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 24.05.2012         John Irving - Letzte Nacht in Twisted River: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
John Irving - Letzte Nacht in Twisted River: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Letzte Nacht in Twisted River

(2010) - Orig.: Last Night in Twisted River (2009), engl.
Essen mit der italienisch-französisch-indianischen Mischpoke
70 Jahre umspannt eine Hommage an Neuengland und Kanada, erzählt mittels einer uralten Dreiecksbeziehung, Gewalt und Gegengewalt und ein bisschen S. Freud, den ja John Irving für einen Romancier hält, nicht für einen Wissenschaftler.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 22.05.2010

Viele Buch-Kritiker werden wieder schreiben „Letzte Nacht in Twisted River“ sei vollkommen Irving-typisch. Aha. Logisch, Irving hat das Buch ja geschrieben. Aufzählungen werden folgen, in denen sicher „Bär, große, starke Frauen, etc.“ drin vorkommen. Da hat ein Leser der Besprechung, der noch nie einen Irving gelesen hat, freilich nichts von. Deswegen lassen wir es, und tun so, oder bemühen uns zumindest, als schrieben wir für jemand Unbedarftes.

Die Vorbilder John Irving 's sind die angelsächsischen Größen des 19. Jahrhunderts, wie Dickens, Hawthorne oder Melville. Was heißt das also, wenn man diese Herren auch nicht kennt? Irving 's Bücher sind lang, hier besprochenes 730 eher klein gedruckte Seiten, und sie sind episch, wie man so schön sagt, will heißen, sie sind nicht gerade Kabinettstückchen, die nur ein oder zwei Ereignisse an einem Nachmittag im Leben der Figuren behandeln, sondern einen Irving misst man in Dekaden oder gleich halben Jahrhunderten. Die schicksalhaften Ereignisse werden zusammengehalten von allerlei meist tragikkomischen Alltagsgeschehnissen seiner Helden. Doch Zufall ist davon kaum etwas. Über Alter Ego 'Danny', ebenfalls Schriftsteller im Roman, lässt er uns wissen wie das funktionieren muss:

Eines Tages würde der Schriftsteller um die Bedeutung fast gleichzeitig stattfindender, miteinander verbundener, aber verschiedenartiger Ereignisse wissen - sie sind es, die eine Geschichte vorantreiben [...]

Die soll noch vor dem Zweiten Weltkrieg in Twisted River, New Hampshire, losgehen, ein eher provisorischer Ort, der auf einer flux gerodeten Fläche versucht, den Bedürfnissen der dort in den Wäldern beschäftigten Holzarbeitern, wenige davon mit Familie, zu genügen. Ein verwitweter Koch und sein junger Sohn bringen wenigstens Esskultur in den physisch rauhen Ort mit seinen ebenso rauhen Sitten. 1954 ist erstmal sowas wie die Roman-Gegenwart zu Beginn von „Letzte Nacht in Twisted River“, doch freilich lernen wir noch einiges über die kruden Verwandschaftsverhältnisse der Ahnen von Koch 'Dominic' und Sohn 'Danny', anhand einer liebevollen Skizzierung des Lebens im North End von Boston, Massachusetts, das wohl früher komplett in der Hand italienischer Einwanderer war. Genau dorthin müssen die beiden fliehen, nachdem Danny aus Versehen jemanden erschlägt. Die drohende Vendetta liegt weniger als Fluch auf den beiden, denn als Vorantreiber für verschiedene Lebensstadien. Viel tiefer haben sich die Ereignisse um ein Dreiecksverhältnis eingekerbt, dessen eine Spitze des Dreiecks tot ist: Dominic's Frau und Mutter Danny's. Der Koch und ein Freund tragen schwer an ihrer Mitschuld an ihrem Tod...

Es sind keine Entwicklungsromane, die Irving schreibt, seine Figuren, auch in „Letzte Nacht in Twisted River“, sind eher von vornherein oder zumindest kurz nach Beginn der Geschichte in der festen Stasis ihrer Neurosen gefangen. Beinah fatalistisch sind sie sich dessen bewusst, können aber weder ihrem Schicksal entfliehen, noch sich heilen. Alles kommt wie's kommen muss, und das ist meist dick bei John Irving. Das Stolpern von einem Schicksalsschlag zum nächsten ist das, was seine Leser bei der Stange hält und zweifellos amüsiert, dabei nicht wirklich in Schadenfreude, diese Klippe umschifft der Meister, indem er übersteigert, mit allen Mitteln einer als solche erkennbaren Groteske. Detailverliebtheit gesellt sich hinzu: In „Letzte Nacht in Twisted River“ sind es die Rezepte des Kochs oder der Kollegen, die er im Laufe des Lebens kennenlernt, immer garniert mit dem Drumherum des Alltäglichen oder andersrum. Artig bedankt sich der Autor im Nachwort bei den Betreibern diverser Restaurants unterschiedlicher Nationalitätenküche.

