Vergnügt rezitiert Goebel zu Anfang des Buches ausgedehnt das ganz Alltägliche einer ca. 50.000-Einwohner-Stadt im südlichen Mittleren Westen. Da sieht Eugene 'Blue Gene' Mapother, am Steuer sitzend, die Insignien seiner Heimatstadt vorbeirauschen: Einige der 94 (!) Kirchen, die verlassenen Hütten von Tabakbauern - Tabak hatte die Stadt einst reich gemacht -, die allererste Halle von Wal-Mart, die größere, auch schon aufgegebene zweite und den aktuellen Wal-Mart Super Center mit seiner gigantischen Fläche. Gebaute und wieder aufgegebene Gewerbezentren zerfransen die Stadtränder.
Im Trailer-Park, Blue Gene's Zuhause, fängt Goebel mal eben in einem Absatz die Atmosphäre von zwei Jahrzehnten ein; die verdreckten 1990er Pickups mit UNTERSTÜTZT-UNSERE-TRUPPEN-Aufklebern, bezogen auf den 2. Golfkrieg, den, mit dem damals schon schmerbäuchigen General Schwarzkopf unter Bush senior und den mittlerweile schmerbäuchigen Veteranen, die Blue Gene's Nachbarn sind oder die er vom Wrestling, Monstertruck-Veranstaltungen oder dem Flohmarkt kennt. Sein letztes Auto, ein 1984er Trans Am, ein typisches Macker-Gefährt mit tiefgezogener Schnauze, liegt vor seinem Trailer rum, auf Betonklötze aufgebockt. Der Wohnwagen ist rostig, Klimaanlage scheppert, amerikanische Flagge hängt selbstredend dran.
Der Flohmarkt, eben in der Halle des allerersten Wal-Mart's untergebracht, ist derzeit wichtiger Bestandteil von Blue Gene's Welt, der 27 ist, Vokuhila und Schnäuzer trägt und die T-Shirts immer mit abgeschnittenen Ärmeln. Die Flohmarkt-Welt ist keine heile, sondern knallhartes Brot für die Unterschichtler, deren Aussehen und Ansichten fortan ein Thema im Roman bleiben. Mal was Neues für eine elegante, gut angezogene Frau in ihren Sechzigern, die hier herumschlendert, um vermeintlich tütenweise Nippes für ihren nächsten christlichen Wohltätigkeitsball einzukaufen. Sie ist hier, um Blue Gene zu sich nach Hause einzuladen. Sie haben sich vier Jahre nicht gesehen. Sie ist seine Mutter und die Mapothers sind die Industriemogule der Stadt.
Goebel macht aus ihnen eine extreme Familie, sodass sich die Älteren an TV-Serien wie Dallas oder Denver Clan erinnert fühlen werden. Machttrieb, Boshaftigkeit und das Sich-Zurechtbiegen des allgemeingültigen Moralrahmens included. Doch macht er es witzig und eher karikierend. Einen über-patriotischen Redneck sowie eine radikal linke junge Frau stellt er dagegen beängstigend realistisch da. Blue Gene selbst ist anti gegen alles, was irgendwie als cool gelten könnte, geht zwar einigen amerikanischen Mythen nach, wie Wrestling und Monstertrucks, aber längst nicht allen, pflegt zwar Toleranz, aber längst nicht für alle: „[...] Basketball sei was für Schwule, weil die Spieler sich dauernd gegenseitig Klapse auf den Hintern geben.“ Goebel erwähnt die miesen Löhne besagter Supermarkt-Kette, doch Blue Gene auf die Frage „Und wer mag schon seinen Chef, stimmt's?“: „Ich schon. Ich mochte meine Chefs bei Wal-Mart.“
Da deutet sich etwas an, etwas, das das Hauptmotiv des Romans zu sein scheint, und Goebel, selber erst Ende Zwanzig, bei aller Verschmitztheit sehr erwachsen erscheinen lässt: Es gibt keine alleingültigen Weltanschauungen und Fronten und man sollte sich immer genau anschauen, was an den Holzhammer-Argumenten der linken wie der rechten Fraktion dran ist und was die jeweilige Posse Gutes hat. Das ergibt Goebels unbedingtes Plädoyer ans Miteinander, siehe Originaltitel des Buches, ohne dies politisch festzunageln.
Nach 70 Seiten fluffigem Lese-Genusses folgt dann Spannung, gebaut ganz einfach daraus, dass der widerspenstige Blue Gene tatsächlich annimmt und in der Villa seiner Familie am Esstisch sitzt - mit T-Shirt mit abgeschnittenen Ärmeln natürlich.
Seine Familie will ihn für die Wahlkampagne seines älteren Bruders zum Congress Man anheuern. Blue Gene soll das Kettenglied zur Unterschicht sein und dem Bruder Glaubwürdigkeit verleihen.
Vorsicht vor Leuten, die sagen „Ich habe wieder zu Gott gefunden“, so auch der ältere Bruder. Blue Gene lakonisch: „Ich habe ihn nie verloren.“ Mit der „One Nation under God“, in der das ruchlose Verfolgen von individuellem Interesse immer mit dem Gotteswillen begründet werden kann, rechnet Goebel kräftig ab. Die Figuren in seinem Buch, die am meisten über Gott reden, haben den meisten Dreck am Stecken...
Das beiläufige Eintauchen in mehr und mehr Details der Familiengeschichte und Blue Gene's selbstgewählter Prolligkeit ist faszinierend, und, soviel sei verraten, Blue Gene wird tatsächlich mitmischen im Wahlkampf; und der Leser wünscht sich ab diesem Zeitpunkt tatsächlich, dass alles gut gehen wird, Kapitalistenfamilie und homophober Proll hin oder her! Schau'mer mal.
Wrestling ist intellektuell. Könnte man sagen. Denn es gibt dafür ja die Drehbuchschreiber, nach deren 'Angles' die Kämpfe möglichst aufwühlend ablaufen. Der „Heel“ etwa ist der Wrestler, der als Bösewicht fungiert. Der Gute ist „Face“. Sie besiegen sich schon mal mit einem Griff, den der Autor als „Eternal Slamnation“ erfunden hat. Jackie, Frontfrau einer Punkband, hat Collagen auf ihrer Gitarre wie „PARIS HILTON KANN NICHT LESEN“ oder „BRITNEYS DROGENALPTRAUM“ und schreit linke Parolen ins Mikro. Auf dem T-Shirt: „Je mehr ich über Frauen weiß, desto lieber ist mir mein Pickup“. Anderseits ist sie auch Bookerin und Schreiberin von Angles fürs Wrestling...
Geht doch.
Ach, und Angeln oder Jagen oder in der Natur sein ist nicht spießig oder gar hipp, wie die deutsche „Outdoor-Aktivität“. Man macht es einfach. In Good Old USA.
Besprochene Ausgabe: Diogenes | 2009 | 700 Seiten | Festeinband* | € 22,00
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
2. Jonas-Philipp Dallmann: Notschek (2011)
3. Gavin James Bower: Dazed & Aroused (2009)
4. Ron Leshem: Der geheime Basar (2011) - Orig.: Megilat zchujot hajareach (2009), hebräisch
Shumeet Baluja:
Silicon Jungle
suhrkamp nova, Broschur
Moti Kfir, Ram Oren:
Sylvia Rafael. Mossad Agentin
Arche, Festeinband
Martin Amis:
1999
Rowohlt, Festeinband
Sorj Chalandon:
Die Legende unserer Väter
dtv premium, Broschur
Douglas Coupland:
Eleanor Rigby
Hoffmann und Campe, Festeinband
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