Jeff Somers liefert einen robusten Cyberpunk-Thriller mit viel Hardboiled-Elementen. Die Szenerie könnte typischer nicht sein: ein marodes, fast nur noch aus Abbruchhäusern bestehendes New York, das sich längst als Moloch zu einem Stadt-Konglomerat über die ganze Ostküste ausgebreitet hat. Man zahlt in Yen, wie schon seit 30 Jahren in den Thrillern dieses Genres; das sollte mal auf chinesische Yuan geändert werden - das würde aktueller klingen. Der Kapitalismus ist weit über das hinausgeschossen, was sich gegenwärtig Turbo schimpft. Der Mittelstand ist komplett verpufft. Reiche soll es geben. Wie und wo die leben sollen lässt Jeff Somers im Nebulösen. Ebenso von woher überhaupt noch Wertschöpfung kommen soll. Doch das sind die Macken, die dem Cyberpunker grundsätzlich egal sind, denn es kommt drauf an, den Boden zu bilden für die typische Staffage aus abgerockten Underground-Kneipen, schlechtem Fusel, leicht aufwiegelbaren Underdogs, schnell gezückten Messern und Pistolen, und prekären Brotjobs, die mit Hehlen, Dealen, Vermöbeln, Auftragstötung, kybernetischer Aufrüstung oder sonstigen streng illegalen Computeraktivitäten zu tun haben. Das alles bietet auch Somers in anfangs geradezu eindimensionaler Manier mit noch dazu sehr abgegriffener Hardboiled-Sprache. Doch dranbleiben! „Der Elektronische Mönch“ wird noch zeigen, wo der Hammer hängt.
'Avery Cates' ist 27 Jahre alt und hat als Auftragskiller längst seinen Lebens-Zenit überschritten. Sein dubioser Mentor und neuer Auftraggeber 'Marin' rechnet ihm vor, dass er statistisch höchstens noch drei Jahre leben wird; und bietet ihm sagenhaften Reichtum und Immunität an. Cates schart eine bunte Truppe um sich und säuft und schießt sich bis zum Hauptquartier der EK, der Elektronischen Kirche in London vor. Schon lange gab es Gerüchte, dass die ihre Schäfchen nicht ganz freiwillig ins Korral holt. Die Wirklichkeit ist haarsträubend; an dieser Stelle soll nur in etwa verraten werden wie. Vom Konvertiten bleibt nur das Gehirn übrig, das in einen Cyborg-Körper implantiert wird. Diese Elektronischen Mönche stehen anfangs harmlos an Ecken rum und labern Leute voll. Dass sie unter ihren Kutten wahre Kampfmaschinen sind, wird sich später rausstellen. Ebenso, dass es mit ihrem freien Willen nicht mehr weit her ist...
Jeff Somers bezog seine Grundidee vom Kollegen Douglas Adams, wie er in einem Interview beschreibt. Adams' elektrischer Mönch ist noch ein simple Maschine, deren Funktion darin besteht, beliebige Dinge zu glauben - „für Leute, die dazu selbst einfach zu faul sind.“ Somers entwickelt etwas weit Schrecklicheres.
Im Inneren eines jeden Mönchs befand sich ein echter, lebender Mensch, der unablässig digitale Schreie ausstieß, lautlos und ohne eine Mund.
Mit Wucht schlägt da etwas Monströses ein. Nicht an der Frage, ob das menschliche Gehirn samt seiner Seele digitalisiert werden kann, hängt sich Somers auf. Vielmehr entzieht er sich ihr, und macht eine Rechnung auf, wie man das Individuum als praktische, schon vorhandene und sehr leistungsfähige, erweiterte Hardware benutzen kann. Den eigenen Willen dabei unterdrückt durch „Verhaltens-Chips“, eine Art digitale Zwangsjacke. Eine Versklavung perfidester Perfektion, mit garantiertem Wahnsinn, wenn man das bewußtseinsüberlagernde Korsett jemals wieder abnehmen würde. Die Radikalität von Somers' Konzept, das düster und simpel mechanistisch gehalten ist, schlägt umso frappierender als Metapher ein, für die subtilere Steuerung der Massen im Vergangenen, Gegenwärtigen und höchstwahrscheinlich im Zukünftigen.
Doch es gibt Hoffnung; Avery Cates, der Mann mit der geringen Lebenserwartung wird dafür umso schneller leben und für uns weiterkämpfen, in „The Digital Plague“ - bestimmt bald auch auf deutsch. Denn gegenüber einem der übermächtigen, verhassten SystemDienst-Cops stellt er gegen Ende unzweideutig klar, dass er unser neuer Robin Hood werden will:
Erzähl's ihnen! Erzähl dem ganzen Scheiß-SSD, dass Avery Cates jetzt endgültig durchgeknallt ist! Sag ihnen, ich werde diese Welt auseinandernehmen, Stein für Stein, Cop für Cop.
Darauf einen Gin, ein „Fusel einer hochkonzentrierten Säure gleich“, er lebe trotzdem hoch und lange!
Besprochene Ausgabe: Bastei-Lübbe | 2010 | 463 Seiten | Broschur* | € 8,99
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
2. Jeff Somers: Der Elektronische Mönch (2010) - Orig.: The Electric Church (2007), engl.
4. Charles Stross: Glashaus (2008) - Orig.: Glasshouse (2006), engl.
Ernest Cline:
Ready Player One
Crown, Festeinband
John M. Cusick:
Girl Parts - Auf Liebe programmiert
Baumhaus, Festeinband
Charles Stross:
Rule 34
Ace, Festeinband
Ben Tripp:
Infektion
Heyne, Broschur
Thomas Thiemeyer:
Das verbotene Eden - David und Juna
Pan, Festeinband
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