Angst ist der Kern des Buches. Seine Figuren erleben eher mehr als ihnen recht ist, zumindest was Todes- und Unfälle in ihrem nahen Umfeld betrifft. Die eigene körperliche Versehrheit kommt hinzu. Flucht, Gefahr und die frühe Erkenntnis, dass Gewalt Gegengewalt erzeugt prägen im Koch die ständige Erwartung des Schlimmsten, was in einer Situation passieren kann.

„Der mit zwanzig verwitwete Koch machte sich selbst für den Tod seiner Frau verantwortlich - und er war nicht der einzige Mann, dessen Leben in Twisted River dem gnadenlos in die Länge gezogenen Abbüßen einer Sünde glich.“

Zweifellos ist das erste Drittel des Buches sehr gelungen. Schon durch das Berufsmilieu ist die Atmosphäre gefahrengeschwängert, mit diesen kruden alten Arbeitsmethoden der Holz-Branche. Viele Arbeiter verletzen sich ja heute noch oft im Holzfäller-Job trotz Sicherheitsmaßnahmen, mit welcher Regelmäßigkeit muss es erst früher geschehen sein! Dann die kreuz und queren Liebeleien der italienischen Exilantenschaft in Boston, Massachusetts. Man spürt, warum die USA so ungemein stark sind, wenn Irving den Tatendrang nach der Einwanderung beschreibt, den unbedingten Willen dazuzugehören, zu einem Land, wo jeder eine „Minderheit“ ist, es also eigentlich keine geben sollte. Man spürt die Solidarisierung mit dem neuen Land, kaum dass die Einwanderer ihr altes verlassen haben. Man ist nach wie vor stolz auf die Herkunft, aber dieser Stolz ist eingebettet in etwas größeres, das USA heißt. Positive Strahlkraft erweckt Erwartung, und was man da erwartet, will man so schnell wie möglich erreichen.

John Irving und Alter Ego Danny, der Sohn des Kochs, sind beide 1942 geboren. Auch Danny schreibt bis zum Ende des Romans zehn Romane im Roman, etwa gleichviel wie Irving bisher. Das Problem ist, dieses Buch-im-Buch-Ding bringt keinen Mehrwert. Eher narzistisch benutzt er es als Vehikel, um über das altbekannte Thema des Autobiografieanteils des Autors in seinen Romanen zu lamentieren. Fast ist das eitle Selbstbeschau - oder Irving will jene Kritiker ärgern, die ihm seit jeher vorwerfen, nur Variationen seines eigenen Lebens in seinen Büchern zu verbraten. Nach dem Motto jetzt erst recht. Unangenehmer jedoch ist die platte Verwendung der Inhalte der Bücher Danny's im Buch, um nocheinmal alte „reale“ Roman-Zusammenhänge zu wälzen. Trotz Dicke liest man Irving-Bücher recht schnell, hält uns Irving also für allzu vergeßlich?
Auch das Zurückspringen innerhalb der chronologisch angeordneten Hauptblöcke des Buches will Irving nicht mit Eleganz gelingen. Es wirkt lahm, wie ein nachträgliches Füllen von Lücken wo Mut zur Lücke wahrscheinlich ebenso oder besser funktioniert hätte. Da kommen dann unoriginelle Nebenfiguren vor, bei denen man sofort spürt, man braucht sich über sie nichts merken, sie werden nur ein zwei-, dreiseitiges Buchleben haben. Einige Frauenfiguren bleiben im Klamauk hängen, der sich um ihre mannshafte Größe und Stärke bildet.

Wenn sich schon die Figuren nicht ändern über einen Zeitraum von 60 Jahren, so tun es zumindest die Orte, die sie nach dieser Zeit nocheinmal besuchen. Und da kriegt er uns wieder, der Meister, wenn er die Beschreibung des Verfalls durchwebt mit all den Ereignissen um all die Freunde und Verwandten, die schon auf der Strecke geblieben sind. Heul.

Besprochene Ausgabe: Diogenes | 2010 | 736 Seiten | Festeinband* | € 26,90


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
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