Jedediah Berry - Handbuch für Detektive: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Handbuch für Detektive

(2010) - Orig.: The Manual of Detection (2009), engl.
Charmelos mit Schirm
In Jedediah Berry 's Groteske nimmt Detektiv 'Mr. Unfun' das Innere eines namenlosen Geheimdienstes auseinander, vor surrealer Kulisse.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 21.08.2010

Buch-Klappen und angelsächsische Kritiken überschlagen sich mit Name-Dropping. Man hätte es ahnen können und fällt doch immer wieder drauf rein. Da fallen die Namen Lewis Carroll, Philip K. Dick, Jorge Luis Borges, Ray Bradbury, gar Kafka. Andere nennen Chandler und Douglas Adams, Filmemacher Terry Gilliam oder David Lynch, sogar Paul Auster wird eingeworfen oder der Ire Flann O'Brien. In Jedediah Berry 's namenloser „Agentur“ gibt es die Wächter (sie wachen über einen Detektiv), die Detektive (sie haben einen Schreiber), die Schreiber und Schreiber-Assistenten. Die ebenso namenlose Stadt ähnelt einem New York zu Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts. Mit einer altmodischen Detektivgeschichte in Steam-Punk-Atmosphäre werden wir gelockt. Und tatsächlich halten die formalen, atmosphärischen und inhaltlichen Zitate „Handbuch für Detektive“ über etwa das erste Viertel leidlich am Leben, um sehr schnell Versandung Platz zu machen in einer traumsequenz-geschwängerten, ereignislosen Allegorie auf das reale US-amerikanische Trauma 9/11.

Held 'Mr. Unfun' war 25 Jahre lang Schreiber und hat den von ihm betreuten Detektiv nie zu Gesicht bekommen. Denn es herrscht übersteigerte Hierarchieausformung in der Agentur. Alle Kommunikation erfolgt schriftlich und wird von Boten überbracht; Telefonieren ist verpönt. Eine Hand weiß nicht, was die andere tut, will uns Jedediah Berry wohl hiermit sagen, wobei die Schilderungen der Arbeitswelt Mr. Unfun's, der ungewollt zum Detektiv aufsteigen wird, nie sonderlich originell wirken. Auch schafft es Berry nicht, im Kaleidoskop seiner schrägen Figuren diese einzeln wirklich zu fokussieren. Da werden die unvermeidlichen Vamps, die zur Hardboiled-Detektivgeschichte dazugehören, eher zu Hausfrauen und selbst jegliche angedeutete erotische Spannung zu Assistentin „Emily Doppel“ verfrachtet Berry lieber schnell in den Kühlschrank. Die als hart angekündigten Burschen in der Kaschemme „Das letzte Nickerchen“ entpuppen sich als intellektuelle Weicheier, die beim Poker mit Unfun nicht etwa um das Abhacken von Gliedmaßen spielen, sondern um die jeweilige Berechtigung des Gewinners den anderen in der Runde eine Frage stellen zu dürfen, die diese Gauner (?) dann auch wahrheitsgemäß beantworten müssen. Angst ist anders und kann auch nicht mehr mit den Haupt-Gaunern des nichtreisenden Wanderzirkuses erzeugt werden, die sich in die Träume der Bevölkerung einhacken können und zukünftige Ereignisse beeinflussen können.

Berry 's Steam-Punk-Szenerie bleibt zu ungenau und verschwommen, denn sowas kann man nur durch nette Details beleben. Die ewigen Beschreibungen der Fortbewegung in Autos, Kutschen, Dampflastern, Fahrrädern von A nach B, die Running Gags um Mr. Unfun's Haupt-Accessoir Schirm und seine immer nassen Socken langweilen.

Berry versucht's noch mit Anspielungen auf die realen Geheimdienstverhältnisse mit Unfun's Gegenspieler 'Detective Screed' aus der eigenen Agentur und auf Sicherheitshysterie während Terror- oder Kriegszeiten. So lesen wir im namengebenden Handbuch für Detektive, Kapitel 7:

Diejenigen, die Ihnen am nächsten stehen, diejenigen, denen Sie Ihre innersten Gedanken und Überlegungen anvertrauen, sind auch die Gefährlichsten. Wenn Sie es versäumen, sie als Gegner zu behandeln, dann werden sie ganz gewiss zu Ihren schlimmsten Feinden werden. Lügen Sie sie an, wenn es sein muss, behalten Sie so viel wie möglich für sich, und suchen Sie keine Vertrautheit, sofern es der Sache Ihres Falles nicht dienlich ist.

Für „Handbuch für Detektive“ wird das zur Self-fulfilling Prophecy, es wird nicht mit seinem Leser warm werden. Von Berufs wegen Lektor, scheint Jedediah Berry sehr viele Autoren zu kennen und viele davon zu stark zu bewundern. Zu wenig löst er sich von dieser Bewunderung, um eine eigene Könnerschaft zu entwickeln.

Besprochene Ausgabe: C. H. Beck | 2010 | 368 Seiten | Festeinband* | € 19,95
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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