John Connolly - Das Buch der verlorenen Dinge: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Das Buch der verlorenen Dinge

(2008) - Orig.: The Book of Lost Things (2006), engl.
Prinz stürzt auf Schneewittchen wie Windhund auf Karnickel
„Ein Perverser, der gehört eingesperrt.“ So sehen die Zwerge in Connolly's Jugendbuch den dahergelaufenen Kerl, der eine Schlafende abknutscht. Gerne hätten sie Schneewittchen tot gesehen. Der Rest des Romans ist derbste neue Märchenkost, die selbst dem Erwachsenen das Blut in den Adern gefrieren lässt.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 24.10.2008

Insgesamt ist er eine Story, die einen zwölfjährigen Jungen bei seiner Entwicklung zum Mann begleitet. Ja, nichts für Weicheier, brutal und bisweilen martialisch. Also das, was Jungen sowieso lesen würden, egal ob es ihnen Eltern verbieten oder nicht. Nur, Connolly hat einen hehreren Anspruch. Er packt seine Anliegen in eine abenteuerliche Umgebung, damit er die Leute packt.

Langsam kommt sein Buch auf Trab, und seiner Hauptfigur David muss man erstmal selbst für einen Zwölfjährigen viel kindliche Naivität unterstellen. Hoffentlich lässt sich mancher Leser nicht abschrecken von diesen allzu trockenen 30 Einstiegsseiten. Geschuldet sind sie der Dramaturgie, der Entwicklung, die Connolly aufzeigen will.

Einiges ändert sich plötzlich in Davids Leben. Die Mutter stirbt. Das ist nicht das Überraschende, hatte sich doch der Tod nach langer Krankheit deutlich genug angekündigt. Doch ehe sich David versieht, hat er eine Stiefmutter und einen Halbbruder. Zu beiden bringt er wenig Zuneigung auf, was schließlich in Hass umschlägt. In einer Parallelwelt begibt er sich auf eine Odyssee um die Suche nach seiner toten Mutter...

Wem oder was David in dieser Parallelwelt hinterherjagt bleibt lange unergründlich und lässt den Leser den Atem anhalten und die Seiten verschlingen. Connolly würzt uns manchmal den Fortgang der Geschichte mit eingestreuten Geschichten in der Geschichte, in bester Miguel de Cervantes-Manier, nur spannender. Da kommt es schon mal vor, dass Rotkäppchen Bock auf den Wolf hat und aus der Vereinigung die 'Loups' entstehen, zweifelhafte Wesen - halb Mensch halb Tier -, deren Volk im Laufe noch gewichtig werden wird.

Die Figur des sympathischen Försters ist die erste, die David auf seinen ersten Schritten durch die von Anfang an feindlich gesinnte Parallelwelt geleitet. Er kann nicht verhindern, dass sich David schnell eine Menge Feinde macht. Diese Feinde, es sind Allegorien für unsere Ängste, und einem nach dem anderen wird David ihnen den Garaus bereiten, hübsch blutig und schauderlich. Doch müssen sich auch Davids Eingeweide öfters nach aussen wölben, ob der Gräueltaten, die seine Feinde verrichten oder schon verrichtet haben.

Harpyen und Trolle kann David noch überlisten, doch macht er sich dadurch neue Feinde...
Als sein Ziel scheint sich heraus zu kristallisieren, „Das Buch der verlorenen Dinge“, in den Händen des Königs des Reiches, zu finden. Unterwegs drehen sich einem schon mal die bekannten Märchen im Magen um. Die Sieben Zwerge sind Kommunisten, waren „schmutzig, und alle trugen Mützen mit kaputten Glöckchen. Einer von ihnen trat David gegen das Schienbein.“ Sie vermuteten, David sei 'größistisch'. Der Rezensent musste unweigerlich überlegen, wie dieses Wort wohl im englischen Original hieße.
Aus Richtung Kinderbuch wendet es sich immer mehr zum harten Überlebenskampf ganzer Völker gegen die Loup-Bedrohung, die sich zusammenziehende Armee der Wölfe und Halb-Wölfe. Noch einige Verbündete bekommt David, die allesamt viel Zivilcourage zeigen.

Das beinhaltet derbe Beschreibungen - die Bauernsiedlung, die sich mit angespitzten Baumstämmen gegen ein Ungeheurer wehren will; eine Dornenfestung, in der auf Ranken aufgespießt, Ritter in mehr oder weniger verwesendem Status verfaulen, beziehungsweise die Rüstung verrostet; sowie Motive aus ärgsten B-Splatter-Movies, so etwa die Jägerin, die, weil es ihr in ihrem Revier zu langweilig geworden ist, Mischwesen zusammenstückelt, mit der Schnelligkeit von ... und der Intelligenz von... Sie wissen schon.

David ist nicht wohl, als er zum ersten Mal bewusst tötet und die Tode Revue passieren lässt, die er indirekt zu verantworten hat. Doch Angst um Angst wird abgebaut...

Das Märchen spielte schon immer mit krassen Allegorien und fackelt nicht lange in seiner Wortwahl. Connolly setzt nochmal eins drauf. Muten Sie es sich oder Ihren Kindern zu - seien Sie stark.

Besprochene Ausgabe: List | 2008

      
 
 
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