Irgendwo mitten im Krimi zitiert Nesbø den Film „Memento“. Dieser Film läuft nichts weniger als rückwärts. Natürlich gehen die Leute nicht rückwärts, aber die Ereignisse gehen immer weiter in die Vergangenheit. Nesbø 's Krimi läuft vorwärts. Aber was er uns mit diesem Zitat sagen will, gleichzeitig ein bißchen posend, ist: Leute, bevor ich auch nur die erste Zeile in Reinschrift schreibe, muss der Roman von vorne bis hinten perfekt durchkonstruiert sein, alle Bauteile vorhanden sein und die Blaupause gemalt sein. Das sollte jeder Krimi-Schreiber beherzigen, doch Nesbø schafft es auch noch, den Leser, ohne aufgesetzt zu wirken, auf die kleinen Details hinzuweisen, die ihn, beiläufig eingeworfen, selbst mit einbinden in die Entwirrung der ganzen Fäden. Und so eine Serienmord-Geschichte, und um die geht es hier, zieht sich schon mal über ein halbes Leben hin, wenn man das Leben eines guten Serienmörders zugrunde legt. Mühelos, und fasziniert, gar dankbar, nimmt der Leser manch Rückblende hin. Denn immer in der Gegenwart zu stecken, mit Hauptkommissar Harry Hole, der aus einem gesichtslosen Fall erst den Serienmörder-Fall „Schneemann“ macht, zu rudern, und immer wieder bei Null anzukommen, würde das Gesicht des Lesers bald genauso abgespannt und grau wirken lassen, wie das Hole 's.
Der Schimmel- oder Pilzmann, das ist die einzige Figur, die sich nicht so fest verorten lässt. Aber Vorsicht, sie ist nicht bedeutungslos! Sie bringt das Troll-Element hinein, ein gewisses Element der Ungewissheit. Eines Tages steht sie vor Hole 's Haustür:
“Harry Hole?“ Der Mann trug einen blauen Overall und sah ihn durch dicke Brillengläser an. Seine Augen waren klar wie die eines Kindes.
Harry nickte.
„Haben Sie Pilze?“ Der Mann verzog keine Miene bei dieser Frage. Eine lange Haarsträhne klebte ihm schräg auf der Stirn.
Pilzmann meint natürlich Wand-Schimmel und mit für den Laien unwiderlegbaren Argumenten und der angeborenen Forschheit des Handwerkers geht er ans Werk. Mal liegt die eine Wand gerade in Trümmern, wenn Harry nach Hause kommt, mal eine andere. Der Pilzmann entwickelt sich fast zum Running Gag; schade, Nesbø sollte sich mal ein ganzes „Pilzmann“-Buch gönnen. Als Metapher setzt er ihn jedoch schon bei „Schneemann“ ein...
Herrlich viele absurde Dialoge gibt es gerade zu Anfang, des immerhin 500 Seiten starken Buches, wenn die Personen noch nicht so angespannt sind und sich noch nicht auf die Schussfahrt zum Ende begeben haben. Prickelnd das Verhältnis Hole 's zu seiner Ex-Freundin und zu einer neuen, hübschen Kollegin. Ein Männer-Buch? Nein, eine gewisse Klatsche haben Männlein wie Weiblein weg in diesem Buch und manche intime Selbstentblößung Hole 's dürfte für die Leserin prickelnder sein. Doch Nesbø 's Sprache ist nur an wenigen Stellen hardboiled; sie muss es nicht sein, um seinen Figuren Ecken und Kanten zu geben.
Klar, Kommissare haben immer eine Ex-Flamme, an der sie noch hängen, während die Ex heilfroh ist, aus einem Dilemma ausgebrochen zu sein. Aber hier ist das wirklich sympathisch gelöst und beruhigt den Leser zwischen den kriminalistischen Passagen. Soviel Zeit muss sein und verlängert den Genuss.
Der Schneemann. Er hält die Polizei in zwei norwegischen Städten in Atem, wie sich bald herausstellt. Es scheint, der Fall kommt schließlich wie die Jungfrau zum Kinde zu Harry Hole. Doch nichts ist zufällig in diesem Roman. Doch ausrechenbar ist er noch weniger; denkt man schon auf Seite 200 „mein Gott, was soll jetzt noch kommen“ - es wird noch schlimmer kommen. Die Konstruktion, die Verwobenheit, sie offenbart sich natürlich erst gegen Ende des Buches. Und dann wird auch klar, dass es keine vermeintlichen Nebenstränge gibt. Denn auch die falschen Fährten bilden Fäden im Gespinst. Dabei kann es sich nur ein Perfektionist wie Nesbø schon mal erlauben, einen Cliffhanger dreist 400 Seiten lang hängen zu lassen...
Warum die Schneeperson mordet? Tja, dazu werden Sie hier nichts lesen. Und auch, ob sich Hole 's FBI-Speedcuffing-Kurs endlich mal bezahlt macht, müssen Sie selber rausfinden. Aber die Lesestimmung sollte richtig sein: Auch Deutschland liegt gerade unter Schnee, wenn auch an den meisten Stellen nicht blutig.
Besprochene Ausgabe: Ullstein | 2008 | 450 Seiten | Festeinband* | € 19,90
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
1. Horst Eckert: Schwarzer Schwan (2011)
2. Urban Waite: Schreckensbleich (2011) - Orig.: The Terror of Living (2011), engl.
3. Yassin Musharbash: Radikal (2011)
4. André Meier: Letzte Losung (2011)
5. Sara Paretsky: Hardball (2011) - Orig.: Hardball (2009), engl.
Robert Ludlum, Eric van Lustbader:
Das Bourne Duell
Heyne, Festeinband
Linwood Barclay:
Weil ich euch liebte
Knaur, Broschur
Thomas W. Young:
Freeze - Gefangen im Eis
Piper, Broschur
Elisabetta Bucciarelli:
Ich vergebe dir
btb, Broschur
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