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- Notschek

(2011)
Bramarbasierend in den Untergang
Für seine rückblickende, augenzwinkernde Dystopie über Totalitarismen des vergangenen Jahrhunderts erfindet sich Jonas-Philipp Dallmann sogar sprachlich "neu-alt" und lässt umso gespenstischer seine Helden in einem namenlosen Staat in die Diktatur schlittern.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 16.09.2011
Jonas-Philipp Dallmann - Notschek
Zoom Jonas-Philipp Dallmann - Notschek

Es ist schon einigermaßen verwirrend, gleich auf der ersten Seite eines Erstlings-Romans einen Duktus vorzufinden, der einerseits geschult ist an großen alpenländischen Grantlern und Sprachakrobaten wie Bernhard oder Muschg - ist doch der Autor in Berlin geboren -, und zudem noch gespickt ist mit altertümlichen Ausdrücken. Der Notschek, der Titelgebende, "installiert" sich in der Mansarde von Gastgeber und Ich-Erzähler, will heißen, er richtet sich ein, und trägt immer diesen "Paletot aus Kammgarn". Im Fortlauf wird der Geduldete, der eigentlich nur interimistisch unterkommen sollte, von der Frau des Hauses in die Wäschezeichnung - das Besticken mit Initialen - mit einbezogen und darf das so Gezeichnete gar in den Erbschränken ablagern.

Man merkt es schon, Jonas-Philipp Dallmanns Buch, fast ausschließlich in meisterlicher Indirekter Rede geschrieben, will sich einen schwebenden, nicht vordefinierten Raum erobern. Figuren und die Fantasie-Stadt in der sie leben, sind eher dem frühen Zwanzigsten Jahrhundert verhaftet, doch ihr Tun, ihr Reagieren oder ihre Passivität gegenüber deutlichen Veränderungen in ihrem Staatswesen, ist ein zeitloses, ein menschliches, das sich in jedem Land und zu jeder Zeit so abspielen oder sich wiederholen könnte. So entdecken seine Helden auf einem Streifzug während einer Ausgangssperre plötzlich durch die Häuserzeilen gestampfte neue Prachtstraßen mit Belag aus Muschelkalk! Von Ring- und Sternstraßen ist die Rede, und ob sich der Leser nun Wien oder Berlin vorstellt, bleibt ihm überlassen. Dallmann spielt mit Versatzstücken realer Historie, wird aber während des ganzen Buches Worte wie 1938 oder Judenverfolgung oder MfS nicht erwähnen müssen, um sie nur allzu gegenwärtig zu machen. "Notschek" ist ein Panoptikum an Ausformungen von Entgleisungen staatlicher, vom Bürger geborgter Befugnisse.

Dieser Notschek nun, nistet sich ein bei einem befreundeten gutbürgerlichen Ehepaar. Der Ehemann übernimmt die Rolle des Erzählers und von Anfang ist klar, dass er ein zweifelnder, passiver, wenig selbstbewusster Kleinbürger ist. Er fühlt sich verpflichtet dem Gast gegenüber und um der Sitte Genüge zu tun, schimpft jedoch von der ersten Seite an, Notschek sei ein "anstrengender Mensch, ein Schwätzer und Bummler". Er habe "Unmengen Papier und sogar Bücher in seinem Gepäck". Bald empfängt Notschek regelmäßig Besucher ausländischer Herkunft zu konspirativen Gesprächen und verschickt und erhält Depeschen und Korrespondenz. In der Kiezkneipe "Zum Raben" soll er agitatorische Reden im Kreise seiner Kumpels schwingen. Jonas-Philipp Dallmann erfindet kenntnisreich und fantasievoll eine komplette Presselandschaft mit Zeitungen unterschiedlichster Couleur, deren Artikel Notschek schließlich auch im Dreierbund mit dem Ehepaar erläutert und diskutiert. Man arrangiert sich. Und spätestens nachdem Notschek im fiktiven Land eine Versorgungsknappheit voraussagt, die sich tatsächlich wenig später in ihrer Verwaltung durch die flux gegründete "GEVEGRUKO", der Gesellschaft zur Verteilung von Grundnahrungsmitteln und Kohleanteilen, manifestiert, erscheint dem Ehepaar der Gast plötzlich unentbehrlich, scheint er doch einen Informationsvorsprung zu haben. Nach Einführung von Lebensmittelkarten und Kontingentierung von Gütern des täglichen Bedarfs lässt eine Ausgangssperre nicht lange auf sich warten.

Und was für eine Ausgangssperre! Eine von 3 Uhr morgens bis 23 Uhr abends. Dieser Knick in die Absurdität findet schon nach einem Drittel des Buches statt. Jetzt weiß man, man ist in einer Form der Dystopie angelangt, für die das Urgestein Franz Kafka steht - und dieser viel zu oft Zitierte darf im Zusammenhang mit Dallmanns "Notschek" genannt sein. Auch "Notschek" lässt Fäden offen und lässt bis ganz zum Schluss den Leser im selben Gespinst von Ahnungslosigkeit und Mutmaßungen zappeln, wie seinen Erzähler. Es gibt keine plakativen Zutaten, wie sie in mehr dem Science-Fiction-Genre verhafteten Dystopien vorkommen, nichts Martialisches, sondern selbst die Vorfälle von Festnahmen, von denen man hört, oder in der Zeitung liest, bleiben sublim in ihrer Bedrohlichkeit. Freilich entwickeln alle Blätter eine "widerliche Gedämpftheit", wie Notschek meint. Einfache Leute, die bei der Regierung plötzlich eine Aufgabe haben, werden anmaßend und herrisch. Das Verharren aufs Häusliche, Dallmanns Fixierung auf das Kabinett von nur drei Personen, lässt das gespenstische Treiben im namenlosen Gesamtstaat umso beängstigender erscheinen. Flüchtlinge ziehen vorbei ...

Doch der entstehende, lenkende Staatsüberbau ist monströser und perfider, als man es sich aus bisher Geschildertem vorzustellen vermag. Dallmann zeigt auf, wie nachlässig seine Bürger in ihrer Selbstwahrnehmung sind und sich wie Schafe in eine Entkoppelung von Tun und Wirkung hineintreiben lassen. Großartig liest sich seine Genese von Schreibtischtätertum und obgleich Gedankengebäude und Konstrukt von "Notschek" Jonas-Philipp Dallmann erstaunliche Mühen gekostet haben müssen, ist alles in schwebender Leichtigkeit zu Papier gebracht.

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Besprochene Ausgabe: Luftschacht  |  2011  |  320 Seiten  |  Festeinband*  |  € 21,40

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