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 23.05.2012         Jim Thompson - Jetzt und auf Erden: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Jim Thompson - Jetzt und auf Erden: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Jetzt und auf Erden

(2011) - Orig.: Now and on Earth (1942), engl.
Kampfschreiben
Nach Jahrzehnten erbarmt sich der Heyne-Verlag, von Jim Thompson, einem der ehrlichsten US-amerikanischen Literaten, wieder was zu verlegen: "Jetzt und auf Erden" ist bohrendes Zeugnis des Unterschichtlebens in den 1930er- und 40er-Jahren und eines Mannes, der mit der Dumpfheit seiner eigenen Familie kämpft. Thompson 's Autobiografie "Bad Boy" hingegen wird derzeit zu Deutsch für 40 Euro gehandelt.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 16.08.2011

Auch der Erstlings-Roman "Jetzt und auf Erden" - Thompson veröffentlichte Stories seit seinem fünfzehnten Lebensjahr - ist zu großen Teilen autobiografisch. Man muss, um das beim Lesen zu merken, vorher gar nicht mal die Eckdaten seines Lebens angeschaut haben. Das, was da beschrieben wird, ist so fiebrig und voller Intensität, dass man den feinen Unterschied merkt: Dieser Autor hat gelebt, hat einiges durchgelebt. Er dringt unter die Oberfläche von Dingen, die er genau kennt und sich nicht ausgedacht hat. Dabei verliert er in dieser Geschichte um die Kämpfe eines Mannes, der eigentlich schreiben will, sich aber im beengten Zuhause mit zwei Schwestern, Mutter und eigener Familie abmühen muss, nie den Respekt vor den Figuren, die ihm das Leben schwer machen. Eigentlich auch eine Liebesgeschichte, um die zwischen Schreiber 'Dilly' und seiner etwas naiven Ehefrau 'Roberta'. Zudem genüßliche Bestandsaufnahme von dem, was Karl Marx Entfremdete Arbeit nennen würde: Dilly jobbt in einer Flugzeugfabrik und Sticheleien und Mobbing im "normalen" Arbeitsleben sind eigentlich schlimmer, als das, was an einer Kriegsfront abgeht.

Cola und Opiumtinktur mit Kampfer wird schon mal gerne am Drugstore-Tresen getrunken anstelle des verbotenen Alkohols, in den Rückblicken, die Dilly auf die Zwanziger- und Dreißiger Jahre wirft, seiner eigenen Kindheit und Jugend. Das macht immer wieder schmunzeln, dass Opium zu jener Zeit, übrigens auch in Deutschland, Volksdroge Nummer Eins war, so wie vielleicht heute Aspirin. Einen Höllentrip erleben allerdings Dilly und seine Geschwister, nachdem die Mutter aus Verzweiflung den hungernden Rotznasen unwissentlich ein stark opiumhaltiges "Beruhigungsmittel" verabreicht. Das hatte ihr der Apotheker kurz vorher geschenkt, um die nervige Bande schnell aus seinem Laden rauszukriegen.
Es sind zudem Einsprenksel wie um das zerbrochene Malzmilchpulverglas, die das Leben der Familie von der Hand in den Mund, stets am Rande des Nervenzusammenbruchs, plastisch machen: auf dem Nachhauseweg, bedrängt von einer Bande Jugendlicher, zerbricht dieser einzige Einkauf in der Tüte. Auf dem Küchenboden wird das Pulver von allen Kindern von den Scherben befreit und wieder eingesammelt.

In der Haupterzählzeit ist Dilly erwachsen und hat selber drei Kinder mit Roberta. Da vermischen sich Absurdität und Hässlichkeit in den Dialogen, aus denen aus dem Nichts heraus häuslicher Streit entsteht. Dilly erträgt in seiner Gutmütigkeit die eigene Überforderung durch seine Rolle als Ernährer für eine ganze Großfamilie sowie die seiner Ehefrau, die zum Großteil aus der Kindererziehung resultiert, und gar nicht mal so sehr durch die Armut erzeugt ist. Den Eigenarten und Störrigkeiten der Kids 'Jo', 'Mack' und von Teufelsbraten 'Shannon' widmet Jim Thompson viel Raum. "Jetzt und auf Erden" beleuchtet genau dieses Spannungsfeld zwischen völliger Abgenervtheit von der kindlichen Anarchie und der Liebe und dem Verständnis, die der Mensch doch natürlicherweise dafür aufbringt.

Beim Sittengemälde der Kollegen in der Fabrik spürt man, dass Jim Thompson gerne alles in noch viel derbere Worte fassen würde, spürt, dass er sich zügeln muss, dass die sich fäkalere Sachen um die Ohren hauen, als es Thompson wagt, abdrucken zu lassen. Aber freilich ist es die Sicht von Dilly, dem Schreiber, der den Job verachtet, und nachts versucht, teils auf der Toilette, von seiner Familie in Ruhe gelassen zu werden und wieder eine Story auf der Schreibmaschine zu Papier zu bringen. Die Einsicht in seine Lebewelt macht frösteln; der Humor, den er in der Verzweiflung bewahrt, macht den Helden sympathisch. Seine Zerrissenheit zwischen Familienzwängen und Selbstbestimmung ist eine zeitlose - nur die Zahl der Familienmitglieder unter einem Dach variiert von Zeitalter zu Zeitalter ...

Besprochene Ausgabe: Heyne Hardcore | 2011 | 356 Seiten | Broschur* | € 9,99


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
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