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 23.05.2012         Javier Marías - Dein Gesicht morgen - 1 Fieber und Lanze: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Javier Marías - Dein Gesicht morgen - 1 Fieber und Lanze: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Dein Gesicht morgen - 1 Fieber und Lanze

(2004) - Orig.: Tu rostro manaña, 1 Fiebre y lanza (2002), spanisch
Vom Bürger-Spion
Wiedergelesen: Im ersten von drei Bänden seines "Dein Gesicht morgen" spannt Javier Marías den Rahmen für sein Tableau um relative Moral zu verschiedenen Zeiten und um die Wirkung von Gesagtem, hier noch vor allem während des Spanischen Bürgerkrieges.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 08.05.2011

Javier Marías sagte nach der Niederschrift von Band 3, dies sei sein letzter Roman gewesen. Das war dahingesagt und ist mittlerweile widerlegt, doch dass den Autor die drei Bände viel Kraft gekostet hatten, ist glaubhaft. Es scheint, als schreibe er in den dicken Büchern wie ein Berserker einzig um die Frage drumrum, warum das Verhalten eines geliebten oder zumindest lieben Menschen in das Gegenteil umschlagen kann, warum er zum Verräter werden kann und ob man diese Veranlagung hätte voraussehen können: Was er hier in Fiktion fasst, kam in seiner Familie vor. Marías ' Vater wurde nach Ende des Spanischen Bürgerkrieges von seinem ehemals besten Freund denunziert. Ein mutiger Bekannter rettet ihn vor Gericht. Doch Berufsverbote folgen. Der Junge Javier wächst zeitweise in den USA auf, bevor man 1959 wieder nach Madrid zurückzieht.

"Dein Gesicht morgen" dreht und wendet den Punkt zu dem, und die Umstände unter denen, sich menschliche Abgründe begünstigt und schneller auftun und zu welchen Zeiten diese Abgründe gar gar nicht als solche aufgefasst werden. Das tut Marías mithilfe eines Reigens außergewöhnlicher Figuren, die allesamt in "1 Fieber und Lanze" eingeführt werden und die hauptsächlich zwei Generationen angehören. Im Mittelpunkt des in Oxford und London spielenden Romans sind diejenigen, die die Katastrophen Zweiter Weltkrieg und Spanischer Bürgerkrieg als Erwachsene miterlebt haben. Sie treten bei Marías als noch Lebende auf oder in den Abschnitten vergangener Erzählzeit. So fungiert Ich-Erzähler 'Jaime' als Alter Ego des Autors und diskutiert die Erlebnisse um den verratenen Vater mit seinem Mentor, dem pensionierten Oxford-Professor 'Peter Wheeler'. Soviel kann vorweggenommen werden: Im totalen Überlebenskrieg gegen Hitler-Deutschland war es "trivial", wie es Wheeler einmal ausdrückt, dass gerade die britische Intelligenzia, vor allem Oxford, zu besonderen Aufgaben herangezogen wurde, sprich Aufklärung und Spionage, MI5 oder MI6. Und so landet man schnell bei einem der Kernthemen des gesamten "Dein Gesicht morgen", bei den Dingen, "die man nicht mehr erzählen kann, obwohl sie geschehen sind, oder nur sehr schwer. Kriegsereignisse klingen kindisch in Zeiten relativen Friedens", so Wheeler.

Dieses "Kindische" oder diese Geheimdiensttätigkeiten lassen sich bei Fallenlassen der Ummäntelung eben sehr schnell auf Sabotage, Subversion, Mord, Zerstörung, Verrat, Terror konkretisieren. Zu relativen Friedenszeiten zumindest zwielichtig - zu Kriegszeiten Bürgerpflicht, genauso sanktioniert wie das Handwerk des gemeinen Soldaten.

Raffiniert webt Javier Marías die Vergangenheit in die Gegenwart seines Protagonisten und Ich-Erzählers Jaime, einem Madrider, der in London für den BBC Dinge rund um Spanien behandelt. Zu den alten Oxford- und Spionage-Recken hat er über frühere Uni-Tätigkeiten Kontakt. Behutsam, doch nachdrücklich, macht Mentor Wheeler ihn mit dem jüngeren, charismatischen 'Bertram Tupra' bekannt. Genauso ominös wie sein Name, bleibt lange Zeit dessen Tun ...
Doch letztendlich wird Jaime für die Organisation Tupra's arbeiten und legt damit den Grundstein für ein Tun, dessen Konsequenz sich erst nach 1.500 Seiten in Band 3 offenbaren wird. Eigentlich liefert er nur Berichte, Einschätzungen darüber, wie sich eine beobachtete Person in Zukunft verhalten könnte, ihr "Gesicht morgen". Er habe die seltene Gabe, "bei den Menschen das zu sehen, was nicht einmal sie selbst sehen können oder zu sehen pflegen", so sein Mentor. Das klingt esoterischer, als es ist; im Endeffekt werden Inhalt und Form des Gesagten ausgewertet. Dieser Handlungsrahmen ist immer wieder mit Happen der gekonnten Abschweifung geschmückt, die teils neue Spannungsköder beinhalten. So stellt Jaime eines Nachts nach einer Abendgesellschaft in Wheeler's Bücherzimmer fest, dass dieser mit Autor und Spion Ian Fleming befreundet war, dem Schöpfer von James Bond. Eine der Buchwidmungen enthält spanische Sätze und macht Andeutungen auf den gleichnamigen Bürgerkrieg, den die Briten gern den romantischen nennen ...

Javier Marías spannt gerne auf die Folter, obwohl diese Redensart nicht lustig klingt im Rahmen dieses und der weiteren Bände von "Dein Gesicht morgen". Der gleichenteils autobiografische und historisch informative Einschub um den Spanischen Bürgerkrieg gehört zu den eindringlichsten des Buches. Er macht menschliche Entartung gerade unter dieser Kriegs-Art erfahrbar, unter der "Rechnungen beglichen" werden können, "Morden ohne zu erwartende Konsequenzen" möglich ist, das Töten "gefahrlos und ohne jede Kontrolle" ist. In der Marías eigenen Sprachmacht zählt er über Seiten die "Vorwände für den überflüssigen Mord" auf.
Überhaupt, und das ist genau seine Erzählkunst, lässt er Figur Jaime gefühlte hundert Seiten nur im Bücherzimmer recherchieren, ohne dass es eine davon langweilig wird.
Mit den Gründen für Vergeltung während oder nach dem Spanischen Bürgerkrieg - durch Seiten der Sieger - kehrt man ein weiteres Mal zu Grundmotiven des Buches zurück. Mitunter scheinbar Harmloses zählt Marías auf, etwa vergangene Ängste, Frustrationen, empfangenes Mitleid oder gezeigte Schwächen. Eines dieser vielen muss es wohl beim ehemals besten Freund des Vaters gewesen sein.

Was es mit dem genialen Cliffhanger in Form der "Frau mit Hund" auf der allerletzten Seite auf sich hat, müssen sie selber lesen.
Wir, sf magazin, freuen uns auf die Besprechung von Band "2 Tanz und Traum" unter dem Stichwort Wiedergelesen zum Sommer 2011.

Besprochene Ausgabe: Klett-Cotta | 2004 | 489 Seiten | Festeinband* | € 24,95


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
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