Javier Marías - Dein Gesicht morgen - 3 Gift und Schatten und Abschied: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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Javier Marías Dein Gesicht morgen - 3 Gift und Schatten und Abschied

Javier Marías - Dein Gesicht morgen - 3 Gift und Schatten und Abschied (2010) - Orig.: Tu rostro manaña, 3 Veneno y sombra y adíos (2007), spanisch

Der harmlose Hilfs-Agent
Javier Marías erfasst das unterschiedliche Wesen von Moral zu Kriegs- und Bürgerkriegs- und Friedenszeiten mit Hilfe seiner Figur, dem Spion 'Jaime Deza', der in der Gegenwart in die Schatten im Vergangenen seiner älteren Mitstreiter hineinleuchtet.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 16.03.2010
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Info-Dumping: Ja, man kann, selbst wenn man seit den Neunzigern, den Zeiten des Marías-Hypes, nichts mehr von ihm gelesen hat, quer einsteigen in „Dein Gesicht morgen“, das eigentlich ein auf drei Bücher gesplitteter Roman ist, in Spanien allerdings gerade einbändig erschienen ist. Die beiden deutschen Bände 1 und 2 sind noch nicht als TB erschienen, so müsste man derzeit etwa 80 Euro für den kompletten Spaß hinlegen. Man lese eine Besprechung, die auch auf den Inhalt eingeht, so wie diese hier - im Gegensatz zu vielen, die sich nur über Sprache und Stil Marías auslassen - und nach einigen Seiten wird man sich zurechtfinden in der Welt Jaime Deza's. Die bisherige Übersetzerin Marías', Elke Wehr, ist verstorben und übersetzte bis Seite 277. Der Meister verfasste einen Nachruf in El País. Nachfolger Luis Ruby arbeitet bruchlos, allenfalls ist sein Stil etwas geschmeidiger, lesefreundlicher, auf nur geringe Kosten der Marías eigenen Eleganz aber eben auch gelegentlichen Gestelztheit.

Ein bisschen Biografie über den 58-jährigen Spanier muss im Zuge von „Dein Gesicht morgen“ sein: Javier's Vater, der Philosoph Julián Marías, wurde im Spanischen Bürgerkrieg denunziert - von seinem besten Freund - und drohte von den Franquisten erschossen zu werden. Durch eine mutige Gegenaussage wurde er gerettet. Doch der Schatten dieser Ereignisse wirkt nach: Julián wird mit einem Berufsverbot belegt, sodass die Familie in den Fünfzigern in die USA emigriert, um erst 1959 wieder nach Madrid zu ziehen. Verstärkt in Band 1 und 2 geht es um den Versuch, das Motiv Hass und Gegenhass und den resultierenden völligen Moralverlust speziell mit diesem Krieg als Beispiel zu ergründen. Im vorliegenden „3 Gift und Schatten und Abschied“ schwingt das noch nach und wird erweitert um die Beleuchtung der Feindsicht der Engländer auf den Kriegsgegner Deutschland während des Zweiten Weltkriegs. Sprachrohr hier, die Figur 'Peter Wheeler', ein Geheimdienstagent, der seinem Lebensende entgegensieht und so den Freimut hat, seinem Schützling Jaime Deza, Alter Ego Marías', letztlich Ungeheuerliches und eigentlich Unaussprechliches aus jener Zeit anzuvertrauen. Und da sind wir wieder bei der Bio: Vorbild der Figur ist Javier Marías' Freund Sir Peter Russell, englischer Hispanist, der 2005 verstarb. Marías lehrte zwei Jahre in Oxford und ist Königreich-Kenner und streut sein Wissen über Schriftsteller, Maler oder Geschichtliches auch gerne launig in seine Romane ein.

Freilich muss man über den Marías-Sprachfluss sprechen. Da knallte Mitte der Neunziger einer auf die Büchertische in Deutschland, der dreist seine Sätze über eine ganze Seite aufspannte, dabei nicht überspannte, sondern den Leser vom Anfang des Satzes her trieb und vom Ende her ansog. Diese Mühelosigkeit hat er mit Poetry-Slammern oder Rappern gemein, nur macht er es ohne billige Reime und dafür mit extremer Auslotung des formal korrekt sprachlich Möglichen. Marías, der Schelm, lässt denn auch seine Figur 'De la Garza' einen Rap im Buch vortragen, eine der absurdesten Stellen der 722 Seiten.

