23.11.2017   Rezension, Buchbesprechung, Buchkritik   Literatur, Buch, Kritik         Joseph O'Neill - Niederland: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Joseph O'Neill - Niederland: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

* buchtipps buchkritik buchneuerscheinungen

Anzeige

- Niederland

(2009) - Orig.: Netherland (2008), engl.
Kam ein Holländer nach New York
Wer New York mag oder dem Mythos Amerikanischer Traum hinterhergehen möchte, muss es lesen. Legen Sie einen Stadtplan neben den Lesesessel. Sie werden mannigfaltige Orte nachschlagen wollen in nur einer Stadt, unterwegs mit einem desillusionierten Oberschichtler und träumenden, freundlichen Ganoven.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 19.03.2009
Joseph O'Neill - Niederland
Zoom Joseph O'Neill - Niederland

Der Autor, Joseph O'Neill, ist in Irland geboren. Seine Mutter ist türkisch-stämmig, und aufgewachsen ist er in vier unterschiedlichen Ländern, darunter die Niederlande. Heute lebt er in New York. Mit „Niederland“ schreibt er einen mit dem US-amerikanischen PEN/Faulkner-Preis hochdekorierten Roman, dessen eine Hauptfigur kein Amerikaner ist und dessen andere einen Sport promoten will, den kein Amerikaner versteht.

Da ist diese Rahmengeschichte, die Ehe zwischen zwei in New York arbeitenden Engländern, Rachel und Hans - Hans in den Niederlanden aufgewachsen -, die kurz nach 9/11 zu scheitern droht. Wobei „Niederland“ kein weiterer Post-9/11-Roman ist! Rachel geht mit dem kleinen Sohn nach England zurück, Hans bleibt. Fortan traumwandelt er durch die Gegend oder durch die Gänge des Chelsea Hotels, in das die Familie nach der Katastrophe ziehen musste. Dem Leser ist dieser mehrfache, wenn auch normaler Arbeit nachgehende Millionär und Equities-Analyst durchaus sympathisch. Er hat es nicht kommen gesehen und wirkt bei allem was er außerhalb seiner Arbeit tut unbeholfen. Wohl nur aus dieser, wie in Sedierung befindlichen Lebenslage heraus, schlägt er plötzlich Brücken zu Unbekannten, aus der meist jüngst immigrierten farbigen Unter- und Mittelschicht. Allen voran zu Chuck.

Der Amerikanische Traum - kann klappen, muss aber nicht. Nah dran ist Chuck Ramkissoon, der in den 'West Indies', genauer Trinidad, aufgewachsene, mit Vorvorfahren aus dem tatsächlichen Indien, und jetziger New Yorker. Er will ankommen, in der neuen Heimat, und doch erzählt er in seinen Monologen mit Vorliebe Geschichten aus der Kindheit und Jugend und vom Cricket. Letztlich versucht er, diesen Teil seines Lebens zu retten und hinüberzuführen: Neben all seinen Geschäftsaktivitäten - Kosher-Sushi-Läden, Immobilien und auch halbseidenen -, versucht er Sponsoren zu animieren, um der Cricket-Barbaren-Nation USA ein Cricket-Stadion in Brooklyn vor die Nase zu setzen.
Chuck lebt verwegene, wüste Träume und kann andere dafür begeistern. Seine Verschlagenheit, die er aber offen nach außen kehrt, vielleicht, um gerade deswegen von allen liebgewonnen zu werden, und Hans' Korrektheit und Desillusioniertheit ziehen sich an. Ein Schleier der Ungewißheit bleibt; die Freundschaft schwebt zwischen geschäftlich, vorbehaltlos, ausnutzend und symbiotisch.

Rachel benutzt das 9/11-Trauma als Vorwand und Auslöser, Hans zu verlassen. Hans rückblickend: „Wenn es ein ständiges Symptom der Krankheit in unserem Leben gab, so war es die Müdigkeit. Bei der Arbeit waren wir unermüdlich; zu Hause überforderte uns schon die kleinste lebhafte Geste.“ Danach fehlt Hans die frühere „Schwungkraft der Neugier“. “Ich war Mitte dreißig, mit einer Ehe, die mehr oder weniger hinter mir lag.“ Er will sich nicht mal auf etwas Neues einlassen, um keine, wie er es nennt, „Fotokopie eines früheren emotionalen Zustandes herzustellen.“ Er ist zu gelangweilt, um über die Lebensbahnen von weiblichen Bekanntschaften noch großartig ins Bild gesetzt werden zu wollen.

O'Neills Beschreibungen zu 9/11 anfangs des Buches sind wichtig und lehrreich für den europäischen Leser: Das Gefühl, dass deine Stadt angegriffen wurde - für den Europäer war es, oder ist es immer noch, ganz abstrakt „Der Westen“, der angegriffen wurde -, dass jeder Idiot jederzeit mit viel einfacheren Mitteln erneut zuschlagen kann, etwa eine Schmutzige Bombe in Manhattan hochgehen lassen kann, dass deine Stadt jederzeit wieder in irgendeiner Weise angegriffen werden kann, dass der Anblick der vor Menschen wuselnden U-Bahn-Schächte jedes Mal ein Unwohlsein bereitet. Dass „diese Leute“, deren Beweggründe keiner verstehen kann, sicher Auftrieb durch ihren „Erfolg“ bekommen haben müssen.

Chuck und seine Freunde quatschen viel; über die Küche Trinidads, Pakistans, Indiens. Und über Cricket. Ein Teil dieser Erzählpassagen sind zu kurz, um wirklich dem Buch Atmosphäre hinzuzufügen, aber so lang, dass sie nerven können. Sie haben einzig die Aufgabe, diesen Chuck greifbar zu machen, zu charakterisieren. Nicht das wenige Inhaltliche dieser Zwischenpassagen scheint wichtig, sondern gerade die Belanglosigkeit der Anekdoten, an die Chuck sich klammert, die eine Identität ausmachen, die einem Fremden eigentlich schwer zu vermitteln ist.

Sprachlich bleibt das immer groß, sicher. Auch die seitenweisen Cricket-Beschreibungen Hans'. Was man sicher nicht quer lesen wird, sind die „vielen New Yorks“ (New York Times): Autofahrten durch die Tunnels zwischen den Stadtteilen, einmal bis an die Südspitze Brooklyn's, wo Chuck auf einem verlassenen Flugfeld seine Cricket Arena verwirklichen will. Ein andermal ist Hans' Mutter zu Besuch und sie erkunden per Fahrrad die an- und wieder absteigenden Brücken. Auch zu Fuss nimmt Hans die Eigenarten seiner Stadt wahr und entdeckt Neues. Es scheint, als seien auch physiognomisch mehrere Länder auf der Fläche nur einer Stadt vertreten.

>>> Mehr Bücher Allgemeine Literatur ...

Besprochene Ausgabe: rowohlt  |  2009  |  324 Seiten  |  Festeinband*  |  € 19,90

Anzeige

Twittern *  @sfmagazin folgen * 
 * 
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
Kurze Buchvorstellungen / Autor-Bio:
 
sf magazin * Favoriten im Genre Allgemeine Literatur:

Anzeige

blog comments powered by Disqus
 
 
+ sf magazin
Nexus
The Moon Is a Harsh Mistress
The Last Girl
Das Hexenmädchen
Brief Encounters with the Enemy: Fiction
Il Tuttomio
Pacazo
Non-aventures: planches à la première personne
Suddenly Something Happened