Joe Haldeman - Der ewige Krieg: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Der ewige Krieg

(2000) - Orig.: The Forever War (1988), engl. (in Teilen 1972 bis 1975 im Magazin "Analog" abgedruckt)
Es wird ekliger werden
Die Möglichkeiten der Auslöschung eines Menschenlebens werden sich potenzieren in zukünftigen Kriegen. Der Vietnam-Veteran Joe Haldeman muss es wissen und beschreibt einige davon explizit in seinem Anfang der Siebziger in Fortsetzungen erschienenen Roman.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 11.06.2008

Haldeman erzählt von der Mechanik des Tötens und Getötetwerdens als sei es das gleiche Ereignis wie das Eintragen von Aktiva und Passiva in die Kladde durch den Buchhalter. Diese gewollte Unterkühltheit wirkt; und läßt den Leser tatsächlich gefrieren. Das Schockfrosten der Romanfiguren aufgrund aufgerissener Druckanzüge ist meist eine lapidare Feststellung. In jedem Satz merkt man, dass Haldeman im Krieg war und dieses vorübergehende Abschalten von Emotionen gelernt hatte. Gelernt hatte, den Kampfvorgang als erweitertes strategisches Spiel mit der ganz selbstverständlich inbegriffenen Möglichkeit des Sterbens zu sehen. Doch hat das Sterben in dieser Situation keinen Schrecken, es ist in seiner Bedeutung auf ein sportliches Verlieren geschrumpft. Ohne diesen Mechanismus könnte kein einziger Krieg geführt werden, da er ja von außen betrachtet als reine Monströsität, als tierisch erscheint. Außen- und Innenwahrnehmung zu differenzieren ist eine der Stärken des Buchs.

Doch vor den weiteren ersteinmal zur Story: Sehr klassisch dreht sich „Der ewige Krieg“ eng um dessen Teilnehmer William Mandella und dessen näheres Umfeld. Auf einen vermeintlichen Angriff einer bald „Taurier“ genannten Alien-Rasse auf ein Kolonistenschiff von der Erde reagiert die Menschheit mit einem totalen Krieg der ganz eigenen Art: Durch quasi-lichtschnelle Annäherung an sogenannte Kollapsare durchmessen ihre Kampfschiffe ganze Abschnitte der Galaxie in Nanosekunden, um sich ins Ringen um Stützpunkte auf lebensfeindlichen Welten zu werfen. Die Crux hierbei: Die Beschleunigung an die Grenze der Lichtgeschwindigkeit und das Abbremsen daraus dauern Monate, während derer die Besatzung relativistischen Geschwindigkeiten unterliegt. Das heißt, die Besatzung ist subjektiv vielleicht ein Jahr „draussen“, auf der Erde ist dagegen ein Jahrhundert vergangen...
Schon geht es los mit Haldeman's Beschreibungen des Unkomfortablen und Ekligen einer Reise mit erhöhten g-Werten, dem Wundliegen und den zu vermeidenden Blutansammlungen und dem Suspensorium für die Weichteile. Die Technik, den Menschen mit immer höheren g-Vielfachen durch den Raum zu schleudern, wird mit den Jahrhunderten immer ausgereifter, bleibt jedoch genauso risikovoll und genauso eklig: eklig für den Einzelnen im „g-Tank“, der sich in all seine Körperöffnungen Schläuche schieben muß, sich mit Sensoren behängt und mit Drogen vollpumpt - eklig aber auch für Kameraden, die die wie reife Melonen zerplatzten Körper nach technischem Versagen oder Feindeinfluß wegschrubben.

Die Lebensfeindlichkeit der Planeten, auf denen Training durchgeführt wird oder Stützpunkte errichtet werden, beschreibt Haldeman in ihrer physikalischen Genauigkeit fast lehrbuchartig, jedoch mit einer Bildhaftigkeit der Gefahren, die einem den Atem stocken läßt (als stünde man selber gerade in einer Pfütze flüssigem Heliums umgeben von einer Methanatmosphäre bei ca. minus 270 Grad und einer nächstgelegenen Sonne, die sich gerademal als Stecknadelkopf im „Himmel“ abzeichnet - oder so ähnlich). Unwillkürlich drängen sich Parallelen aus der Historie auf: Was haben GIs im Dschungel zu suchen, Rommel im Wüstensand oder Napoleon in der Schneewüste?
Den Spannungsaufbau bei der Schilderung eines Bodenangriffs auf einen Stützpunkt beherrscht Haldeman wie kaum einer, wobei er in etwa eine Authentizität erreicht, mit der ein Herzchirurg eine OP dokumentiert: Er weiß, von was er spricht, er war dabei, und er kann mit Nüchternheit über Dinge sprechen, von deren Dimension allein - das wohlkalkulierte, taktische Tötenlassen der Kameraden und dem Zusehen bei ihrem Tod als noch größere Groteske neben dem adrenalingeschwängerten eigenen Töten - jedem anderen Menschen übel werden würde.

Mitten drin in der mehrere Jahrhunderte umspannenden Story kommen William und seine Freundin Marygay, gleichfalls Soldatin, zurück auf die Erde. Auf der finden sie sich kaum noch zurecht. Die Gesellschaften in allen Ländern sind verroht und die Qualifikationen der beiden werden allenfalls bestaunt. Man ahnt es schon: Die Mitte Zwanzigjährigen ziehen frustriert wieder in den Raum...
Lesen Sie selbst, ob es ihnen besser ergehen wird, als den vielen gestrauchelten Vietnam-Veteranen. Haldeman hat diesen ein Mahnmal geschaffen mit seinem Science-Fiction-Antikriegsroman.

Besprochene Ausgabe: Heyne | 2000

      
 
 
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