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Jimmy Beaulieu - Am Ende des Tages: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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- Am Ende des Tages

(2014) - Orig.: NON-AVENTURES planches à la première personne (2013), französisch
Der alltägliche Kampf
Als "Nicht-Abenteuer" - so im Originaltitel - fasst Kanadier Jimmy Beaulieu seine sehr privaten und ehrlichen autobiografischen Graphic-Novel-Arbeiten der letzten Jahre zusammen, in einen 300-seitigen Band.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 02.07.2014
Jimmy Beaulieu - Am Ende des Tages
Zoom Jimmy Beaulieu - Am Ende des Tages

Die Franzosen, die Belgier, und eben auch die Nachfahren der einst ausgewanderten, die Kanadier, haben ein unverkrampfteres Verhältnis zu Begehren und Erotik in ihren Comics oder Novels, denkt man. Jein. Ausgerechnet Jimmy Beaulieu, er, der seiner Begierde nach dem weiblichen Geschlecht wie kaum ein anderer in wenigen Bleistiftstrichen Ausdruck verleihen kann, hadert in seinen autobiografischen Arbeiten mit seinem Tun, gedanklich und in Diskussionen mit seiner Freundin. Sie brächten nur Männerphantasien zu Papier, müssen sich er und viele Zeichnerkollegen ja immer wieder vorwerfen lassen. Beaulieu verteidigt wohltuend die erotische Anziehungskraft zwischen den Geschlechtern oder im Gleichgeschlechtlichen, und trennt dabei sauber ab zu Machismo oder falsch verstandenem Feminismus. Die faszinierenden Bilder und Paneele hierzu gibt es freilich auch in "Am Ende des Tages", doch nicht nur ...

Es ist auch ein Buch über die beiden Städte Québec und Montreal. Erstere eher beschaulich und geschichtsträchtig, Montreal hingegen die echte, schnelle, kalte Großstadt. Alle Freunde des Québecers Jimmy - so scheint ihm - ziehen Ende der Neunziger nach Montreal. So macht er auch zögerlich den Schritt 1998, bleibt jedoch trotz der großen Entfernung zwischen den Städten der Québecers Comic-Szene und seiner Familie eng verbunden. Dies sind die beiden örtlichen Pole, zwischen denen Kapitel und Geschichtlein im Band changieren. Dann gibt es die zeitlichen: Vor und nach seinem Umzug, Kindheit, Jugend und ein melancholisch-versöhnlicher abschließender Blick auf die Gegenwart wechseln sich ab.

Im Film, erklärt Jimmy in der Kneipe einem Freund, seien die Figuren doch möglichst "larger than life" gehalten. Er wolle in seinen Arbeiten genau das Gegenteil praktizieren: zeigen, dass unser Leben "verdammt nochmal groß genug ist." Und dieses Versprechen hält er in "Am Ende des Tages" größtenteils ein. Da hadert Jimmy mit dem Prekären in der Kunst, sich von Job zu Job hangelnd, immer von der Hand in den Mund lebend - gar nicht mehr so ein banales Thema, wenn es später ums Thema Kinderkriegen mit der dann langjährigen Freundin Melissa geht. Er beschreibt die anfangs bescheidenen Erfolge des von ihm gegründeten Verlages mécanique générale - sic! Jimmy 's Vater betreibt eine Autowerkstatt - und die Genugtuung in seinen Dreißigern über die endlich entstandene eigenständige Québecer Comic-Szene mit ihren vielen Nachwuchstalenten.

Es ist durchaus nicht alles Gold im Band. Es gibt auch ellenlange Philosopheleien, die über zeichnerisch anspruchslose Bilder gelegt sind, das Lettering einfach stumpf in einem Rechteck darüber. Wenn er sich da etwa über bestimmte Popmusiker auslässt, ist das ziemlich fürn Arsch, wenn der Leser nicht selber genau auf diese steht.
Die chronologische Unordnung ist gewöhnungsbedürftig. Sie ist ja nicht geplant entstanden. Was in "Am Ende des Tages" als "Kapitel" daherkommt, sind Arbeiten, die über ein Jahrzehnt hinweg entstanden, ergänzt durch 60 Seiten neues Material. Diese Veröffentlichungen sind mitenthalten: Quelques Pelures, Résine de synthèse und Le moral des troupes.
Das DIN-A5-Format ist haptisch toll, birgt spätestens für den über vierzigjährigen Leser aber leider auch einen Nachteil: Wenn die Paneele in sehr kleine Bilder unterteilt sind, ist das Feinziselierte nur noch mit der Lupe zu erkennen. Das ist schade für Jimmy Beaulieu 's Kunst.
Aber das ist alles Meckern auf hohem Niveau und vergessen, wenn sich Jimmy ganzseitig über das intensive nur etwa viermonatige Balkon-Leben der Montrealer auslässt. Da sind die Geländer geschwungen und natürlich ... seine Bleistiftkurven der Frauen!

>>> Mehr Bücher Allgemeine Literatur ...

Besprochene Ausgabe: Schreiber & Leser  |  2014  |  352 Seiten  |  Broschur*  |  € 24,80

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