
Science-Fiction-Literatur spielt sich oft jenseits der Erde ab und wenn auf der Erde, dann oft nur im Untergrund-Milieu oder gar in einer Alternativen Realität, die von einem geschichtlichen Ereignis ausgeht, das unsere Entwicklung grundsätzlich änderte. Eine weitere Spielart ist die Negative Utopie, die Umwälzungen aufgrund nuklearer, genetischer oder ökologischer Katastrophen beschreibt. Nichts von alledem macht John Brunner in 'Morgenwelt' in Reingestalt. Vielleicht ist 'Morgenwelt' von allem etwas, 'Morgenwelt' atmet den Geist der Zeit, der '68er', und ist gleichzeitig eines der zeitlosesten literarischen Werke. Immer erschafft es eine glaubwürdige Atmosphäre, bei der der Leser gar keine zeitliche Verortung benötigt.
Man taucht ein in das Leben des Weißen Donald Hogan und des Afro-Amerikaners Norman House, die zusammen in einer Art Luxus-WG leben. Manhatten ist überdacht, um den besser gestellten Bevölkerungsanteil vor Umwelt-Unbilden zu schützen. Der Turbo-Kapitalismus, gelenkt von nur wenigen Weltkonzernen, hat die Bevölkerung auch innerhalb der reicheren Länder stark segregiert, in ein falsches Viertel sollte man besser nicht den Fuß setzen. Riots sind an der Tagesordnung und vor Amokläufern kann man sich nirgends schützen. Gegen die Überbevölkerung sind strenge Eugenik-Gesetze erlassen.
Hogan und House leben in gegenseitiger Duldung und Verachtung. Die 'Shiggies', ihre Freundinnen, Frauen die von Wohnung zu Wohnung ziehen, immer bei ihren Lovern residierend, wissen oft mehr über die beiden, als sie selber voneinander wissen. Doch Vorsicht, joblos sind die Shiggies nicht immer, sondern sind oft als Industriespioninnen eingesetzt.
Hogan ist eine Art Schläfer, von seiten des Staats eingesetzt. Ist er nur auf Abruf, sammelt er den lieben langen Tag Wirtschafts- und Politiknachrichten, kombiniert sie und stellt Prognosen auf. Sein neuer Auftrag wird ihn nach Asien führen. Der Wirtschaftskrieg zwischen Asien und dem Westen ist in vollem Gange, auch bei der genetischen Optimierung des Menschen...
House wagt als Projektleiter ein Experiment, bei dem der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben werden soll: Wenigstens ein afrikanisches Land soll mit Hilfe eines Weltkonzerns in eine befriedigende Stabilität überführt werden.
Dies sind nur die zwei Haupt-Erzählstränge. Mühelos macht uns Brunner mit einer Reihe von Nebenfiguren bekannt, die dafür sorgen, dass der Leser ein gesamtgesellschaftliches Stimmungsbild erhält. Er greift noch zu anderen Mitteln: Die Kapitel können in vier verschiedenen Kategorien daherkommen. Die 'context'-Kapitel sind meist kurze Auszüge aus soziologischen oder anderen wissenschaftlichen Werken; die 'happening world'-Kapitel sind zugebombt mit kurzen Slogans, Werbebotschaften, Nachrichten-Schnipseln, Geflügelten Worten; die 'tracking with closeups'-Kapitel erzählen eher die Nebenhandlungen und die 'continuity'-Kapitel schließlich den Hauptstrang.
Keine Angst! Das ist erzähltechnisch perfekt und ehrfurchterregend! Man ist umhüllt von dem Gewäsch und den visuellen Eindrücken der allgegenwärtigen Medien-Bestrahlung und von den individuellen Werbebotschaften, die eine Visualisierung des jeweiligen Betrachters im Spot mit Hilfe des SCANALYZER-Systems erzeugen. Die Nachrichten über die neuesten terroristischen Anschläge wirken wie ein Schlag in die Magengrube, als wenn man sie in der wirklichen Morgenzeitung gelesen hätte.
Die Sprache der Massenmedien überschlägt sich in Wortspielen und neu erfundenem Slang, der immer noch upfront klingt.
Terrorismus war in den Sechzigern nur etwas, das irgendwo im Mittelmeer-Raum oder Südamerika stattfindet. Man fühlt sich aber ebenso in den Deutschen Herbst 1977 hineinversetzt, in die Neunziger mit ihrem ersten Anschlag auf das World Trade Center 1993 oder in die Nuller-Jahre. Für Brunner betrachtet (gestorben 1995) müßten die Nuller-Jahre mit ihrem permanenten Weltkrieg gegen den Terror aussehen wie das Ende aller Zeiten. Doch er würde kunstvoll unseren doch relativ normalen Alltag mit den Kriegsgeschehnissen verweben, würde er über unsere Zeit etwas schreiben. Denn die Empfindlichkeiten der Individuen sind immer ein mächtigeres Thema, als die politischen Nachrichten, mit denen sie konfrontiert werden.
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Besprochene Ausgabe: Gollancz (engl.) | 2003
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3. John Brunner: Morgenwelt (2000) - Orig.: Stand on Zanzibar (1968), engl.
Karl Schroeder:
Planet der Sonnen
Heyne, Broschur
Louie Beatty, Vincent Pargney:
Resident Evil 5 - Das offizielle Buch Limitierte Sammleredition
Piggyback Interactive, Festeinband
Robert Sheckley:
Der widerspenstige Planet
Heyne, Broschur
Iain M. Banks:
Transition
Little, Brown, Festeinband
Doris Lessing:
Die Geschichte von General Dann und Maras Tochter, von Griot und dem Schneehund
Hoffmann und Campe, Festeinband