Was ist deutsch - im sprachlichen Sinne? Das ist, wenn der Film- und Theaterschauspieler Torsten Michaelis liest. Das ist, wenn jeder einzelne Buchstabe ausgesprochen wird, ohne die gefürchtete Härte der deutschen Sprache zu provozieren. Das ist Exaktheit, Klarheit, mit rund geschliffenen, wohllautenden Kanten. Michaelis vollbringt das Wunder, Schriftdeutsch eine weiche Dynamik zu verleihen, die dem Theater abgeht, weil man dort schreien muss und bei TV-Schauspielern des 'Tatorts' nur unecht klingt.
Die Tripods (sprich: 'treipods') oder Tripoden: Sie sind das schauerliche Element der Tripods-Trilogie. Die dreibeinigen Herrscher über die Erde. Sie tauchen erstmals im 1898 von H. G. Wells veröffentlichten „Krieg der Welten“ (zur Rez. auf sf magazin * ...) auf. Doch John Christopher 's Tripods sind kein stumpfes Plagiat. Versinkt in Wells ' Schreckensvision die Menschheit eher in Ohnmacht, so ist Christopher 's Ansatz eine Ode an den Nonkonformismus, an die Freiheit und an den Mut. Und das ganze an Jugendliche gerichtet. Drei Jungs, die ihre Eltern verlassen, weil sie ihnen zu angepasst erscheinen - obgleich wissend, dass sie nichts dafür können -, das ist subversiv, radikal und aufwieglerisch. Das ist harter Tobak, trifft er doch auf den Wunsch nach Emanzipation jedes Heranwachsenden. Die Story spielt mit diesen Sehnsüchten, stellt aber hehre Gründe für die resultierende Radikalität voran.
Gleichwohl würde uns die BBC-Verfilmung der Achtziger-Jahre, aus der die meisten die Tripods kennen, heute etwas behäbig vorkommen. Da bietet sich das grandiose Hörbuch des Patmos-Verlages als Alternative, um in jugendlichen Erinnerungen zu schwelgen, es neu zu genießen oder Kindern ein zeitloses Vergnügen zu gönnen.
Die Story geht gemütlich los. Michaelis respektive Christopher vollbringt das Kunststück, mit der Beschreibung einer Armbanduhr und der Begehrlichkeit, diese zur Schau zu tragen, den Hörer völlig in den Bann zu ziehen. Es sei dazugesagt: Wir befinden uns in einer Zukunft gegen Ende des 21. Jahrhunderts, doch ist die Menschheit auf einen agrarischen Status zurückgeworfen und mechanische Dinge aus der 'Vorzeit' hegen eine besondere Faszination. Und die erweckt Christopher in uns, obwohl wir tagtäglich damit umgeben sind; er wiegt uns schnell in ein Gefühl, als stünden wir selbst an den Hecken, Feldrainen und kleinen Dörfern seines archaischen Englands und später Frankreichs.
Die Dreibeinigen Herrscher haben die Menschheit versklavt. Jedoch erfolgt die Versklavung erst im Alter von circa 14 Jahren, mit der sogenannten 'Weihe'. Also Fünf vor Zwölf für den 13-jährigen Freidenker 'Will Parker'. Der traf geheimnisvolle Erwachsene, bei denen die Weihe anscheinend nicht wirkte, kriegt eine grob gemalte Landkarte in die Hand gedrückt und macht sich davon; nicht ganz freiwillig begleitet von seinem Cousin 'Jack'. Das ist großartig und ungeheuer wagemutig, was hier stattfindet: Sie brechen zu Fuß auf Richtung Ärmelkanal und setzen über ins ehemalige Frankreich, in ein fremdes Land mit völlig anderer Sprache, ständig auf der Flucht vor den Geweihten oder den Tripods und ohne heutige Jack-Wolfskin-Profi-GoreTex-Jacken. Okay, sie sind nicht wie heutige Jungs. Das Häuten eines Kaninchen oder das Ausblutenlassen eines Hühnchens sind für sie ein Klacks...
Neben den Abenteuer-Elementen gibt es immer wieder atmosphärische Beschreibungen, die einen im Bann halten. So das verlassene Paris, das von Bäumen zugewuchert ist, die aus der Ferne betrachtet wie „grüne Adern eines riesigen Monsters“ wirken, durchziehen sie doch dabei das Raster der einstigen Straßen. 'Bohnenstange', ein französischer Junge, der mittlerweile mit im Bunde ist, stellt seine Theorien auf, wie sich wohl die Autos, von denen nur noch ein verrosteter Kasten auf vier Felgen übrig ist, fortbewegt haben mögen. Unten in der Metro finden sie Handgranaten, wohl Relikte und letzte Erinnerung an einen aussichtslosen Kampf, den die ehemaligen Bewohner der Stadt geführt haben...
Michaelis verleiht problemlos den Figuren eigene sprachliche Identitäten. Dem vermeintlich durchgeknallten 'Ozymandias' ebenso wie dem englisch (respektive deutsch) mit französischem Einschlag sprechenden 'Bohnenstange'. Er wählt die richtigen Tempi für die beschreibenden Passagen und für die Zwiegespräche.
In „The White Mountains“, so der Originaltitel und es scheinen die Alpen oder Pyrenäen zu sein, soll es eine Zuflucht vor den Tripods geben - und freie Menschen!
Hörprobe:
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Besprochene Ausgabe: Patmos | 2006 | Hörbuch 4 CDs | 22,95
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2. Sean McMullen: The Miocene Arrow (2000), engl.
3. Iain M. Banks: Die Brücke (1998) - Orig.: The Bridge (1986), engl.
Markus Stromiedel:
Die Kuppel
Droemer, Broschur
John Ringo:
Planetenkrieg – Feindliche Übernahme
Heyne, Broschur
Ian Whates:
Geisterjagd
Heyne, Broschur
Ernest Cline:
Ready Player One
Crown, Festeinband
John M. Cusick:
Girl Parts - Auf Liebe programmiert
Baumhaus, Festeinband
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