Das Mingle-Mangle aus dem Hardboiled-Duktus der Detektivromane und den gar nicht so fern wirkenden Cyberpunk-Gimmicks einer desolaten Lebewelt macht die bisherigen drei zu Deutsch erschienenen Bücher von Jeff Somers zu mitreißenden. Der zeitlebens im Staat New Jersey Sesshafte verhehlt nicht die Verwandschaft der beiden Genres. Vielleicht war die Cyberpunk-Gattung immer jene, die innerhalb der gesamten Science-Fiction-Literatur am engsten an den Noir-Krimi erinnerte. Mit seinem Held Avery Cates treibt es Somers überpointiert fast auf den völligen Grad an Konvergenz. Da ist der ständige Überdruss an der Welt und dem Mensch an sich, ein einsames Hochhalten einer Flagge von Rest-Moral, das Mißtrauen und das damit verbundene Einzelgängertum - der lone wolf -, wenig Vertrauen in den Apparat, seien es Staat oder Berufskollegen sowie, mal mehr, mal weniger, eine Portion Fatalismus und nicht zuletzt schlechte Manieren.
In "Das Ewige Gefängnis" nun, kommt hinzu: Avery Cates ist alt geworden. So trifft Fatalismus und Abgebrühtheit umso mehr zu. Er betont sehr oft, dass er mittlerweile alt sei. Vielleicht würde es im wirklichen Leben ein alternder Mensch nicht so oft betonen. Doch Cates sei es verziehen, denn aus seinem hingeworfenen "Ich bin ein alter Mann" spricht sein ganzer Überdruss gegenüber dem, in was er immer wieder heineinschlittert, seit Kindheit an, unausweichlich. Er ist ein Hinfortgezogener, dem das Schicksal nicht viel Freiraum zu bieten scheint. Seine Aufgabe scheint Rettung und Verderbnis gleichermaßen. Darauf hat er keine Lust mehr - und so ist die Kapitelüberschrift "Ich wusste gar nicht, ob ich überhaupt Widerstand leisten wollte" im Angesicht seiner Festnahme eine typische. Beim jungen Cates aus den beiden Vorgänger-Bänden hätte diese Frage nicht existiert ...
Da sind wir bei der Frage: Taugt der Band zum Quereinstieg? Man kann das machen, wenn man kein Buch zum Wegschlingen in zwei Nächten sucht. Als Erstleser wird man geduldig auf Erklärungen zwischen den Zeilen zur Vergangenheit von Cates und seiner Welt warten müssen. Da kann man auch schon mal 300 Seiten lang warten. Es würde also ein gewisser Anspruch bestehen - der ja aber durchaus den Reiz, die Spannung, erhöhen kann.
Tatsächlich sitzt Avery Cates in einem der Erzählstränge im Knast. Er weiß nur, dass das ist, weil er "Person von besonderem Interesse" ist. Warum und für wen er das ist, bleibt lange offen, und ist ein Faktor, der den Leser reizt. In sich damit abwechselnden Kapiteln kriegt Cates von einer der führenden militanten Fraktionen auf einer Erde mit durch die Digitale Seuche (Band 2) arg dezimierten Menschheit den anscheinend ultimativen Auftrag. Er soll Bösewicht 'Marin' endgültig vernichten. Der ist längst zu einer endlosköpfigen Hydra geworden: Selbst nur noch als schwer verbunkerter virtuell-digitalisiert Lebender, schickt er sich an, seinen gesamten - bisher noch rein fleischlichen - Exekutivapparat in willfährige Avatare zu verwandeln. So sind auch die nordamerikanischen Cops des "System-Sicherheits-Dienstes" SSD von ihrer Auslöschung als Individuen bedroht. Eine lehnt sich dagegen auf - und da ist sie, die zum Hardboiled dazu gehörende Femme Fatale: Captain 'Krajian'. Da kann Jeff Somers aufblühen und all der Hoffnungslosigkeit, die sein derbstest zerstörtes New York ausstrahlt, eine gewisse Verheißung entgegensetzen: "Dann umspielte ein fast schon krampfartiges Zucken ihre Mundwinkel. Ich kam zu dem Schluss, das müsse ein Lächeln sein. Es war exakt so herzlos, wie ich mir das gedacht hatte." Dazu trägt die Bulette einen purpurroten Nadelstreifenanzug und einen perfekt auf ihre Figur zugeschnittenen langen Mantel. Okay - wir sind in der Zukunft und im Cyberpunk: Sie hat auch noch eine technische Erweiterung in einem Auge und auf dem anderen eine Augenklappe. Es macht Spaß, solche Landmarken des Genres sprachmächtig von Somers immer wieder um die Ohren zu kriegen. Doch auch ein mit dem Dampfhammer gentrifiziertes Manhattan und das Aussehen der allgegenwärtigen totalüberwachenden Polizisten sind so lebhaft - die Gebäude so lebhaft leblos - beschrieben, dass man sich sofort eine Kinoverfilmung wünscht. Er beherrscht die kritische Beiläufigkeit, die etwa einer radikalisierten Literatin wie Margaret Atwood abhanden gekommen ist, wenn er Cates eines der Schilder betrachten lässt, auf denen die sich immer noch nobel gebenden Restaurants im zerstörten Downtown ihre Lieferengpässe kundtun. Eines kann nicht mehr mit frischem Gemüse dienen. Cates: "[Ich] versuchte mich zu erinnern, ob ich jemals in meinem Leben frisches Gemüse gegessen hatte. Ich glaubte nicht."
Wie jeder Hardboiled-Literat beherrscht Somers freilich das Einkleiden von Brutalität in Poesie, wenn der Leichnam eines gerade Erschossenen "in einer Bewegung, die den seltsamen Anschein von Erleichterung erweckte, in die Pfütze zurück" sackt. Und immer wieder sind es die elegant eingeflochtenen Gedankengänge dieses etwas naiven und gleichzeitig cleveren und desillusionierten Killers, die faszinieren. Schalk ist er gleichfalls ständig: Eine ganzkörpertätowierte Mitinsassin im Knast ist für ihn gedanklich das Illustrierte Mädchen.
Besprochene Ausgabe: Bastei-Lübbe | 2011 | 541 Seiten | Broschur* | € 8,99
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1. Ernest Cline: Ready Player One (2011), engl.
3. Jeff Somers: Das Ewige Gefängnis (2011) - Orig.: The Eternal Prison (2009), engl.
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