Ian Fleming, der James Bond-Erfinder kommt zwar vor in „Dein Gesicht morgen“ - in Band 3 mit einer unappetitlichen Episode, die zeigt, wie fern jeglicher individuellen Menschlichkeit Agenten handeln müssen oder sollen innerhalb der Gesetzmäßigkeit des übergeordneten Zieles -, aber man darf sich das Werk nicht als Spionage-Thriller vorstellen. Marías ist der Meister des gedanklichen Abschweifens, des vermeintlich launigen Einschubs oder der Extrapolierung einer einfachen Feststellung. Dieser Sturzbach ist dem Autor bewusst - so lässt er Alter Ego Jaime selbstironisch den Monolog seines Chefs 'Tupra' unterbrechen „unter Ausnutzung einer winzigen Pause“, um sich etliche Seiten weiter, immer noch in derselben Situation, zu mahnen: „Ich würde nicht zulassen, dass er weiter umherirrte und seine Abschweifungen verfolgte, [...] dass er von einer Hauptsache zu einer Nebensache überging und von dieser zu einer Klammer und von der Klammer zu einem Einschub und dass er, wie er es bisweilen tat, von seinen endlosen Verzweigungen niemals zurückkehrte [...]“ Doch er, der Autor, wird, und der „K-M-Komplex“, der „Kennedy-Mansfield-Komplex“, den die beiden Figuren gerade besprechen, wird viel später fatale Auswirkungen haben. Der besagt, dass sich schon zeit ihres Lebens berühmte Personen umso mehr um ihren Abgang und ihr Fortleben in der kollektiven Erinnerung sorgen. Sowas ist gut zu wissen für die Gruppe, in der Jaime arbeitet: die wird von Staats wegen oder auch von privaten Unternehmen für eine Risikoabschätzung der besonderen Art angeheuert; sie lesen aus Mimik, Gestik und Ausdrucksformen der Observierten deren Verhalten morgen - Dein Gesicht morgen. Das geht keineswegs in esoterische Richtung, der Plot erinnert ja ein wenig an Science Fiction, an Philip K. Dick's „The Minority Report“, eher ist es Aufhänger, es scheint, den Protagonisten wird eingetrichtert, sie hätten diese besondere Gabe, dabei haben sie nur die Talente genaue Beobachtungsgabe und Finden von Schwachstellen. Diese intellektuellen Geheimdienstler oder philosophischen Totprügler bauen eine Atmosphäre untergründiger, schleichender Intensität auf. Anfangs scheint dem Leser alles reichlich absurd, doch Marías unterfüttert mit genügend Fiktivem, Halb-Fiktivem oder Historischem.
Er bringt es fertig, eine sich immer mehr aufheizende Situation, die letztlich auf Sex zwischen Jaime und einer Kollegin hinausläuft, auf 100 Seiten zu zelebrieren, wobei der Sex nur das Gewürz ist, oder auch ein Hebel, um das ungeheure Anliegen zu bekräftigen, das die Kollegin an Jaime heranträgt. Hier geht es zum ersten Mal ans Eingemachte, um Thematiken wie sich nicht die Hände schmutzig machen wollen durch Mechanismen wie Stroh- oder Mittelsmänner, durch deren Einsatz man sich weniger schuldig fühlt; im Falle von Geldeintreibern wird man „nicht wissen wollen, ob das, was er zum festgesetzten Zeitpunkt erhält, vom Schuldner kommt oder nicht; er nimmt es von dem entgegen, der es von ihm entgegengenommen hat, so wie es sein muss.“

