Kürzlich, im Januar 2010, lief die Legislaturperiode des 2006 gewählten Palästinensischen Autonomierats ab. Durch die Spaltung des Autonomiegebietes im Juni 2007 durch die gewaltsame Machtübernahme der nunmehr diktatorisch regierenden Hamas im Gaza-Streifen besteht keine Aussicht auf gesamt-palästinensische Neuwahlen. In der West Bank ist derzeit eine Übergangsregierung im Amt. So entbehren beide Gebiete demokratisch legitimierter Institutionen. Doch in der West Bank gibt es einen fragilen Wirtschaftsaufschwung mit immerhin 7 % BSP-Wachstum in 2009. Freilich ist davon viel durch Gelder aus dem Ausland induziert, aber auch durch zunehmende Kooperation mit der israelischen Regierung unter Netanjahu.
Vielleicht hätte dieser Aufschwung schon vor über 20 Jahren beginnen können, vielleicht in einem Staat namens Palästina. Joseph Croitoru zeichnet in „Hamas - Auf dem Weg zum palästinensischen Gottesstaat“ die Entstehung dieser Organisation auf und legt diesen Schluss nahe, wenn er einen Großteil seiner Betrachtung den entscheidenden Jahren um 1987 bis 1989 widmet. 1988 verzichtet König Hussein von Jordanien auf die 1950 annektierte West Bank. Die PLO liebäugelt erstmals mit der Anerkennung des Staates Israel. Die wohlüberlegt zu diesem Zeitpunkt publik gemachte „Gründungscharta“ der Hamas hingegen ist Kampfansage an die säkulare Fatah. Deren Traum eines säkularen Nationalstaates setzen die Islamisten, Ziehsöhne der einst in Ägypten entstandenen Muslimbruderschaft, ihre Vision eines islamischen palästinensischen Staates entgegen unter Einbeziehung des israelischen Staatsgebietes. In den darauffolgenden Jahren schaffen es die Islamisten, sämtliche Annäherungen zwischen der PLO/Fatah und Israel durch Terroranschläge oder provokante Flugschriften zu sabotieren. Jassir Arafat wird in den Neunzigern derart in die Defensive gedrängt, dass es die Hamas schafft, in einer Art perversen Wettlauf um Radikalität und Macht die säkularen Palästinenser wieder zu radikalisieren. Die Al-Qassam-Brigaden der Hamas und der neu gegründete militante Arm der Fatah führen ein sich hochschaukelndes Attentats-Duell gegen Israel und untereinander nach dem Motto „Wir haben die erste 40-fache Großmutter als Selbstmord-Märtyrerin, was habt ihr zu bieten?“. Arafat steht für die Israelis wieder als Wackelkandidat da. Die zunehmende Ablehnung des Annäherungsprozesses Palästinenser - Israelis in der israelischen Bevölkerung gipfelt in der Ermordung von Premier Itzhak Rabin, am 05. November 1995 durch einen radikalen Israeli.
In den lähmenden Nuller-Jahren und nach dem Abzug der israelischen Streitkräfte aus dem Gaza-Streifen 2005 müssen sich Fatah und Hamas arrangieren. Die Hamas gibt sich im Vorfeld der Parlamentswahlen 2006 mehr demokratisch als religiös, um eher weltlich eingestellte Wähler nicht zu verschrecken - und gewinnt. Letztlich herrscht nun nach der Auflösung der Kohabitation Fatah-Hamas im Gaza-Streifen eine alte, eingespielte Kamarilla von Akademikern, die ihre Abschlüsse im Ausland machten und ihre Machtbesessenheit mit dem religiösen Kärtchen ausspielen. Joseph Croitoru führt unzählige Beispiele an Ingenieuren oder Ärzten auf, die seit Jahrzehnten vor der Wahl Führungskader inne hatten und danach ihre Positionen umso mehr konsolidieren konnten.
Die Gerichtsbarkeiten der Autonomiebehörde wurden sofort aufgelöst und die Medien dienen einzig zur politischen Indoktrinierung und als Instrument zur Islamisierung. An einstigen Treffpunkten der Jugend ist keine Frau mehr in Jeans, sondern es herrscht Totentanz. Mit Sittenwächtern, Sittenwächterinnen, den politischen und religiösen Institutionen, den (pseudo-)sozialen Netzwerken, dem Erziehungssystem und der Polizei alles in einer Hand, mutet der Gaza-Strip wie die Wirklichkeit gewordene Dystopie Orwell's an: Big Brother is watching you.
Die beiden Anrainer Israel und Ägypten befinden sich in einem Dilemma. Zwar hat der Gaza-Krieg Dezember 2008 - Januar 2009 der Hamas einen Popularitätsverlust zugefügt, aber nicht verhindert, dass sie ihre Institutionen noch mehr in die Gesellschaft des Gaza-Streifens konsolidierte. Ägypten betreibt eine noch konsequentere Abschottung als Israel, in erster Linie, um Spill-Over-Effekte auf das eigene Territorium zu vermeiden. Die Hamas hindert Oppositionelle und Vertreter der Zivilgesellschaft immer wieder an der Ausreise und trägt so zur fortschreitenden Isolation der Bevölkerung bei.
YMMA (Young Men's Muslim Association ) hieß eine Vereinigung, in der sich Muslimbruderschaft-Gründer al-Banna in den Zwanzigern in Ägypten rumtrieb. Doch die Band, die diese Initialen, wie seinerzeit die durchgeknallten Queers von „Village People“ mit ihrem ironischen YMCA-Song, aufs Korn nimmt, scheint fern. Die Welt und Israel hoffen auf den Aufstand.
Besprochene Ausgabe: dtv | 2010 | 288 Seiten | Broschur* | € 12,90
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
2. Jonas-Philipp Dallmann: Notschek (2011)
3. Gavin James Bower: Dazed & Aroused (2009)
4. Ron Leshem: Der geheime Basar (2011) - Orig.: Megilat zchujot hajareach (2009), hebräisch
Martin Amis:
Die schwangere Witwe
Hanser, Festeinband
Shumeet Baluja:
Silicon Jungle
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Moti Kfir, Ram Oren:
Sylvia Rafael. Mossad Agentin
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Martin Amis:
1999
Rowohlt, Festeinband
Sorj Chalandon:
Die Legende unserer Väter
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Douglas Coupland:
Eleanor Rigby
Hoffmann und Campe, Festeinband
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