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Jörg-Uwe Albig - Berlin Palace: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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- Berlin Palace

(2010)
Die Zeit der Eukalyptusblüten ist den Strom hinabgeflossen
Mit viel Pseudo-Sinologie, Eurotrash, Fantasiekulinarik und etwas Cyberpunk in einem China der nahen Zukunft kleidet Jörg-Uwe Albig Aufstieg und Fall Germaniens in eine tragische Liebesgeschichte.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 20.03.2010
Jörg-Uwe Albig - Berlin Palace
Zoom Jörg-Uwe Albig - Berlin Palace

Cyberpunkanleihen, das heißt in "Berlin Palace" nur soviel, als dass da eine neue Unterschicht vorkommt, eine, die von Konzernen und irgendwie von "denen da oben", den Big Playern niedergebuttert wird, als zum Funktionieren des Systems nötige Underdogs gehalten werden. Die Underdogs sind die Europäer und US-Amerikaner, einer der Big Player ist China. Die Ausländer, so aus Sicht des chinesischen Werber-Fuzzis 'Ai', verdingen sich als Autoscheibenputzer, so wie es in unserer Gegenwart freiwillig nur die Punks am Berliner Kotti tun würden, und wohnen in Ghettos jenseits der Innenstädte mit ihren Liquid-Crystal-Fassaden. Nach dort verschlägt es auch Ai mit einigen Kunden ins "Berlin Palace", als eine Art Ausflug der Situierten ins Nachtreich der Armut. Hier treffen sich ehemalige Berliner, wie der Deutsche Sigi - ein Barde, der von einem findigen Scout angestiftet wird, in edlen Clubs deutsche Volksmusik zum Besten zu geben. Denn der Chinese lauscht ehrfürchtig der bodenständigen Kraft sämtlichen Eurotrashes. Man trinkt Met dazu.

Nein, im Berlin Palace gibt es kein internationales Mingle-Mangle-Food als letzten Schrei, wie "Erdnuss-Hefeklöße und Soja-Pannacotta, Kalebassen-Reiskuchen mit blanchierten Siedenwürmern, Sesam-Soljanka, Turbo-Tofu mit Saiblingsschaum", sondern schlicht "Wurst mit Rot Soße", wie der Wirt erläutert, einer der Deutschen im Roman, von denen kein einziger des Chinesischen auch nur annähernd mächtig ist.

Plötzlich wären sie dagewesen, die Horden von Europäern, ohne dass man irgendwie diese Wanderungsbewegung vorher registriert hätte, geschweige den Niedergang ihrer Industrien, heißt es an einer Stelle. "Schadstoffstarke" deutsche Autos gibt es nicht mal mehr als Oldtimer, man fährt die CO-2-neutralen Modelle "Konkubine" oder "Wasserbüffel".

Ai engagiert die ätherische 'Olympia' für den Dreh eines Werbespots fürs Parfüm "Wald". Das Image um Wald wird aus Versatzstücken germanischer Mythologie und Folklore zusammengekleistert. Eine Frau, die Wald trägt, weiß ihr Geheimnis zu wahren, lautet der Slogan. Dass das Geheimnis Olympias eher Luft ist, versucht Kollegin 'Jin' Ai darzulegen. Denn die ist in ihn verknallt, doch Ai gerät in völlige Abhängigkeit zu Olympia. Was diese erstmal in unbewusster Art ausnutzt, etwa indem sie Ai zu Tages- und Nachtzeiten in alle möglichen Stadtteile zitiert, um sie auf einer ihrer haltlosen Suchen und Fluchten aus den Armen von anderen Männern zu befreien. Ais Bemühen um Olympia ist das eines Ohnmächtigen, jemandes der an eine Droge gefesselt ist, von der er genau weiß, dass sie ihm schadet. Doch er kann nicht ablassen. Ihr kann man alles durchgehen lassen, wie der Bettler in dieser Situation, in der er jedem anderen eine geklatscht hätte:

Vor dem Lokal zog sie eine halbe Languste aus der Handtasche und ließ sie in den Hut eines Bettlers fallen; ich sah seinen verliebten, plötzlich lebendig gewordenen Blick.

Doch letztendlich verstellt sich Olympia weniger als der Germania-gehypte Filmmann Ai, der sich immer mehr in Mystik verliert: "Und jetzt konnte auch ich mich nicht mehr halten, verlor auch ich mich in der brutalen Kraft dieser Musik, in ihrer Wucht, schloss mich an die mächtigen Wurzeln an, die sie mit der Erde verband, die unser aller Erde war." Olympia verweigert sich der "Bumsmusik". Während des finalen Drehs des Wald-Spots in den Bergen kulminiert Ais Wahn in Siegfried-Nachahmung und einem vom Gewitter niedergestreckten Setting. Doch es soll noch schlimmer kommen...

Jörg-Uwe Albigs "Berlin Palace" kommt gerade anfangs wie drogeninduzierte, zarte Traumverhangenheit daher, als imitiere er einen chinesischen Boris Vian. Ein süßlich nebulöser, auf Wolken getragenen Duktus. Dran bleiben!, auch wem das nicht liegt, erliegt mehr und mehr Albigs Charme. Zwei Dinge sind zudem tröstlich: Der gegenwärtige Leser darf noch ein paar Jährchen die europäische Insel der Glückseeligen genießen. Und fatal unglückliches Vernarrtsein passiert auch anderen. Die Tragik der Lovestory bleibt sicher lange in Erinnerung.

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Besprochene Ausgabe: Tropen  |  2010  |  240 Seiten  |  Festeinband*  |  € 19,90

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