23.11.2017   Rezension, Buchbesprechung, Buchkritik   Literatur, Buch, Kritik         John M. Cusick - Girl Parts - Auf Liebe programmiert: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
John M. Cusick - Girl Parts - Auf Liebe programmiert: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

* buchtipps buchkritik buchneuerscheinungen

Anzeige

- Girl Parts - Auf Liebe programmiert

(2011) - Orig.: Girl Parts (2010), engl.
Cherry 2000 reloaded
Eine perfekte Roboter-Gefährtin für einen Jugendlichen als Kur gegen soziale Inkompetenz hört sich erstmal nach feuchtem Männertraum an. Klar, Jugendbuch-Autor John M. Cusick spielt mit diesem Element, doch damit "Girl Parts" kein Jugend-Porno wird, hebt er ab auf Respekt und den Unterschied Sex - Liebe.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 30.12.2011
John M. Cusick - Girl Parts - Auf Liebe programmiert
Zoom John M. Cusick - Girl Parts - Auf Liebe programmiert

Kaum ein Jugendbuch-Autor entzieht sich noch dem Gesetz der Serie. Da kann man als Erwachsener drüber jammern, aber es ist wie es ist. So erfährt man auch erst klein gedruckt auf den Nachsatz-Seiten von "Girl Parts - Auf Liebe programmiert", dass das Buch fortgesetzt wird. Den Beginn einer Serie nicht explizit anzukündigen, ist auch Usus der Verlage geworden. So soll das in dieser Buchbesprechung nicht fürderhin Thema sein. Wer jedoch kein Serien-Fan ist, kann hier aufhören zu lesen.

Ein Schulbuch muss gezwungenerweise gelesen werden. Ein Roman soll verschlungen werden, und wird dies wahrscheinlich umso schneller, je moralfreier und abgründiger die Figuren sind. Da hat der Jugendbuch-Autor jetzt ein Problem. Der jugendliche Leser kann möglicherweise die Funktion einer bösen Figur noch nicht erkennen. Also muss sich der Autor entlanghangeln an aufgesetzter Moral über seiner so realistisch wie möglichen Menschenzeichnung. John M. Cusick gelingt es, diese Überlagerung gering zu halten. Er, ein Schelm, setzt einfach sein komplettes Buch erstmal auf eine rein biologische Prämisse, die mit Moral nichts zu tun hat: Junge Erwachsene brennen auf den ersten Sex. Nichts anderes ist wichtiger. Nicht das hinterfragt Cusick - damit hält er seine Leser einfach bei der Stange -, sondern die soziale Kompetenz seiner Helden.

Die sieht Cusick wohl im allgemeinen Niedergang. Jede Generation jeden Zeitalters freilich jammert darüber, und so hadert auch Cusick mit einigen widerlegbaren zeitgeist-Phänomenen, man ahnt es: zu viel Online-Zeit, zu viel MMOGs, selbst der Schulunterricht findet in "Girl Parts" in einer nahen Zukunft am Bildschirm statt ohne physisch präsenten Lehrer. Sei's drum, seine Themen Gefühlsverarmung und gestörtes Sozialverhalten sind zeitlos und nicht vom Stand der Technik eines Jahrhunderts abhängig. Beispiel dafür: der Aufhänger seines Buches. Held 'David', 16-jährig, sieht, freilich zusammen mit hunderten anderen, im Livestream die Selbstmordvorbereitungen eines Mädchens und unternimmt nichts - genauso wie alle anderen. Dieses Bystander-Verhalten, hier sicherlich ergänzt um eine sensationslüsterne Note, erhielt seinen Namen 1964 im Zuge eines berühmten realen Kriminalfalls. Technik ist also nie schuld an der Boshaftigkeit des Menschen.

Doch Davids Versagen bringt ihm 'Rose' ein, ein vom halbseidenen Schulpsychologen empfohlenes Produkt. Rose ist Roboter - und sexy. Und das mit Absicht, sogar abgestimmt auf einen psychologischen Fragenkatalog, den David vor Bestellung des Produkts abschließen musste. Rose ist Davids unbewusste Idealvorstellung einer Partnerin. Bös gesagt, ist das Spannungselement in "Girl Parts" vom ersten bis zum letzten Wort "Wann werden sie's tun?", nämlich inter-maschinell-menschlichen Sex. Doch der kommt nicht schnell, denn Rose kann sich wesentlich besser emotional und physisch gegen dumpfe Ansprüche von Jungs wehren - im Gegensatz zu fleischlichen Mädchen, zumindest denjenigen, die in ihren typischen Rollenmustern stecken. In einer Art Zuckerbrot und Peitsche Spiel lässt Rose Körperlichkeit nur schrittweise zu.

Die Frage nach menschlicher oder maschineller Identität sollte der Science-Fiction-Fan nicht zu ausführlich behandelt erwarten. Für diesen Komplex hätte John M. Cusick ein Erwachsenenbuch erzeugen müssen. Es ist eher die Frage, was macht einen moralisch handelnden Menschen aus. Die Maschine ist bei ihm von Anfang an zweifellos einem Menschen gleichzusetzen.

Es wird zu einigen Verwicklungen um David, dem schüchternen 'Charlie' und Kunstfrau Rose kommen, die unvollkommener und zerbrechlicher ist, als es zuerst scheint. Aber wer den Titel liest, weiß das: "parts" kann Substantiv und Verb sein ...

>>> Mehr Bücher im Genre Near-Future-Thriller ...

Besprochene Ausgabe: Baumhaus  |  2011  |  286 Seiten  |  Festeinband*  |  € 12,99

Anzeige

Twittern *  @sfmagazin folgen * 
 * 
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
Kurze Buchvorstellungen / Autor-Bio:
 
sf magazin * Favoriten im Genre Near-Future-Thriller:

Anzeige

blog comments powered by Disqus
 
 
+ sf magazin
Nexus
The Moon Is a Harsh Mistress
The Last Girl
Das Hexenmädchen
Brief Encounters with the Enemy: Fiction
Il Tuttomio
Pacazo
Non-aventures: planches à la première personne
Suddenly Something Happened