Eins vorweg: Durch Lektüre des Buches werden Sie kein psychologischer Fachmann für Amok-Läufe. Es kann nicht erklären. Im Angesicht des Unfaßbaren wirken sogar Zitate des Leitenden FBI-Psychologen hilflos: „Das Ironische ist, dass Eric und Dylan [die beiden Attentäter] sehr intelligent und clever waren und es offensichtlich sehr gut verstanden, ihren Plan geheim zu halten.“ Warum er das ironisch findet, weiß nur der Psychologe. Aus 25.000 digitalisierten Seiten Ermittlungsmaterial, das Tagebucheinträge, Schilderungen von Kurzfilmen, Website-Einträge, Chats, Gedichte, Schulaufsätze, Vernehmungsprotokolle der Freunde, Rechnungen über Propangasflaschen der Conoco-Tankstelle, Zeichnungen, Kurzgeschichten und letztendlich auch die Notrufnummer-Gespräche aus der Schule mit den Hintergrundgeräuschen enthält, destilliert Joachim Gaertner einen „Dokumentarischen Roman“, wie er es nennt. Man kann etwa die erste Hälfte des Ergebnisses ein schönes Panorama der Jugendkultur der End-Neunziger nennen. Dann kommen die morbiden Dokumente. Alles zusammen fügt sich spannend wie ein Krimi; man muss es so sagen - leider war es ein echter. Also bedient das Buch unseren „natürlichen“ Voyeurismus hinsichtlich der beiden Siebzehnjährigen. Es ist dieselbe Faszination für Gewalt und Gewaltentstehung, die uns Tarantino-Fan sein lässt, Tatort-Gucker sein lässt oder Ego-Shooter-Fan.
Die beiden Jungs lieben dieselben Filme wie die meisten in den Neunzigern, hören Bands, die jeder kennt. Waffen und Schießen sind nicht mal ihr Hobby; sie fangen erst an gezielt Waffen zu kaufen, als ihr Massaker-Plan schon steht.
Gaertner druckt ein schönes Liebesgedicht von Eric im Original ab oder die Übersetzung eines geschliffenen Schulaufsatzes über Nazi-Deutschland. Gerade im Falle der vielen zitierten Schulaufsätze zeichnet sich die Intelligenz der beiden zweifach ab: im Offensichtlichen, also dem Aufsatz, und in der Kunst, perfekt zu schreiben oder zu sagen, was das Gegenüber erwartet. Auch für die Eltern muss es im Nachhinein gewirkt haben, als führen ihre Söhne ein Doppelleben.
Anfangs fasziniert Eric das Entwerfen neuer Levels für das Computerspiel DOOM. Die Ausgestaltung futuristischer 3D-Welten „von atemberaubender Schönheit“, inspiriert vom SF-/Fantasy-Klassiker H. P. Lovecraft, scheint ihm die wichtigste Komponente des First-Person-Shooters. Später zieht er Vergleiche zu Fragmenten der Story der DOOM-Romane in seinen apokalyptischen essay-artigen Aufzeichnungen. Das macht er aber auch mit William Shakespeare.
Eric hatte großes Interesse für die deutsche Sprache. Klang und Härte faszinierten ihn, soviel kann man aus den Dokumenten erkennen. Die Band RAMMS+EIN nutzt die Eigenheiten des Deutschen durch punktierte dadaistisch-lyrikhafte Songtexte, aus denen der Sänger ein eigenständiges Rhythmus-Element erzeugt, mindestens gleichwertig der eigentlichen Instrumentierung. Sprachspiele wie der Refrain „Du, du hast mich!“ sind beliebt. Der Vortrag ist so, dass der Hörer verwirrt in seiner Empfindung zwischen den Bedeutungen hassen/haben changiert. Die Songtexte erzählen oft von seelischer Gewalt und dem Umschlagen von Zuneigung in Hass in Beziehungen. Wie genau sich Eric mit den auf Festplatte gefundenen Songtexten auseinandersetzte, kann man an den von Gaertner ausgewählten Dokumenten nicht festmachen. Lindern konnten sie seine eigenen seelischen Schmerzen wohl nicht ausreichend.
Das aus unzähligen US-Teenager-Klamaukfilmen bekannte Klischee der Hackordnung an Highschools ist laut Vernehmungsprotollen der Freunde in Columbine Wirklichkeit. Man muss an diesen Stellen fast lachen, wenn es nicht zum heulen wäre. Der Quarterback kriegt die heißesten Mädchen, hackt auf der nächsten Hierarchiestufe rum, die wiederum auf der nächstuntersten etc. Dylan und Eric gelten als unsportliche Computer-Nerds. Trotzdem haben sie Freunde, auch Freundinnen, könnten also theoretisch Demütigungen wegstecken.
Gaertners Dramaturgie der Zusammenstellung und Aneinanderreihung der Dokumente lässt gegen Ende immer mehr frösteln. Wie ein Menetekel (ohne Datumsangabe, Eric Harris, passwortgeschützter Bereich auf Schul-Server):
Es wird sein wie die Unruhen in Los Angeles, Oklahoma City Bombing, der Zweite Weltkrieg, Vietnam und Doom zusammen. Ich möchte einen bleibenden Eindruck auf der Welt hinterlassen. Und wenn wir durch irgendeinen scheiß verrückten Zufall überleben und fliehen können, dann werden wir ein Flugzeug entführen und es über New York abstürzen lassen.
Tonbandaufzeichnung 15.03.1999 (Die Bomben gehen aus technischen Gründen nicht hoch):
Es werden die nervenaufreibendsten 15 Minuten meines Lebens sein, nachdem die Bomben eingestellt sind und wir darauf warten, durch die Schule zu stürmen. Sekunden werden sein wie Stunden. Ich kann es nicht erwarten. Ich werde zittern wei ein Blatt.
Fast perfekt. Nur um zwei Minuten wird er sich irren. Am 20.04.1999 werden Eric und Dylan in 17 Minuten 13 Menschen erschießen.
Einen Fehler macht Gaertner: Er stellt die Dokument-Quelle ans Ende des jeweiligen Auszugs. So muss man immer vorblättern, um dies zu lesen. Denn man sollte schon wissen, ob das gerade ein Chat ist, eine E-Mail, ein Gedicht oder ein Songtext.
Mit Sicherheit wird Joachim Gaertners „Ich bin voller Hass - und das liebe ich“ ein Kultbuch in bestimmten Jugend-Kreisen werden, da die Dokumente noch nie so schön und auf eine gute Länge zusammengefasst waren. Aber da beißt sich die Katze wieder in den Schwanz, und geht ins Kino, einen Tarantino-Film gucken!
Besprochene Ausgabe: Eichborn | 2009 | 187 Seiten | Festeinband* | € 16,95
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
2. Jonas-Philipp Dallmann: Notschek (2011)
3. Gavin James Bower: Dazed & Aroused (2009)
4. Ron Leshem: Der geheime Basar (2011) - Orig.: Megilat zchujot hajareach (2009), hebräisch
Shumeet Baluja:
Silicon Jungle
suhrkamp nova, Broschur
Moti Kfir, Ram Oren:
Sylvia Rafael. Mossad Agentin
Arche, Festeinband
Martin Amis:
1999
Rowohlt, Festeinband
Sorj Chalandon:
Die Legende unserer Väter
dtv premium, Broschur
Douglas Coupland:
Eleanor Rigby
Hoffmann und Campe, Festeinband
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