Endgültig im Grauen angekommen ist man, wenn Chef Tupra in häuslicher Atmosphäre, zwischen zwei Schluck gutem Scotch sozusagen, Jaime eine ganze DVD voller Snuff-Videos vorspielt, die der Dienst erhascht hat oder in Auftrag gab; allesamt gut gehütete Aufnahmen von Prominenten und Entscheidern in mitunter ekligen Situationen. Man weiß nie, wann der Dienst, der Staat diese gebrauchen kann...
Jaime wird selber in die Situation kommen, in der er aus persönlichen Gründen zu Gewalt greift. In der ersten Hälfte des Buches lauerte etwas unter der Oberfläche. Dann legt sich Brutalität wie ein kriechender Schatten über die Harmlosigkeit, die Jaime bisher seinem Job zugestand. Letztlich muss er erkennen, wie Worte töten können, die vermeintlich nur dahingesagt sind.

Marías wertet nicht. Er versucht zu verstehen. Er lenkt vom Privaten schließlich zurück zu seinem Grundthema, dem Verstehen-Wollen des Handelns während der kriegerischen Eskalationen des Zwanzigsten Jahrhunderts. Es ist seine persönliche Aufarbeitung, und die erfolgt letztendlich ohne Groll. Ihm ist völlig illusionslos bewusst, dass die Verschiebung von Moralwerten augenblicklich wieder in Kraft treten würde ob Ereignissen wie Krieg oder Terror. So ist das letzte Drittel von „3 Gift und Schatten und Abschied“ nochmal eindringlich, besonders für deutsche Leser. Es beleuchtet die scheinbar niedrigschwellige Tätigkeit von Peter Wheeler's Frau Valerie im PWE, dem realen, während des WK II gegründeten, britischen Political Warfare Executive, das sich alle erdenklichen schmutzigen Tricks ausdachte, um im Kleinen oder Großen dem Gegner Deutschland zu schaden.

“War es das, woran sich Ihre Frau gewöhnt hat, Peter? An das, was Sie Niederträchtigkeiten genannt haben? Ich vermute, damals sah man sie nicht als solche an. Und es mag sein, dass sie es jetzt sind, zu der Zeit jedoch nicht waren. Nur Teil des Kampfes.“

Mulmig ist einem als Deutscher schon ob dieser anderen Sichtweise der Engländer, die Marías schildert, die enthoben ist der später entstandenen Assoziationen um Nazitum und Holocaust. Es ging vor dem Eintritt der US-Amerikaner in den Krieg ums schlichte Überleben, nicht um Wertungen. Der Deutsche war schlicht der Feind, der von jedem Bürger mit allen Mitteln bekämpft werden musste. Valerie hatte vor dem Krieg durchaus gute Freundschaften zu Deutschen, doch durch das plötzliche Feindbild kommt sie unachtsam, unmerklich und unbeabsichtigt in eine Henkersrolle.

Javier Marías verachtet Romanciers, die wegen der Aktualität ihrer Romane gelobt werden, doch selber kann er sich diesem Umstand gar nicht völlig entziehen. Der Terror London-Madrid findet Erwähnung, und davon ist es kein weiter Weg, zu den Extraordinary Renditions und Guantanamo eines Landes, das sich seit 2001 im Krieg sieht. Wheeler sagt an einer Stelle, man darf sich nicht gewöhnen an außergewöhnliche Maßnahmen, man muss sie sofort abschaffen, wenn der Krieg vorbei ist!

Peter Wheeler's Frau Valerie wird nach dem Krieg zerbrechen an dem Umstand, dass Dinge, die im Krieg nötig erschienen durch den Perspektivwechsel „im Frieden verdammenswert, schrecklich und übertrieben“ erscheinen. Auch der rationale Wheeler kriegt dadurch sein lebenslanges Trauma ab, obgleich er sich zu vergegenwärtigen versucht, dass diese Dinge „sich schon morgen unter Zustimmung der gesamten Nation wiederholen könnte[n]“. Javier Marías ist sich verdammt unsicher, ob der Mensch aus den Katastrophen des Zwanzigsten Jahrhunderts irgendetwas gelernt hat.

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Besprochene Ausgabe: Klett-Cotta | 2010 | 730 Seiten | Festeinband* | € 29,90
 
* Festeinband: harte Buchdeckel
  / Broschur: weiche Buchdeckel

 
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