Auf den ersten Seiten hat man den Eindruck, von einem sprachgewandten, tollen neuen Autor durch die Hintertür in einen aufwühlenden Roman geführt zu werden. Wie oft bei den Neulingen trübt sich das Vergnügen etwas im Fortlauf. Jeff Carlson verliert die Puste - nicht den Verlauf der Ereignisse betreffend, aber doch in sprachlicher Hintergründigkeit und dem raffinierten Weben von Atmosphäre. Kalt, wie die lebensfeindliche Umgebung seiner letzten Überlebenden, bleiben dabei auch seine zu Anfang hoffnungsvoll eingeführten Figuren. Das soll den Endzeit-Begeisterten nicht von diesem Buch abhalten. Wichtig sind die Thematik allemal und der Eifer, mit der Carlson sie behandelt.
So gibt es eine schöne Ambivalenz in den Ausführungen des 1969 in Kalifornien geborenen Carlson - einem wahren Blumenkind also - zu seiner Heimat, wo er auch seine Story angesiedelt hat. Richtig ahnt man, dass Carlson seine Zeit als Ski-Bum hinter sich hat. Das sind die kalifornischen Jungs und Mädels, die, einen Abschnitt ihres Lebens von der Hand in den Mund lebend, ganze halbe Jahre in den Bergen der Sierra Nevada verbringen, um ihren Passionen Skifahren oder Boarden nachzugehen, abends zu feiern und zu lieben. Man muss sich dieses Land vorstellen: Von den Traumstränden sind es nur wenige 100 Meilen bis auf einen 3000er! Die Alten unter uns erinnern sich noch an die Olympischen Winterspiele in Squaw Valley. Was für ein Name, was für eine Geschichte hinter diesem Namen! Jeff Carlson 's „Nano“s erster Satz ist: „Jorgensen war der Erste, den sie aßen.“ Nein, gemeint sind nicht die Nanoroboter, was schon eklig genug wäre - nein: Die Gruppe Menschen, die oberhalb einer Skistation vor sich hin vegetiert, aß Jorgensen.
Schnell war den flüchtenden Massen klar, dass die 'Maschinenseuche' nur vor dem niedrigeren Druck in Höhen ab 3.000 Meter halt macht. Das Essen gibt es weiter unten und so müssen sich die Versprengten ab und zu, geschützt nur durch Handschuhe und Ski-Brillen, auf den Weg machen, um aus Feriensiedlungen oder Lift-Stationen etwas zu besorgen. Mit blutenden Eingeweiden und angeätzter Haut kommen sie wieder nach oben, halbtot, eventuell regenerieren sie sich wieder. In ihren grob gezimmerten Hütten rücken sie eng aneinander und so kommt es zwar zu so etwas wie Liebe, aber auch zu den derbsten Gewaltausbrüchen, die Verzweiflung und Enge hervorbringen können. Einen weiteren Winter würde keiner der Gruppe überleben...
Einen weiteren Strang seiner Geschichte siedelt Carlson zwei Länder weiter östlich an, in Colorado. Durch dieses Land führt die Amerikanische Kontinentalscheide: Die Berge sind noch höher, bis über 4.000 Meter. Hier gibt es ein Städtchen namens Leadville, das zu Goldgräberzeiten - zu finden war hier allerdings Silber - schon mal über 100.000 Einwohner hatte, die danach aber wieder auf 3.000 schrumpften. Immerhin darf es sich Höchste Stadt der USA nennen. In „Nano“ wird es zu so etwas wie der neuen Hauptstadt des Flickenteppichs USA, in dem sich Bewohner nur noch auf den Inseln in über 3.000 Meter Höhe finden und über Funk in Kontakt stehen. Von hier aus treibt die Regierung nicht nur die Erforschung der Ursachen der Maschinenseuche voran und schickt Aufklärungskommandos in ehemalige Nanotechnik-Labors in den Ebenen, sondern hat auch weltpolitische Dinge am Hacken: Friedlich bleiben die anderen Nationen, die große hochgelegene Gebiete besitzen auch in dieser Notsituation nicht. Man muss sich zum Beispiel entscheiden auf welcher Seite man im Konflikt zwischen China und Indien stehen will...
Das ist gewagt, dass Carlson auch noch ein Welt-Konfliktszenario mit in den Roman einbringt. Er scheitert dabei auch, es ist zuviel des Guten. Doch noch störender ist, dass er in keinster Weise den Wissensdurst des Lesers zum Thema Nanotechnologie befriedigt. Das ist ja etwas, das man lange Zeit mit Science Fiction assoziierte, was aber schon seit Jahrzehnten - mehr oder weniger unspektakulär - real vorangetrieben wird. Wie kann so etwas annähernd funktionieren, wie könnte ein Literat einem eine kleine laien-wissenschaftliche Einführung dazu geben? Carlson versucht es leider erst gar nicht. Bis auf das negative Szenario, den die Technologie bei ihm auslöst, erfährt man leider nichts. Eigentlich kommt das 'Science' in seiner 'Fiction' nicht vor. Das ist auch nicht zwingend in der SF, sie ist ein weites Feld, aber bei Carlson 's Thematik muss das etwas schal wirken.
Jeff Carlson hat Talent. Es ist zu hoffen, dass dieser roh geschliffene Stein noch kräftig an sich selber feilt.
Besprochene Ausgabe: Piper | 2008
Twittern
1. Ben Tripp: Infektion (2011) - Orig.: Rise again (2010), engl.
2. J. L. Bourne: Tagebuch der Apokalypse (2010) - Orig.: Day by day Armageddon (2009), engl.
3. Caragh O'Brien: Die Stadt der verschwundenen Kinder (2011) - Orig.: Birthmarked (2010), engl.
Markus Stromiedel:
Die Kuppel
Droemer, Broschur
John Ringo:
Planetenkrieg – Feindliche Übernahme
Heyne, Broschur
Ian Whates:
Geisterjagd
Heyne, Broschur
Ernest Cline:
Ready Player One
Crown, Festeinband
John M. Cusick:
Girl Parts - Auf Liebe programmiert
Baumhaus, Festeinband
sf magazin lebt von Werbung. Sie haben keine Berechtigung, diese Site mit eingeschaltetem Ad-Blocker (Werbeblocker) zu surfen!
>>> Mehr Info ...