"Im Király-Bad" ist mit seinen 120 Seiten ganz schön vollgepackt. Held 'Gabriel', 30, irgendwie aus Ungarn stämmig, in Frankreich aufgewachsen und jetzt in London lebend, reist zweimal während der Erzählspanne des Buches nach Ungarn, einmal beruflich, das zweite Mal, um etwas über seine Großeltern rauszufinden. Seine Freundin ist schwanger. Sie verlässt ihn. Er macht sich Gedanken wie "In welcher Sprache soll ich nur mein künftiges Kind erziehen?" Alle durchgeknallt? Ziemlich, aber Jean Mattern will uns trifftige Gründe für ihr Verhalten auftischen. Das gelingt ihm nur äußerst leidlich.
Mattern 's Held hat gleich ein Doppel-Problem. Er schlägt sich mit Herkunft und mit Verdrängung innerhalb seiner Familie rum. Seine Schwester starb bei einem Autounfall als er noch ein Junge war. Mit deren Beerdigung stirbt auch jedes Wort über sie in der Familie. Warum die Eltern von Ungarn nach Frankreich zogen, erfährt man nicht. Da sie Juden sind, lässt uns Mattern zeit des Romans spekulieren, wird aber keine Antwort liefern. Ärgerlich. Doch Mattern will eben mit aller Gewalt seine Kunstfiguren aufbauen. Die Eltern sprechen nur hinter dem Rücken der Kinder ungarisch, ansonsten wird Kind Gabriel nur diffuses kulinarisches Wissen aus deren Heimat zuteil. Es lernt, nicht zu hinterfragen. Als Gabriel schließlich als Erwachsener per Telefon aus London nach der Schwester zu fragen wagt, legt die Mutter auf.
Gabriel versucht sich gegen das erste Problem Herkunft zu wehren. Vom Kopf her würde er gern einer Rede nach dem Motto "Mein Abscheu gegen die Mode, unserern Wurzeln übergroße Bedeutung beizumessen - als ob wir Pflanzen wären" folgen. Doch der Zug scheint für ihn abgefahren. Das Schweigen der Eltern hat sich auf ihn übertragen und als er tatsächlich vielversprechende Kontakte in Ungarn hat, bricht er die Reise ab.
Die Schwester von Gabriels Freund 'Leo' starb ebenfalls in der Kindheit. Bei Leo konstruiert Mattern ein Schuldgefühl bezüglich ihrem Tod, obwohl er noch ein Bub war. Sie ahnen es: Leo ist der Einzige, mit dem Gabriel gut kann. Seine schwangere Freundin dagegen und der Gedanke an von ihm gezeugtes Leben sind ihm unerträglich...
So wie sich Gabriel, von Beruf Übersetzer, über Thomas Manns schwierig ins Französische zu übertragende "mäandrierende Sätze" beschwert, mäandriert auch Matterns Roman, freilich ohne Manns Meisterschaft. "Im Király-Bad" bleibt unklar, wie durch Gaze betrachtet, ohne dass dies stilistischen Reiz hätte. Die einzige Erleichterung, die uns Mattern verschafft, ist, dass er nicht zu vertreten scheint, dass krampfhafte Suche nach Verortung und Geschichte der Ahnen das Leben eines eigenständigen Individuums beeinträchtigen sollte. Doch auch der Aspekt der seit 20 Jahren toten Schwester wirkt vorgeschoben, für die Figur Gabriel, die plötzlich nicht mehr klar kommt und nicht mehr lieben kann. Abstrakt, absurd, unverständlich. Vielleicht war es Mattern 's Absicht, seine Figuren als übersteigerte Archetypen zu stilisieren. Doch dem Roman fehlen dazu die formalen Kennzeichen. Er ist bierernst, kein bisschen grotesk, ironisch oder surreal.
Die eher novellenartige Länge funktioniert nicht mit dem Pensum an Facetten, die sich Jean Mattern aufgebürdet hat. Er schafft nicht, über die Dinge, die er in der Schwebe lässt, durch Ungeklärtes und offene Geheimnisse, Faszination aufzubauen. Seine Figuren sehen wir nur wie durch Lamellen einer Jalousie. Sehr schräg gestellte.
Besprochene Ausgabe: Insel | 2010 | 124 Seiten | Festeinband* | € 16,80
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