieser Artikel bisher etwas trocken gewirkt hat: Roths „Das Spinnennetz“ ist äußerst spannend, wobei Roths elegante Sprache einen eigenartigen Kontrapunkt zu den an sich reißerischen Geschehnissen Verrat, Spionage, Attentate, Denunzierung setzt. Bernhard Wicki machte 1989 einen grandiosen Kinofilm daraus. Der Schauspieler Ulrich Matthes liest nun auf drei CDs Länge. Und wie. Matthes wird zu diesem Leutnant Lohse, der im Zuge eines gewissen Identitätsverlustes nach dem Krieg als willenlose, aber nicht dumme Marionette in eine rechtsradikale Geheimorganisation gerät und fortan als Spion und Mittelsmann in linker Bohème, im Bürgertum, im Proletariat und auch beim Adel agiert. Die Puppenspieler bleiben für Lohse diffus und zusammen mit seinen kleinen Träumen und Sehnsüchten, die er in einer nach wie vor fast ständisch organisierten Gesellschaft nicht erreichen kann, erzeugt er beim Leser Abscheu und Mitleid zugleich.

Der Verlag Diogenes schreibt, es ist das „Porträt einer Gesellschaft von Mitläufern, die der Katastrophe entgegeneilt.“ Vielmehr ist sie 1923 mitten drin, wenn man die beiden Weltkriege als Gesamtkatastrophe sieht.

Besprochene Ausgabe: Diogenes | 2009 | Hörbuch 3 CDs | 24,90


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
blog comments powered by Disqus
 
 
 

We see you! sf magazin lebt von Werbung. Sie haben keine Berechtigung, diese Site mit eingeschaltetem Ad-Blocker (Werbeblocker) zu surfen!
 
>>> Mehr Info ...


 


     
  • sf magazin   +
  • Bücher Romane Bestseller Krimis Thriller Buchneuerscheinungen
  • Exaktes Ad-Serving.
    Elegante Kunden-Reportings.