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- Leopard

(2010) - Orig.: Panserhjerte (2009), norwegisch
Panzerherz
Jo Nesbøs 700-seitiges Krimi-Opus „Leopard“ nötigt Bewunderung ab ob der fehlerfreien, mathematisch anmutenden Konstruktion. Doch darin liegt auch seine Schwäche: Es gleicht einer Kunstübung, die wegen dieser Künstlichkeit nichts mehr mit einem Krimi zu tun hat.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 28.01.2010
Jo Nesbø - Leopard
Zoom Jo Nesbø - Leopard

'Hauptkommissar Harry Hole'-Fans muss über diese Figur natürlich nichts mehr gesagt werden. Jo Nesbøs Geschöpf kämpft sich nun schon durch einige Bücher, ist Osloer und im Ganzen gesehen integerer Polizist, sodass man ihm stoßweisen Alkoholismus und milden Drogenkonsum verzeiht. Angeblich zieht er alle ihm Nahestehenden mit in seinen persönlichen Abgrund und so kommt es nur logisch daher, dass er für sich selbst die Variante des Einsamen Wolfes wählt, ethisch korrekt sozusagen. Warum lieben wir ihn? Weil es ihm in Job und Leben einzig allein darum geht, die wirklich bösen Jungs dingfest zu machen ohne Rücksicht auf sich selber und schon gar nicht wegen Prestige; allerdings auch ohne Rücksicht auf alle anderen irgendwie beteiligten.

Das wird nochmal glasklargestellt in „Leopard“, bildet doch einen Hauptstrang des 700-Seiten-Geflechtes der Kampf Osloer Morddezernat gegen staatliches Kriminalamt. Harry und sein Chef kontra den aalglatten Aufsteiger 'Bellman' vom Kriminalamt, der Mordfälle eher nach dem Prinzip löst, wie sie ihn am besten persönlich glänzen lassen und die Karriereleiter nach oben schubsen.
Sodann ist da wieder mal ein Serientäter, der diesesmal zeitlich sehr komprimiert eine Unzahl an Personen um die Ecke bringt. Das birgt das erste Problem in „Leopard“. Es sind so viele, dass es, selbst auf so vielen Seiten, unmöglich scheint, selbst nur einen Teil von ihnen für den Leser plastisch werden zu lassen. Über hunderte Seiten agieren nur Polizisten untereinander - und beharken sich -, es treten keine Verdächtigen auf den Plan und keine Angehörigen der Getöteten, die Charakterisierungen liefern könnten. So ist man geneigt, diese Ermittlungsarbeiten, die nur nackte Personennamen hergeben, abstrakt und ermüdend zu finden. Allerdings gibt es dankenswerterweise immer wieder nette Nebenfiguren, wie einen Dorfpolizisten, der ganz beiläufig von einer tiefsten Stelle im See spricht... Bei Jo Nesbø weiß man, dass es eben keine „Nebenfiguren“ gibt und jeder gesprochene Satz eine Bedeutung hat - auch wenn man dies vielleicht erst 500 Seiten später erkennt.

Im Schildern norwegischen Lokalkolorits ist Nesbø ebenso Meister. Doch sein Nebenschauplatz Afrika bleibt völlig abstrakt. Er erfindet ein paar coole Flughafenpolizei-Kollegen und reitet ein wenig das Kindersoldaten-Thema, doch alles nur, um seinen Showdown zur Abwechslung mal nicht in Norwegen führen zu müssen.

Das eigentliche Kriminalelement ist nun also die vieldimensional verschlungene und verwobene Motiv- und Tätersuche. Das Vor- und Zurück, der zu früh Festgenommene, und sogar eine Verdachtsverschiebung auf die Palladine von Kriminalamt-Mann Bellman. Sogar ein Maulwurf im Morddezernat. Ein anderes Grundelement liefert die aus „Schneemann“ bekannte Katrine Bratt, die inoffiziell Harry Hole mit ihren Computer- und Netzkenntnissen aushilft und zeigt, wie vermeintlich gläsern jeder von uns in der westlichen Zivilisation ist. Und dann, natürlich, die verschlungene und wendungsreiche Love-Story, die von allen Strängen der am besten geglückte ist.
Ein sich anbahnender Mann-gegen-Mann Konflikt zwischen Bellman und Hole, um Dinge wie Ehre, Ehrgeiz, Integrität und Intimeres, also wie im guten alten Mantel-und-Degen-Roman, verläuft sich im Sande. Nesbø bremst sich selber aus, lässt nur aufkeimen, um es wieder vom Tapet zu nehmen, hat er doch schon sämtliche Neben- und Kernthemen ineinander verwoben. Er hat den Bogen überspannt, legt falsche Fährten und lässt das Weber-Schiffchen in seinem Geflecht wirklich durch alle Richtungen schießen, um seine Kernthemen anzuheizen und das eine mit in das andere herüberzuziehen. Er überhitzt. Nach etwa 500 Seiten steht ein exaltiertes, kühnes Gerüst eines Molekülmodells mit dutzenden angeordneter Atome. Nicht, dass das nicht zu verstehen wäre. Doch es entbehrt jeder menschlichen Natürlichkeit. Die restlichen 200 Seiten wirken wie die Anmerkungen zu einem Fachbuch; und das, obgleich doch der blutige Showdown erst noch kommen soll.

Panzerherz, so der Originaltitel, und so der Zustand, den der alte Olav Hole, Harrys Vater, beschreibt, wenn man von einer Lawine verschüttet ist. Der Druck auf den Brustkorb ist so groß, dass es einem misslingt zu atmen, auch wenn man sich vor dem Gesicht eine Lufthöhle geschaffen hat. Mit Panzerherz will aber Nesbø auch gleich mehrere seiner Figuren gleichsetzen, die, die so von Hass erfüllt sind, dass sie jedwede menschliche Regung in Richtung auf ihr Herz oder davon weg, nicht zulassen. Doch diesen Zustand zeichnet Nesbø so radikal zweidimensional, dass seine Figuren eher Märchengeschöpfen denn Gestalten der Kriminalliteratur ähneln.

Jo Nesbøs trockener Humor blitzt nur in den ersten 50 Seiten auf, dann verschwindet er auf Kosten einer perfekt durchkonstruierten Maschinerie. Auch die Lässigkeit, Beiläufigkeit, Natürlichkeit, mit der es Nesbø normalerweise menscheln lässt - hier in „Leopard“ liegt Harrys Vater im Sterben - gerät ihm nach spätestens der Hälfte des Buches aus dem Blickwinkel. Gerade mal noch ein Satz, ein Anruf irgendwo nach Seite 600, informiert über das endgültige Ableben des Vaters. Zu dem Zeitpunkt allerdings hat Harry seinen eigenen Kopf mal wieder blutig aus der Schlinge gezogen und muss die Köpfe der Nahestehenden noch retten, die nicht sowieso schon in ihren letzten Atemzügen im Krankenhausbett dahinvegetieren. Klar, wie soll ein norwegisches Krankenhausbett mit afrikanischen Vulkankratern, Kindersoldaten und Großkaliber-(Menschen-)Jagdgewehren konkurrieren?

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Besprochene Ausgabe: Ullstein  |  2010  |  704 Seiten  |  Festeinband*  |  € 21,95

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